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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-22 · Heft 38 (22.9.1887) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 38 (22.9.1887)
Date
1887-09-22
Page
Seite 598 (sequence 6)
Language
German
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598 und findet eine Analogie nur in der katholischen Kirche, wo man die lateinische Übersetzung der Vulgata zum Führer nimmt und deßhalb in den Texten Dinge findet, die in der Ursprache garnicht vorhanden. Selbst Renan hat sich auf diese Weise recht arger Jrrthümer schuldig gemacht. Um nun denjenigen unserer Leser, welchen Philo in seinem griechischen Gewände nicht zugänglich ist, einige Beispiele seiner allegorischen Auslegung nahe zu bringen, greifen wir zu dessen zweiter Schrift: „die Allegorien der h. Schrift nach der Schöpfungsgeschichte", und wählen hier die Geschichte des Paradieses aus, die unserem Interpreten einen reichen Stoff bot, und daraus wieder die Erklärung der Paradiesesströme. „Und ein Strom geht hervor aus Eden, zu befruchten den Garten, und von hier theilt er sich und wird zu vier Hauptströmen. Der Name des einen ist Physon (Pischon), derselbe umfließt das ganze Land Evilat (Havilah), da wo das Gold, und das Gold desselbigen Landes ist gut; daselbst ist der Rubin und der Smaragdstein. Und der Name des zweiten Flusses ist Geon (Gichon), derselbige umfließt das Land Aethiopien (Kusch). Und der Name des dritten Flusses ist Tigris (Hiddekel), derselbe geht entgegen den Assyriern, und der vierte Fluß ist der Euphrat". Hiermit sollen die Haupttugenden bezeichnet werden. Sie sind an Zahl vier: Weisheit, Mäßigkeit, Tapferkeit und Gerechtigkeit. Der große Fluß aber, aus welchem die anderen als Arme entstehen, ist die allgemeine Tugend, welche von einigen Güte genannt wird; die vier Arme aber sind die gleichzahligen Tugenden. Die allgemeine Tugend nimmt ihren Ursprung in Eden, der Weisheit Gottes, die sich freut und stolz und glücklich ist, int ausschließlichen Anschauen und Verehren ihres Vaters Gott. Jene aber sind vier Ableitungen aus der allgemeinen Tugend, welche wie ein Strom ihnen die Pflichten zuwälzt mit der großen Fluth schöner Handlungen. Betrachten wir die Worte selbst. „Ein Strom", heißt es, „geht hervor aus Eden, zu befruchten den Garten." Der Fluß ist die allgemeine Güte, die geht hervor aus Eden, der Weisheit Gottes, das heißt aus der Vernunft Gottes, denn in Gemäßheit dieser ist die allgemeine Tugend geschaffen. Es fließt aber die allgemeine Tugend, um den Garten zu bewässern, das sind die einzelnen Tugenden. Die Hauptströme sind nicht örtlich zu nehmen, sondern principiell. Denn jeder derselben ist ein Princip und in Wahrheit eine Königin unter den Tugenden. Der Ausdruck „er theilt sich" bedeutet „er wird mit Grenzen versehen". Die Weisheit giebt die Grenzen für das, was zu thun sei; der Muth, was zu ertragen sei; die Mäßigkeit, was zu wählen sei; die Gerechtigkeit, was zu ertheilen sei. „Der Name des einen ist Physon, derselbe umgiebt das ganze Land Evilat, da wo das Gold, und das Gold desselbigen Landes ist gut; daselbst ist der Rubin und der Smaragdstein". Die eine Art der vier Tugenden ist die Weisheit, die Physon genannt wird von xbsiässtdui (ersparen), weil sie der Seele erspart und abwehrt das Unrecht. Sie umgiebt aber das Land Evilat, das heißt sie bewahrt die ruhige, milde und heitere Gesinnung. Wie aber unter den schmelzbaren Dingen das beste und ansehnlichste das Gold ist, so ist auch die ansehnlichste Tugend der Seele die Weisheit. Das „da wo das Gold" heißt, nicht in örtlicher Bedeutung, wo das Gold ist, sondern (in bildlicher): woselbst zu erwerben die goldglänzende, strahlende und ehrwürdige Weisheit, die allgemein als die schönste Gabe Gottes anerkannt wird. An dem Orte der Weisheit giebt es zwei an Beschaffenheit verschiedene Wesen, den weise Handelnden und den Weises Denkenden, welche mit dem Rubin und dem Smaragde verglichen werden. „Und der Name des zweiten Flusses ist Geon, derselbe umfließt das Land Aethiopien". Dieser Fluß bedeutet symbolisch die Tapferkeit. Denn der Name Geon ist erklärt „Brust" oder „mit den Hörnern stoßend"'). Beides ist ein Zeichen der Tapferkeit. Denn diese wohnt in der Brust, wo auch das Herz und rüstet sich wohl zur Abwehr. Sie ist die Kunde von dem, was zu ertragen und was nicht zu ertragen sei, und von dem Gleichgültigen. Sie umgiebt aber und umfließt feindselig Aethiopien, das nach etymologischer Erklärung I^xkinosis das ist Schwäche bedeutet. Das Schwache nun ist die Feigheit, die Tapferkeit aber ist der Schwäche und Feigheit geradezu entgegengesetzt. „Und der Name des dritten Flusses ist Tigris, derselbe geht entgegen den Assyriern". Die dritte Tugend ist die Mäßigkeit, die der Lust gegenüber steht, welche die menschliche Schwäche aufzurichten scheint. Denn Assyrier bedeutet in griechischer Sprache „die Aufrichtenden". Ferner wird die Begehrlichkeit mit dem grimmigsten Thiere, dem Tiger, verglichen, da die Mäßigkeit es mit jener zu thun hat. Und hier muß man fragen, weshalb die Tapferkeit an zweiter und die Mäßigkeit an dritter Stelle, die Weisheit aber zuerst aufgeführt, und weshalb von der Thätigkeit der anderen Tugend nicht gesprochen wird? Man muß nun wissen, daß unsere Seele dreifach getheilt ist, in die Vernunft, die Gesinnung und die Begehrlichkeit. Der Ort und die Wohnung der Vernunft ist stets der Kopf, der Gesinnung die Brust, der Begehrlichkeit der Bauch. Jedem dieser Theile ist eine bestimmte Tugend überwiesen. Der Vernunft die Weisheit, denn es ist Sache des-Vernunftschlusses zu wissen, was man thun solle und was nicht; der Gesinnung die Tapferkeit; und der Begehrlichkeit die Mäßigkeit, denn durch Mäßigkeit beschränken und heilen wir die Begehrlichkeit. Wie nun der Kopf der erste und oberste Theil des lebenden Geschöpfes ist, die Brust der zweite und der Bauch der dritte: i) Hier recurrirt Philo auf das Hebräische, auf pru und

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