Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1887)
- Date
- 1887-09-22
- Page
- Seite 597 (sequence 5)
- Language
- German
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597 die Sünde, den Tod und den Teufel zu Herren der Welt macht, habt ihr bedacht, welch' abschüssigen Weg zum Abgrunde der Bestialität und der Abscheulichkeit ihr geht? O ihr erbärmlichen Mystiker, wann werdet ihr lernen, daß Gottes Wahrheit und des Menschen Segen in der vollen Gesundheit, auf der breiten Landstraße des gesunden Menschenverstandes, im hellen Sonnenscheine der Seele weilt, und daß alles Verständniß, alles Genie nur in der Fähigkeit liegt, in den gewöhnlichen Dingen das Wunderbare zu erblicken!" — Der Verfasser, welcher so Vieles zu der Entlarvung der Spiritisten beigetragen, geht jede Art ihrer Kundgebungen durch und weist die Art nach, wie sie ausgeführt werdend) Hoffen wir, daß durch diese Entlarvungen endlich dem ganzen abergläubischen Schwindel ein Ende gemacht wird. Man wird dann auf diese Vorgänge als auf eine Modekrankheit der Zeit zurückschauen, und sich höchlichst wundern, daß dergleichen noch im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eine solche Verbreitung finden konnte. Wir Juden aber seien stets eingedenk der Worte unsrer Thora (5 Mos. 18, 9): „So du in das Land kommst, das der Ewige, dein Gott dir giebet, so lerne nicht gleich den Greueln dieser Völker thun. Es werde nicht unter dir gefunden: wer Wahrsagerei, verdeckte Künste und Zeichendeuterei und Zauberei treibt, und.wer Bann spricht und Beschwörung befragt und Zauberkundiger und Todtenbeschwörer. Denn ein Greuel des Ewigen ist Jeder, der Solches thut, und wegen dieser Greuel treibt der Ewige dein Gott jene vor dir aus. Vollkommen sollst du sein mit dem Ewigen, deinem Gotte. Denn diese Völker hören auf die, so verdeckte Künste treiben und auf Wahrsager: du aber, nicht also bestimmte es dir der Ewige dein Gott." 3) Auch vom „Gedankenlesen" handelt der Vers, ausführlich. Man weiß, daß sonst kühl beobachtende Menschen davon in Erstaunen gesetzt worden. Genau genommen ist „Gedankenlesen" keine angemessene Bezeichnung dasür. Denn es handelt sich dabei nur um das Auffinven einer versteckten Nadel, einer Zahl oder eines Gegenstandes, den eine Person aus der Gesellschaft sich ausgewählt hat und dabei sein ganzes Sinnen auf diesen gerichtet hält. Der Gedankenleser führt nun diese Person unter sorgfältigem Stillschweigen Aller nach verschiedenen Richtungen an der Hand hin, bis er den Gegenstand gefunden hat. Das Mittel hierzu ist eine feine Beobachtung der unwillkürlichen Bewegungen der Muskeln der Hand und des Pulses der gesührten Person unter den psychischen Einflüssen. Diejenigen „Gedantenleser", welche dies Manoeuvre vorstellten, es dann aber den Anwesenden erklärten, stimmen in dieser natürlichen Erklärung überein. Uebrigens kann es nur in kleinen Kreisen ausgeführt werden, und es ist erwiesen, daß es unter 35 Malen nur einmal gelingt. Die größte Geschicklichkeit zeigte ein gewisser Cumberland darin, welcher als antispiritistischer Künstler austrat, mit dem „Gedankenlesen" aber selbst gewinnreichen Sport trieb, und, wie nachgewiesen, sich dabei allerlei Kunstgriffe, auch dieses und jenes Mitwissers bediente, der ihm verstohlene Winke gab. — Vom „Hypnotisiren" spricht der Vers, nicht. Es ist dies ein Gebiet, welches noch erforscht und aufgeklärt werden muß. Die Wlonifche und die talmudische Interpretation. ii. Die zweite und vorzugsweise von Philo angewandte Auslegungsweise ist die allegorische und symbolische. Wir haben für dieselbe bereits kurz eine Erklärung zu geben versucht. Wenn einerseits alt überkommene geheiligte Urkunden strenggläubig aufrecht erhalten werden sollen, andererseits eine verfeinerte Geistesbildung und eine philosophische Richtung mit einem guten Borrath philosophischer Ideen vorhanden sind: so entsteht das Verlangen und das Streben, diesen ganzen Jdeenkreis in jenen Urtexten wiederzufinden und als den eigentlichen Sinn dieser heiligen Texte darzustellen. Dies ist jedoch nur auf allegorischem und symbolischem Wege möglich, ja diese Auslegungsweise um so unumgänglicher, je feiner und höher die philosophischen Ideen sind. Aus diesen psychischen Gründen geschah es, daß Philo neben der rationalistisch raisonnirenden Interpretation des einfachen Wortverständnisses die allegorische Deutung der h. Schrift, vorzugsweise der Thora, erfand und in weitem Maße anwendete. Philo war von der Wahrheit und der Heiligkeit des Schriftwortes aufs Innigste überzeugt; aber er war auch der platonischen Philosophie ergeben. Aus beiden Wurzeln sproßte in ihm der aufstrebende Stamm seiner allegorischen Schriftdeutung heraus. Dies machte ihn ebensowohl zu einem originellen Ausleger der Schrift, als hinwiederum zu einem originellen Philosophen. Seine Bewunderer brachten deßhalb das Sprüchwort auf: „entweder Philo platonisirt, oder Plato philonisirt," womit eben die Größe Philo's und seine Originalität innerhalb der platonischen Philosophie bezeichnet werden sollte. Vom Standpunkte der heutigen Exegese können wir diese allegorische Auslegungsweise Philo's nur als willkürlich, als ein auf wirkliche Geltung keinen Anspruch besitzendes Gedankenspiel betrachten, das zu ethischen und homiletischen Zwecken und als eine eigenthümliche Geistesthätigkeit zu dulden und anzuerkennen ist. Niemandem entgeht es, daß Philo oft weit über die rechte Grenze hinausgegangen, daß seine Auslegungen nicht selten ungeheuerlich und abstruse sind. Dennoch ist sowohl seine Geistesstärke, seine Vertiefung in die Ideenwelt, als auch die Höhe seiner dogmatischen und die Reinheit seiner ethischen Anschauungen überaus zu achten und der Scharfsinn, mit welchem er seine Austüftelungen findig zu machen weiß, nicht selten zu bewundern. Was ihn uns allerdings entfremdet, ist, daß er nur selten zu dem hebräischen Urtext greift, vielmehr sich an die griechische Uebersetzung der Septuaginta hält, und nun von dieser sich verleiten läßt, Ideen aus den griechischen Worten herzuleiten, von welchen keine Spur im hebräischen Texte vorhanden, oder die diesem geradezu widersprechen. Dies liegt unserem jetzigen Verfahren gänzlich fern