Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1887)
- Date
- 1887-09-22
- Page
- Seite 595 (sequence 3)
- Language
- German
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595 Wohl, Glaubensgenossen! Die Religion Israels öffnet euch abermals die Pforte zu diesem „Allerheiligsten". Tretet ein und weilet darin, und möge Vielen von euch das erhabene Werk gelingen. Doch Niemand, der aufrichtigen Sinnes dahin geht, wird ohne den heiligenden Einfluß des Festes bleiben: er wird anders von dannen gehen wie er gekommen. Denn in der Tiefe der Menschenseele gehen unbewußt Veränderungen vor, die auf unser Denken und Fühlen, unser Thun und Lassen wirken. „Gesegnet seid aus dem Hause des Ewigen!" Spiritualismus und Spiritismus. Es ist nothwendig, daß wir in unsrem Bewußtsein stets den Unterschied zwischen Spiritualismus und Spiritismus festhalten. Denn der Spiritismus, diese traurige Pflanzung des Aberglaubens, die von Nordamerika nach England und von England nach dem Festlande, insonders nach Deutschland versetzt worden und daselbst eine weite Ausbreitung gefunden, sucht sich den Schein der Uebereinstimmung mit dem Spiritualismus zugeben und diesen dadurch zu fälschen, wie jener in all' seinem Thun auf Fälschung und Betrug beruht. Der Spiritualismus ist die Lehre von der Eigenexistenz der Menschenseele. In dem Menschen sind Seele und Körper in einer innigen und harmonischen Verbindung vorhanden, und üben eine gegenseitige Wirkung sowohl in normalen als krankhaften Zuständen auf einander aus. Mit dem Tode scheiden sich beide: „Der Staub kehret zum Staube zurück, von dem er genommen, der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben." Der Spiritualismus lehrt also die Fortexistenz der Menschenseele nach dem Tode, er beansprucht aber nicht, über die Art dieses Jenseits einen bestimmten Aufschluß zu geben, was auch die Phantasie der alten und neueren Religionen aus dem Munde der Priester darüber gefabelt haben. Er combinirt nur aus seinem Gottesbegriff und aus dem Wesen des Menschen, daß eine Fortentwickelung des Menschengeistes, beeinflußt von seiner Lösung aus den sinnlichen Banden und von dem göttlichen Gericht über das Thun des Menschen während seines Erdenlebens, d. h. von dem sittlichen Standpunkte aus, den er im Diesseits erreicht hatte, stattfindet. Weiter geht der Spiritualismus nicht, und so enthält er die echte Lehre des Judenthums. Die Leser wissen, daß die materialistische Anschauung, die sich besonders in der Pseudowissenschaft breit macht, dieser Lehre entgegentritt; sie leugnet die Sonder- und Fortexistenz der Seele, und will diese nur als eine Funktion gewisser Gehirnfasern, des Rückenmarks und der Nerven, betrachten. Beweise hierfür kann sie nicht beibringen, denn was sie aus vivisecirten Thieren deducirt, ist nur in geringem Maße zutreffend, sobald man den allgemeinen Zustand beachtet, in welchen die Verstümmelung der Organe diese Thiere versetzt. Es versteht sich, daß gewisse Nerven die Vermittelung der Sinnesorgane mit der Seele Herstellen, daß z. B. vom Rückenmark die motorischen Nerven auslaufen u. dergl. Aber es ist ebenso klar, daß die Thätigkeit der Seele fortdauert, auch wenn diese Nerven verletzt oder abgestorben sind, nur daß die Funktionen nicht mehr ausgeführt werden. Wenn z. B. die motorischen Nerven nicht mehr fungiren, wir also eine Bewegung nicht mehr ausführen können, so hört damit die Seele nicht auf, bewegen zu wollen, nur daß die körperlichen Organe nicht mehr gehorchen. Ich will gehen, aber ich kann nicht mehr. Die Willenskraft der Seele ist also unverletzt, nur daß ihr die vermittelnden Organe, welche die Muskeln strecken und zusammenziehen, nicht mehr gehorchen. Ein anderer Beweisgrund gegen jene materialistische Ansicht ist, daß die sg. Vermögen oder Kräfte der Seele nur nach den Eigenheiten ihrer verschiedenen Thätigkeiten in der Logik und Psychologie schematisirt sind. In der Wirklichkeit sind diese Thätigkeiten durchaus nicht getrennt. Wir können nicht denken, ohne daß zugleich die Einbildungskraft, das Vorstellungsvermögen, das Gedächtniß zu gleicher Zeit in Thätigkeit sind, und die Empfindungen sind mit dem Denken durchaus verwachsen, dienen ihm zu Motiv und Ausgang und werden wiederum von ihm geleitet und gestaltet. Die Einheit der Seele ist hierdurch constatirt; sie theilen und an verschiedene Fasern oder Gehirntheile binden zu wollen, widerspricht Allem, was die Natur der Seele ausmacht. Doch wir wollen hier in eine ausführliche und gründliche Widerlegung der materialistischen Anschauung nicht eingehen. Es war uns nur darum zu thun, den Spiritualismus zu charakterisiren und ihn von anderen, jetzt allzu geläufigen Theorien zu unterscheiden. Der Spiritismus ist nun nichts anderes als eine Afterbildung des Spiritualismus. Er begnügt sich nicht mit der Lehre von der Eigen- und Fortexistenz der Seele; er zieht aus dem Staube der Vergangenheit die abergläubische» Meinungen wieder hervor, daß die Seelen drr Verstorbenen wieder in die materielle Sphäre zurückkehren oder vielmehr zurückgeführt werden können, daß diese Geister durch ein Fluidum aus dem Gehirne eines „Mediums", d. h. eines Menschen, der dazu die besonderen Eigenschafteu besitzt, „materialisirt" werden können, durch Klopfen, Stimmen, Schreiben, Aufheben von Körpern und selbst Sichtbarwerdung in der Erscheinung, in die Verbindung mit der Menschenwelt zu treten vermögen, ja daß sie auf diese Weise im Stande sind, Rath zu ertheilen, Reccpte zu schreiben, die Zukunft vorauszusagen. All' dieser Aberglaube, der seit dem höchsten Alterthume von Zeit zu Zeit unter den Menschen sich breit machte, Religion und Sittlichkeit corrumpirte und dem Menschenthum unendlichen Schaden bereitete, ist dem Spiritualismus nicht 38*