Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1887)
- Date
- 1887-09-22
- Page
- Seite 594 (sequence 2)
- Language
- German
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594 4 aber diese Gegensätzlichkeit sammt ihren unberechenbaren Nuancen auf dem religiösen und sittlichen Gebiete. Der Unglaube und die materialistische Anschauung haben eine weite Verbreitung gefunden. Die Selbstherrlichkeit des Menschen und sein Drang nach Unabhängigkeit verjagen alle religiösen Gefühle, obschon man doch durch die tägliche Erfahrung von der Abhängigkeit des Menschen in seiner natürlichen Beschaffenheit und in seinem Geschick aufs Empfindlichste belehrt wird. Man baut sich die Welt ohne Gott auf, während man doch niemals die Frage zu beantworten vermag, woher das Leben gekommen, und jene Ordnung und Gesetzmäßigkeit, welche dem Weltall in Fülle der Schönheit den Bestand sichert? Und doch sind die Menschen der Gegenwart, und zwar in allen Schichten, maßloser Leichtgläubigkeit ergeben, und trotz jenes Unglaubens findet der Aberglaube, der Spiritismus mit seinem Geisterspuk und all' seinem betrügerischen Schwindel eine außerordentliche Verbreitung und blendet selbst Männer der Wissenschaft, die sich auf ihre experimentelle Forschung so viel zugute thun. Ja, neben diesem Unglauben findet die Bigotterie einen weiten Spielraum, und unser Jahrhundert des zum Extrem geführten Darwinismus ist zugleich das Jahrhundert des Unfehlbarkeitsdogmas und des maßlosen Mariencultus. — In sittlicher Beziehung kann man beobachten, daß sich allerdings das Sittlichkeitsgefühl verfeinert hat. Man verabscheut das Verbrechen, man brandmarkt jede Barbarei, und keine Zeit hat die Neigung und Opferwilligkeit für wohlthätige Werke, für alle Bestrebungen der Humanität in so hohem Grade besessen und bethätigt, wie die unsrige. Aber das sittliche Bewußtsein hat sich dennoch sehr merklich abgeschwächt. Wie selten sind die Menschen, welche eine Einkehr in sich halten, welche nicht ihre Fehler, Fehltritte und Sünden gleichgiltig anschauen, welche es als ihr Seelenheil betrachten, dieselben zu erkennen, zu erfahren, welchen Umfang, welche Vertiefung jene in ihrer Seele erreicht haben, über dieselben den tiefsten Schmerz empfinden und alle ihre Kraft zusammenraffen, um den Weg der Umkehr, der Reue, der Läuterung aufzufinden und zu beschreiten? Jedermann glaubt sich aus den Verhältnissen und Umständen gerechtfertigt oder doch entschuldigt, und schreitet unbekümmert auf seinem Wege fort. Es ist eben nur die Ächtung bei den Mitmenschen und die Furcht vor dem Strafi ichter, welche den jetzigen Menschen beherrschen. Die Furcht vor Gott, vor seinem Gerichte, die Gewißheit von Strafe und Lohn sind dem jetzigen Menschen verloren gegangen, wenigstens haben sie nachhaltigen Einfluß auf seine Gedankenwelt und dadurch auf sein Thun und Lassen eingebüßt. Man lehrt sie noch der Jugend, sucht sie den Kinderseelen einzuflößen, aber die Eltern sorgen selbst dafür, daß diese Eindrücke der ersten Kindheit bald wieder verschwinden; was sie im Leben schauen und was sie aus der Literatur erfahren, ruft allzu schnell das Gegentheil hervor. In diese Verworrenheit tritt die Religion Israels mit ihren einfachen, dem Verstände entsprechenden, dem Herzen zusagenden Lehren ein. Sie sagt: Jeder Mensch ist sündhaft durch die Neigungen seiner Sinnlichkeit und durch die gesellschaftlichen Verhältnisse; er ist aber berufen nnd verpflichtet, diese Neigungen und Triebe zu beherrschen und unentwegt die Pfade des Rechts und der Liebe zu gehen. Darum hat sie die wahren Begriffe von Gott, der Welt und dem Menschen verkündet und die Gebote der reinsten Sittlichkeit formulirt. Ist aber der Mensch trotzdem schuldhaftig geworden, so fordert sie von ihm, daß er seine Fehler erkenne, bereue und verlasse, daß er umkehre vom bösen Wandel, die angerichteten Schäden auszugleichen suche und so sich läutere und bessere. Dann verkündet sie ihm, daß er der Vergebung seiner Schuld von Gott, dessen Barmherzigkeit unbegrenzt ist, sicher sei, daß seine Seele vor Gott wieder rein werde. Und um ihren Bekenner hieran zu mahnen und hierin zu fördern, hat sie „den Tag der Versöhnung" eingesetzt, an welchem der Israelit, getrennt von der Welt und der Thätigkeit in dieser, an diesem Heilswerke arbeite und diesem seinem höheren Berufe lebe und die Vergebung seiner Schuldhaftigkeit erstrebe. Versöhnt mit Gott, mit seinem Nächsten und mit sich selbst, tritt er dann wieder zurück in das Leben, sich die empfangenen Eindrücke bewahrend und seine ferneren Handlungen danach gestaltend. Dies sind die beiden Ziele, welche das Judenthum für seine Bekenner erstrebt: sie zu den Höhen der Sittlichkeit in Liebe, Gerechtigkeit und Friede zu führen, und, wenn sie gefehlt, durch Erkenntniß, reuige Umkehr und Besserung die Vergebung ihrer Schuldhaftigkeit erreichen zu lassen. Denn rein kommt die Seele aus den Händen ihres Schöpfers, nur daß in der willensfreien die Neigungen und Triebe erwachen, welche, nicht in sittliche Schranken gehalten, zur Sünde verleiten — aber „rein" soll sie wieder werden „vor Gott"! — Dies lehrt die Religion Israels von der ersten Seite ihrer Urkunden an, und noch einer der letzten Propheten (Ezech. 18.) verkündet, nachdem er ausführlich geschildert, was böse und was gut ist: „So der Frevler zurückkehrt von all' seinen Sünden, die er vollführte, und alle meine Satzungen wahret, und Recht und Gerechtigkeit übet: so wird er leben, nicht sterben. All' seine Missethat, die er vollführte, wird ihm nicht gedacht, durch seine Gerechtigkeit, die er übte, wird er leben." Und weiter: „Und so ein Frevler von seinem Frevel sich abkehret, den er geübt, und Recht und Gerechtigkeit übet: erhält er seine Seele am Leben; da er eingesehen hat und zurückkehret von all' seinen Missethaten, die er vollführte: so wird er leben, nicht sterben!"