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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-22 · Heft 38 (22.9.1887) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 38 (22.9.1887)
Date
1887-09-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Hudenthums. Ein imMtciWes Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippso« in Bonn. GXpeöitron: Leipzig, Woßpkah 17 In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 22. September 1887. Nr. 38. lüdstt. Leitende Artikel: Zu den hohen Festen. III. — Spiritualismus und Spiritismus. — Die Philonische und die talmudische Interpretation. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Gießen, Nürnberg. — Oesterreich-Ungarn: Pest, Prag, Lemberg, Aus Böhmen. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Eine Succah-Erinnerung. Sizitcwbc Bonn, 18. September. Zu den hohen Festen, m. Die Signatur unserer Zeit ist eine auffällige Verworrenheit der Ansichten und Meinungen und des daraus fließenden Verhaltens und Thuns. Bon der einen Seite wissen die Menschen nicht genug sich herabzusetzen, bezeichnen sich als Abkömmlinge der Affen oder gar der Urzelle und des Urschlamms, und suchen für jede Thätigkeit ihres Geistes irgend eine Faser des Gehirns auf, die sie dafür verantwortlich machen. Andrerseits gefallen sie sich in einer Selbstüberhebung, Selbstüberschätzung, wie sie frühere Zeiten nicht gekannt. Man rühmt sich, jeder Autorität sich zu entziehen, Alles was die Menschheit in den Jahrtausenden der Entwickelung geschaffen, erkannt und entfaltet hat, zu mißachten und von den Erkenntnissen der Neuzeit in den Schatten gestellt anzusehen, obschon diese Erkenntnisse der Neuzeit mehr in Hypothesen als in bereits fest begründeten Resultaten bestehen. Man durchwühlt alle Reste der Vergangenheit, um mit außerordentlicher Wiffensbegier bis in die detaillirtesten Lebensgewohnheiten der ältesten Völker einzudringen, während man andrerseits die geschichtlichen Erscheinungen verachtet, wie man denn z. B. gegenwärtig jeden Jünger der Medicin vergebens nach den Systemen seiner Kunst im vorigen Jahrhundert, ja in der ersten Hälfte des laufenden Säculums fragen wird; er ist vielmehr stolz auf die neueste Heilmethode, die jedoch im nächsten Jahre verworfen und durch eine andere ersetzt werden wird. Giebt es denn etwa irgend eine nach so paradoxe Meinung, die in der Gegenwart nicht bloß ihren Ausdruck, sondern auch ihre Anhänger fände? Bei dem allgemeinen Streberthum und dem ungeheuerlichen Preßbedarf scheuen sich wenige, selbst ihre Einfälle und Thorheiten ans den Markt zu bringen und sie als unumstößliche Wahrheit feil zu bieten, und wenn sie nur pikant sind und recht anmaßlich auftreten, werden sie die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen, und nicht ohne Anklang und Nachfolge bleiben. Man braucht nur die deutsche, nicht bloß publicistische, sondern auch wissenschaftliche Literatur zu durchmustern, um unsere Schilderung wahr und die Verworrenheit der Ansichten und Meinungen erklärlich zu finden. Diese Selbstüberschätzung findet auf allen Gebieten des menschlichen Lebens statt. Sie bewirkt, daß selbst der unwissendste und unerfahrenste Dörfler in seinem Unabhängigkeitsgefühl ein souveränes Urtheil über die politischen und socialen Weltverhältnisse sich znerkennt, und nicht ansteht zu meinen, daß er Gesetzgebung und Verwaltung viel besser machen würde, wenn man ihm Raum dazu gäbe. Und doch entbehrt unsere Zeit durchaus des Servilismus nicht; man beugt sich vor dem Erfolge, man huldigt der Macht, auch wenn sie in der Gewalt besteht, man verlangt, so zu sagen, nach einem Popanz oder Fetisch, vor dem man sich niederwerfe, und dem man stolz ist Folge zu leisten. Welche Verwirrung all' diese Neigungen Hervorrufen müssen, ist leicht ersichtlich, besonders. aus dem Parteigetriebe, das sich noch dazu jeden Tag verändert und umgestaltet. — Am auffälligsten erscheint 28

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