Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1887)
- Date
- 1887-09-15
- Page
- Seite 590 (sequence 14)
- Language
- German
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590 Es ist wohl wahr, daß die Regierung den Israeliten ein Terrain zum Bau einer Synagoge zur Disposition gestellt; dasselbe findet sich aber in einiger Entfernung vom Mittelpunkt der Stackt, und dann, woher sollen die Mittel zu einem solchen Bau genommen werden? Wenn die Gemeinde eine schöne Synagoge besäße, würde das Juderthum in Griechenland mehr Ansehen gewinnen; dann würde auch die Gemeinde einen officiellen Charakter bekommen, den sie bisher nicht hat; sie würde sich unter dem Schutz der Gesetze dieses Landes entwickeln, und falls sie noch das Glück hat, einen guten Rabbiner zu finden, würden ihr die Elemente zu materiellem und moralischem Wohlergehen nicht fehlen. Man hat mir versichert, daß in Athen 200 bis 300 jüdische Familien ihr Auskommen fänden. Unsere Glaubensgenossen aus Anatolien, die bereits das Neugriechisch sprechen, besonders diejenigen, welche nicht ganz mitellos sind, dürften in Griechenland für ihre Intelligenz und ihre Thätigkeit Spielraum finden. Es wäre auch dies für das nicht reiche Land ein Element des Wohlstands, wo die Industrie, der Handel und Ackerbau noch viel zu wünschen übrig lassen. Wenn man jedoch ein halbes Jahrhundert zurückblickt, so muß man dem gemachten Fortschritt alles Lob zollen und die beste Zukunft einem Bolle Vorhersagen, das so intelligent ist wie die Griechen, und die Sympathien der ganzen civilisirten Welt für sich zu gewinnen wußte. Die politische Lage unserer dortigen Glaubensgenossen ist eine vorzügliche. Die griechische Constitution, ebenso tolerant wie liberal, macht nicht den mindesten confessionellen Unterschied. Diese Toleranz ist auch in die Sitten übergegangen, denn obgleich die meisten Israeliten von ottomanischer Herkunft sind, so leben sie doch in vollkonimener Harmonie mit den Griechen und können sich ohne irgend welche Störung ihren Geschäften widmen. Die wohlhabendsten haben griechische Associss, und man sieht Firmen wie: „Levy-Bassiliades-Arabontimos" oder „Coen-Lecos". Unsere Glaubensgenossen, beglückt, unter solchem Regime zu leben, erfüllen gewissenhaft ihre bürgerlichen Pflichten. Ich habe jüdische Soldaten aus Chalcis und Corfu gesehen. Bei Gelegenheit unserer Feiertage erhalten dieselben leicht eine Beurlaubung. Die athenischen Israeliten von fremder Herkunft werden sich bald um die griechische Nationalität bewerben. Wenn man sich einmal in Griechenland befindet, kann man es sich nicht versagen, die merkwürdige und alte Gemeinde von Chalcis auf der Insel Euböa zu besuchen. Der schmale Canal, der diese Stadt von Böotien trennt, erregt die Bewunderung der Fremden. Abgesehen von der malerischen Seite, bietet sich daselbst ein Phänomen von Ebbe und Flut, welches die Wissenschaft bis jetzt noch nicht ergründen konnte. Man erzählte mir von einem englischen Touristen, der in einem Nachen fahrend diesen Vorgang aufzuklären suchte, und die Geduld verlierend, sich in die Fluten stürzte, die ihn alsbald verschlangen. Die Ueberfahrt vom Piräus nach Chalcis dauert per Dampfer 10 Stunden. Beim Aussteigen frappirte mich der Anblick einer hebräischen Inschrift auf einem in der Umfassungsmauer eingelassenen Stein, zur rechten beim Eingang der Stadt. Es ist ein Grabstein, welcher aus dem Jahre 5086 datirt ist, was den Beweis lieferte, daß die dortigen Israeliten nicht von castilianischer Herkunft sind, oder vielmehr, daß es Juden in Böotien und Negrepont gegeben vor der Ausweisung aus Spanien. Bei einer Bevölkerung von 7000 Bewohnern, zählt Calchis ungefähr fünfzig jüdische Familien, sämmtlich vom Sefardi-Ritus. Alles in dieser kleinen Gemeinde trägt einen wirklich archaischen Stenipel, die Sitten, die Kleidungsstücke, der Typus. Man ist nicht mehr in der Türkei. Die Muttersprache ist das Neugriechisch; zuweilen werden hebräische Wörter dazwischen gebracht. Auch die Gebete, die Bibel sind in diese Sprache übertragen. Die Ehen werden dort verhältnißmäßig spät geschlossen: zu dreißig Jahren bei den jungen Leuten, zu zwanzig bei den Mädchen. Ohne von besonders strenger Orthodoxie zu sein, beschließen die Leute zumeist ihr Leben im gelobten Land. Die Meisten wissen nichts von der Thora und verstehen nicht die Gebete, die sie hersagen. Sie bewohnen sämmtlich dasselbe Viertel; das Innere der Häuser bietet wenig Comfort und zeigt nichts von Wohlstand. Die Greise kleiden sich „ä la Palikare", tragen die Schalvar oder die Fustanella sowie den Fez mit dicker Troddel. Die alten Frauen bedecken ihr Haar und tragen die geschmackloseste Frisur. Es ist ein dunkelfarbiger Foulard mit tausend Falten, der dem Kopf eine sehr häßliche Form giebt. Die Züge sind unregelmäßig und abgespannt, eine unvermeidliche Folge der Heirathen unter den Blutsverwandten (??). Die jungen Leute kleiden sich auf europäische Art. Die Synagoge ist ein neuer Bau und bietet nichts Bemerkenswerthes, nur daß man auf der Außenmauer etliche Grabsteine mit Inschriften sieht, von denen die älteste auf 5478 zurückweist. Man hat diese Steine vermuthlich aus Sparsamkeitsrücksichten verwendet. Der Gottesacker nimmt einen sehr großen Raum ein, ist jedoch ohne Umfassung und jeder Entheiligung ausgesetzt. Die ältesten Gräber (ungefähr 200 Jahre alt) sind von origineller Form. Sie stellen eine Art von Tumulus in Manerwerk dar, 3 Meter lang, 1,50 Meter breit. Am Fuße desselben befindet sich eine viereckige Oeffnug; es ist dies ein Loch, inmitten dessen man einen Stein sieht, der die Inschrift trägt. Es sieht aus, als hätte man Werth darauf gelegt, profanen Augen den Anblick dieser Inschriften zu entziehen