Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-15 · Heft 37 (15.9.1887) · p. Seite 589

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 37 (15.9.1887)
Date
1887-09-15
Page
Seite 589 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227701--44712-3267007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

589 welche jetzt für die orientalischen Juden erscheinen, für diese des eben verstorbenen Rabbiners vr. P. F. Frankl sucht, von großer Bedeutung, und obschon wir aus ihnen wegen findet einen solchen, sehr warm und schön verfaßt, von Herrn ihrer eigenthümlichen Sprache keinen Nutzen ziehen können,!vr. Gustav Karpeles, im „Berliner Tageblatt" vom 24. so wünschen wir ihnen doch Dauerhaftigkeit und Wirksamkeit. — Wer einen Bericht über den an sich sehr einfachen Lebensgang August. A e u i i Die Luden in Athen und Enteis. Javan war Juda stets feindlich gesinnt, und die einzige Ausnahme, die wir aus der Geschichte zu verzeichnen haben, bildet die Behandlung, welche Alexander der Große dem jüdischen Volke hat zu Theil werden lassen. Es ist noch nicht lange her, daß jährlich in Athen ein Umzug mit einer Puppe gemacht und diese schließlich verbrannt wurde, welche Judas Jschariot, vorstellen sollte und der Pöbel machte keinen Unterschied zwischen diesem Verräther, als welchen ihn die Legende bezeichnet und dem lebenden Juden. Viele Fälle haben wir zu verzeichnen, wo griechischer Pöbel, insonders Matrosen, in türkischen, selbst russischen Hafenstädten Aufstände gegen die Juden veranstalteten. Mit der Besitzergreifung der ionschen Inseln durch den griechischen Staat, dem die Engländer die Hoheitsrechte über denselben abtraten, änderte sich die Sachlage. Die zahlreichen Juden, welche daselbst, namentlich in Korfu, wohnen, hatten selbstverständlich unter der englischen Herrschaft die vollste Freiheit genossen. Diese konnte man ihnen nicht nehmen und hatte dazu auch gar kein Recht, da die griechische Verfassung von confessionellen Unterschieden nichts enthält. Man wird deßhalb mit Jnterresse einen Bericht lesen, welchen das Julibulletin der „Allg. isr. univ.“ enthält. Der Bericht lautet: Herr Pariente, Direktor der Alliance-Schule zu Smyrna, besuchte vor einiger Zeit Athen und Chalcis und sandte dem Central-Comits einen Bericht über., die israelitischen Gemeinden dieser Städte. Anbei einige Auszüge daraus: Die Zahl der in Athen lebenden Israeliten beträgt zur Zeit ungefähr 250 Seelen, worunter einige Askenasim. Tie Sefardim stammen aus Constantinopel, Smyrna, Salonichi, Janina oder den ionschen Inseln. Es sind im Ganzen 40 Familien, die fast sämmtlich dasselbe Stadtviertel bewohnen. Die Niederlassung der Juden in der griechischen Hauptstadt hat vor ungefähr 30 Jahren stattgefunden; es waren zuerst nur Einzelne, deren Kinder in der völligen Unkenntniß der Gebräuche unserer Religion aufwuchsen! So sah ie 1 on. ich einige 25jährige junge Leute, die nicht einmal hebräisch lesen konnten. Wenn ein Knabe zur Welt kam, ließ man irgend woher einen Mohel kommen und das war Alles. Weder Religionsunterricht noch gemeinsames Gebet; die meisten Ceremonien des Cultus wurden vergessen oder vernachlässigt. Erst seit zwei Jahren hat Herr Ha'i'm Cohen, der aus Smyrna gebürtig, sich damit befaßt, die kleine Gemeinde zu organisiren. Zu diesem Zweck miethete er ein Zimmer als Synagoge und kaufte zwei Seforim. Er selbst besorgt das Amt eines Hazan, Schochet für Geflügel und Mohel. Er übernimmt diese Functionen gratis mit einer Hingabe, die alles Lob verdient. Es gelang ihm auch, vom Staate ein Grundstück zum Zweck eines Kirchhofes zu erlangen. Früher bestatteten die Juden ihre Todten in einer Ecke des griechischen Kirchhofs. Die Kinder beiderlei Geschlechts besuchen die griechischen Schulen, wo sie gern gesehen sind und unentgeltlich ausgenommen werden, wie die Nichtjuden, mit denen sie in völliger Eintracht leben. Vor Kurzem wurde ein christliches Kind auf das strengste bestraft, weil es einem jüdischen Kinde gegenüber den häßlichen Ausdruck Tchifut gebraucht hatte. Ein junges, jüdisches Mädchen, welches ihr Examen abgelegt hatte, war Lehrerin in einer öffentlichen Schule Athens. Als sie sich kürzlich verheirathete, mußte sie diesen Posten aufgeben. Ihre jüngere Schwester wird demnächst ihr Examen ablegen und zweifelsohne sich gleichfalls eine ehrenhafte Stellung als Lehrerin verschaffen. In dieser Hinsicht steht folglich alles sehr gut. Es ist nur bedauerlich, daß die israelitischen Kinder, in Ermangelung eines Rabbiners, keinen Religionsunterricht genießen. Daher zögern auch die Familien, sich in Athen niederzulassen. Das Local, welches zur Synagoge dient, ist ein sehr schlechtes. Es ist ein enges und niedriges Zimmer, das kaum 20 Personen fassen kann. Die übrigen Gläubigen stehen im Hof. Ich habe dort israelitische Soldaten gesehen, die zu Pfingsten dem Gottesdienst beiwohnten. Man nimmt voll dieser Betstube den traurigsten Eindruck mit; es läßt dort Alles zu wünschen übrig und kann dem Ansehen der Israeliten, besonders in einer Stadt wie Athen, nur schaden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.