Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1887)
- Date
- 1887-09-15
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Hannover bereits seit Jahren im Stande, invalid gewordenen Mitgliedern bezw. deren Mttwen und Waisen fortlaufende Beihilfen bis zur Höhe von 600 Mark jährlich zu gewähren. Es ist dies einzig und allein dadurch möglich geworden, daß sich im engeren Kreise Spenden und Beiträge wohlthätiger Freunde und Gönner weit eher erreichen lassen, als dies bei einer Central-Kaffe der Fall ist, weil andererseits auch die ordentlichen Mitglieder bei der Verwaltung mitrathen und thaten wollen. — Das Capitel „Centralisation" führt mich überdies noch auf ein anderes Thema; wenn bisher die Wirksamkeit des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes zu unserm Bedauern eine so beschränkte geblieben, so beruht dies nach unserer Auffassung zum größten Theil auf der unzweckmäßigen Organisation desselben; man hat merkwürdiger Weise es bisher unterlassen nach Art anderer Vorbilder — :ich nenne: die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung, den allgemeinen Verband der deutschen Erwerbsnnd Wirthschaftsgenossenschaften, den Gustav-Adolph-Berein, denen sich noch eine ganze Menge zufügen liegen, Provinzial- oder Unterverbände zu schaffen. — Beruht doch selbst die Verfassung der evangelischen Kirche in Preußen auf Kreis- und Provinzial-Synoden, aus deren Wahl erst die General-Synode hervorgeht. Konnte man denn in Leipzig oder Berlin wirklich glauben, die zufällig anwesenden 80 bis 100 Personen seien die Vertreter der deutschen Judenheit? — Mit Recht hat der Nestor unserer Publicistik, der geehrte Redacteur dieses Blattes, auf der Rabbiner-Versammlung zu Kassel im Jahre 1868 vor der Einberufung einer allgemeinen Synode gewarnt; er blieb in der Minorität. Der Erfolg oder leider der Mißerfolg der Synoden in Leipzig und Augsburg haben bewiesen, daß seine Meinung die richtige gewesen, daß solche allgemeine Versammlungen von Provinzial- oder Landesversammlung vorbereitet sein nmssen, schon, um wirkliche Deligirte entsenden zu können und die Zusammensetzung allgemeiner Versammlungen nicht auf lokalen oder sonstigen Zufälligkeiten beruhen zu lassen. — Eine wirkliche Vertretung der deutschen Judenheit würde wissen, daß so mancher Uebelstand in Synagoge, Schule und Verwaltung zu beseitigen, bevor etwa an eine „historische Commission" zu denken gewesen; es mag dies ein Stück Ornamentik am Gebäude des Judenthums sein, aber wenig am Platze, wenn die Fundamente und Grundpfeiler des Judenthums „Thora und Abodah" schwankend geworden sind. Maximilian Klein, Rendant und Sekretair der Synagogen-Gemeinde. Oesterreich - Ungarn. Neutra, 6. Sept. Am 4. d. traf der Kaiser Franz Joseph hier ein und wurde mit großer Begeisterung empfangen. Am 5. fand der Empfang der Deputationen statt. Hierbei fand folgender Zwischenfall statt. Die Vertreter der jüdischen Gemeinde wurden vor jenen der Staatsbeamten als erste aufgerufen, und zwar geschah dies auf kaiserlichen Befehl, weil das ursprüngliche Programm im letzten Augenblick derart abgeändert wurde, daß die jüdische Deputation die letzte gewesen wäre. Als der Rabbi um die Erlaubniß bat, bei dem Segensspruch den Kopf bedecken zu dürfen, aut' wortete der Kaiser, er habe diese Bitte erwartet. Es freue ihn, daß die alten Traditionen bewahrt würden. — Man schreibt ferner aus Neutra: Am Sonntag traf Franz Joseph, wie gemeldet, in Neutra ein, wo in der Nähe größere Manöver stattfinden sollen. Da der König — sowie Franz Joseph die ungarische Grenze überschritten hat, ist er nur noch König — diesen Theil Ungarns lange nicht besucht hatte, so war sein Empfang großartig, zahlreiche Deputationen hatten sich zu seiner Begrüßung eingefunden. In seiner Erwiderung auf die Ansprachen wiederholte der König so oft die Mahnung an die Pflichten der Duldsamkeit, daß diejenigen, welche es anging, begreifen mußten, worauf es ankomme. Noch bei den Wahlen in diesem Frühjahr hatten sich im Neutraer Comitat confessionelle Streitigkeiten und antisemitische Hetzereien sehr unangenehm bemerkbar gemacht. Wenn nun der König den katholischen Clerus ermahnt, die Lehren brüderlicher Eintracht unter den Gläubigen eifrig zu pflegen, wenn er in seiner Antwort an die Comitalsdepudation besonderen Nachdruck darauf legt, daß die Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität sich im patriotischen Empfinden eins fühlt mit den übrigen Bewohnern Ungarns, so mußte jeder erkennen, daß der König von Ungarn nicht die Absicht habe, confessionellen und antisemitischen Hetzereien Vorschub zu leisten. Schade nur, daß die Clerikalen und Antisemiten in Oesterreich nicht auch solche kaiserliche Ermahnung zu hören bekommen. Roth thuts ihnen schon und Anlaß dazu bieten sie leider oft genug. Nußland. Aus Warschau, 30. August, schreibt man der „Pos. Ztg.": Seit Erlaß des Ausländerukases bis zum heutigen Tage sind in der centralen Warschauer Canzlei etwas über 1000 Gesuche um Aufnahme in den russischen Unterthanenverband eingegangen. Die Behandlung der Gesuche ist verschieden. In erster Reihe hat von allen jenen Gesuchstellern nichtjüdischer Religion, welche die geforderten Nachweise, insbesondere auch über ihren fünfjährigen Aufenthalt im Lande, geliefert haben, keiner eine abschlägige Antwort erhalten;