Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1887)
- Date
- 1887-09-15
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
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583 tigung Aller. So sind wir dahin gelangt, mit der unglücklichen Zollpolitik zu brechen, die uns mit gebundenen Händen vor die Füße der Fremden hingeworfen hat, und ernstlich an die Entwicklung und Vertheidigung der nationalen Arbeit zu denken. So sind wir dahingekommen. Uns nicht mehr als exclusiv ackerbautreibendes Land zu begnügen und aus allen unseren Kräften die Creirung einer Industrie anzustreben- Die liberale Partei und ihre Regierung wußten sich mit diesem Zuge zu indentificiren und ihm Rechnung zu tragen. Die verderblichen Conventionen sind gebrochen oder revidirt und günstige Bedingungen zur Begründung einer National-Jndustrie sind geschaffen worden. Jeder ernste Mensch begreift, wie wichtig die in dieser Beziehung vollbrachte Arbeit ist; wir müssen jedoch zugleich auch anerkennen, daß dieses Werk noch entfernt ist, vollkommen zu sein, und daß wir noch Vieles dabei zu machen haben. Denn in der That kommt uns die Concurrenz der Fremden nicht nur von Außen; aus verschiedenen Umständen haben wir im Lande ein wichtiges fremdes Element, mächtig in der Zahl und durch die Intelligenz, dessen Concurrenz am gefährlichsten ist. Angesichts dieses Elements sind wir noch entwaffnet. Wir haben zwar in unseren Gesetzen einige schützende Dispositionen, so z. B. den Artikel 8 des Licenzengesetzes, welches den Fremden die Ausübung des Schankgewerbes in den Dörfern untersagt! wir haben eine Verfügung des Landpolizei-Gesetzes, welche die Niederlassung der Fremden in den Landgemeinden an Bedingungen knüpft; wir haben das absolute Verbot, für Fremde Landeigenthum erwerben zu können. Aber abgesehen davon, daß einige dieser Verfügungen nicht rigoros genug angewendet werde», sind dieselben auch ungenügend. Die Fremden finden noch Mittel, die Dörfer zu überschwemmen und sogar auch in Laudeigenthum zu gelangen. Insbesondere jenseits des Milcow (Grenzfluß zwischen Moldau und Walachei) manifestirt sich das Uebel in seiner ganzen Größe. Als Schankwirthe in den Dörfern ansässig, haben die Fremden es verstanden, Alles zu umgarnen und die einheimische Bevölkerung unter ihre Botmäßigkeit zu bringen. In vielen Gemeinden sind die Bauern, die nach der Constitution blos die Nutznießung des Bodens hatten, gänzlich ihres Besitzes entäußert worden, denn ihre Parcellen sind von den Fremden im Tausche der Schankschulden ausgebeutet worden, und außerdem ist eine große Anzahl der schönsten Landgüter auf verschiedene Art in die Hände der Fremden gelangt. Heute können wir nicht einmal mehr sagen, daß der Feind vor den Thoren der Festung steht; nein, er ist in dieselbe eingedrungen und hat sich unter uns niedergelassen. Können wir es zulassen, daß diese Situation fortdauern soll? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein; denn dem Fremden die Superiorität aus allen Gesichtspunkten über den Einheimischen geben und dadurch Ersterem freie Hand lassen, heißt Letzteren vernichten. Wir müssen daher so rasch als möglich der internen Concurrenz Einhalt thun, sowie wir die von außen geregelt haben. Um jeden Preis müssen wir den Fremden aus den Dörfern beseitigen. Und niemals waren die Bedingungen dazu günstiger als heute. Was uns so lange Zeit die Hand gebunden hat — die Liebe der Cabinette zu unseren Fremden — kann uns jetzt nicht mehr hindern; denn einerseits haben wir Europa sichere Beweise geliefert, daß wir ein hinlänglich civilisirtes Volk (soll heißen „halbcivilisirt" Red. d. A. Z. d. I.) sind, und andererseits haben verschiedene Länder des Continents selbst zu empfinden angefangen, daß die Fremden eine Gefahr für den nationalen Fortschritt sind. Deutschland hat 30,000 Fremde ausgetrieben; ebenso Rußland und selbst Frankreich, das großmüthige und gastfreundliche Frankreich hat begonnen, besorgt zu werden. Wie könnte Europa nun unsere gerechtfertigte Besorgniß übel deuten? Es könnte dies umsoweniger thun, als die Gefahr bei uns größer als anderwärts ist. Nichts hindert uns also, diese schreckliche Plage auszumerzen." In einem Organ der rumänischen Regierung wird also glattweg die Austreibung der Fremden gepredigt. Darunter sind in erster Reihe die Juden gemeint, aber der betrunkene fanatisirte Bauer wird nicht viel Unterschied machen zwischen dem jüdischen und dem sonstigen ausländischen Unternehmer, der ebenso rechtlos ist und das Land ebenso „ausbeutet". Das sind recht angenehme Aussichten für die Kapitalisten, welche den Lockungen der rumänischen Regierung folgen und sich auf rumänischem Boden niederlassen wollen." Darmstadt, im August. Die Dolmäh (eig. Domnah) von M. Mannheimer. In dieser Zeitung vom 16. d. M. hat Herr Adolph Strauß eine Schilderung des Zustandes, der Verhältnisse und der Beschäftigung der gegenwärtig in Salonichi wohnenden Juden veröffentlicht, die für uns recht viel Interesse darbietet. Aber Salonichi ist auch seit dem 17. Jahrhundert der Hauptsitz der Dolmäh, einer jüdisch-türkischen Secte, deren Entstehung, Einrichtung und Fortbestand uns ebenfalls viel des Interessanten darbietet, daher ich hier, auf Grund von Nachrichten, die uns in der Geschichte des osmanischen Reiches von Hammer-Purgstall und der Geschichte der Juden von Grätz geboten werden, eine kurze Skizze von derselben entwerfen und mittheilen will. — Es war gegen Ende des 17, Jahrhunderts, als in Salonichi eine jüdisch-türkische Secte unter dem Namen Dolmäh dadurch entstand, daß Juden, die dem sabbathianischen Messiasthum anhingen, bei der türkischen Behörde denuncirt, von dieser zu schweren Strafen heran-