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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-15 · Heft 37 (15.9.1887) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 37 (15.9.1887)
Date
1887-09-15
Page
Seite 581 (sequence 5)
Language
German
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581 socialen liebeln nicht zu befreien vermochte. Traten nun Bolksverführer, Demagogen auf, um mit ihren Schlagwörtern die einsichtslosen Theile des Volkes zu verleiten, so drängte die Finsterniß das bischen Licht zurück, und ein Theil der Bevölkerung, namentlich der Wienerischen Vorstädte, gaben sich zu Werkzeugen dieser Dunkelmänner her. So erging es dem deutschen Schulverein, welcher, da er die antisemitische Tendenz in seinem Schoß nicht zulassen wollte und namentlich aus den Provinzen hierin bestärkt wurde, in eine Spaltung gerieth, und, da die Antisemiten einen eigenen Schulverein gründeten, großen Nachtheil erfuhr und zum Theil lahm gelegt wurde. Jüngst ereignete sich nun dasselbe Schauspiel in der deutschen Turnerschaft. In Krems wurde ein Kreisturnsest gefeiert, auf welchem sich die traurigsten Vorgänge abspielten. Das „Trautenauer Wochenblatt" giebt die Schilderung eines Augenzeugen, welche zeigt, daß es diesen allerdeutschesten, die das „unverfälschte" Deutschthum auf ihre Fahnen geschrieben, gelungen ist, „ dieses deutsche Fest in einer Weise zu stören und der Mehrzahl der Theilnehmer einen solchen Begriff von deutscher Gastfreundschaft beizubringe», daß kaum mehr die Lust zur Wiederholung dieser Feste sich zeigen und vermuthlich in der deutschen Turnerschaft die Spaltung sich wiederholen dürfte, welche den Deutschen Schulverein so sehr geschädigt hat." Weil die böhmischen Vereine die Juden nicht ausschließen, wurden sie bei ihrer Ankunft schon von den Wiener Turnern mit den Worten begrüßt: „Schaut's, da stehen die böhmischen Juden!" Von diesem Augenblicke an trat der Kampf ein. Man behandelt die böhmischen Turner mit der größten Nichtachtung. Die Redner, welche eine loyale Gesinnung aussprechen, werden durch antisemitische Zurufe unterbrochen. Der deutsche Turnverein Brünn erhält die Begrüßung: „Berjudet! Verjudet!" Und so folgen sich die widerwärtigsten Auftritte einer nach dem andern, und man erkannte es deutlich, daß es der erste Wiener Turnverein darauf abgesehen hatte, alle Vereine niederzuwerfen, welche der antisemitischen Tendenz nicht huldigen. Als ein Redner darauf aufmerksam machte, welche Gefahren den Deutschen durch die Czechcn bereitet würden, schrieen die Wiener: „Was kümmern uns die Czechen! Kampf den Juden!" Die Skandale mehrten sich, und es kamen nun die Redner an die Reihe, welche die Judenhetze predigten. Wir wollen hier unsren Raum nicht mit ausführlichen Schilderungen dieser schmachvollen Scenen füllen. Es versteht sich, daß die Deutsch-Böhmen sich dies nicht Alles ruhig gefallen ließen. Glücklicher Weise zeigten sich die deutschböhmischen Turner bei dem Festturnen den Wienern weit überlegen und erhielten die meisten Preise. Als die Prager Turner ihre Uebungen »«achten, geschah es den Wienern, daß sie, die Physiognomie verkennend, manchem jüdischen Turner wegen seiner Leistungen zujubelten, während sie christliche Turner als Juden verhöhnten. Deßhalb hielten sich auch die meisten böhmischen Turner von dem abendlichen Commerse fern. Als der Kreissprechwart vr. Riehl sagte: „Wir wollen Alle heranziehen, die von gleicher Liebe zur Turnerei und zum Deutschthum erfüllt sind, zu unserm großen Bunde, der seinesgleichen nicht hat. In diesem Bunde soll uns Jeder willkoinmen sein, der sich als Glied des deutschen Volkes fühlt und mit allen Fasern seines Herzens an dessen Geschicken hängt" — da machte sich der Widerspruch der Wiener, dieser „Patent-Nationalen", laut und in bekannter flegelhafter Weise wieder geltend, während die wenigen Deutschböhmen , Ostmärker und Südösterreicher dem Redner vr. Riehl laut beistimmten. Auch der Vertreter der sächsischen Turnerschaft wurde, weil er den Wiener Antisemiten nicht zu Liebe sprach, aufs Schmählichste beleidigt. Führen wir nur noch Folgendes an: „Nun ergreift der k. k. Regierungsrath Professor Kick, Obmann des Prager Deutschen Turnvereins, das Wort. Von den Deutschböhmen begrüßt, wird er von den Wienern mit verschiedenen Kosenamen empfangen: „Jud!" (Kick ist und war nie ein Jude, sondern ist Katholik und genießt in Nordböhmen der höchsten Achtung), „a koscherer Mann!" u. s. w. Kick sagt: „Der Mold au-Elbe-Turngau vereinigt in sich bei 1400 Turner im Herzen von Böhmen, das heißt dort, wo die Czechen die Majorität haben und ein gewisser Muth und Selbstverleugimng dazu gehören, das Deutschthum offen zu bekennen. Wir stehen einem Gegner gegenüber, der an Rücksichtslosigkeit und . . . seinesgleichen auf der weiten Erde wohl schwerlich findet. Der Kainpf ist ein schwerer, er fordert festes Zusammenhalten. Wenn ihr in deutschen Landen «nanchen Ideen nachgehen könnt, die für euch ungefährlich sind — für uns heißt es fest zusaniinenstehen, unverrückbar das Ziel int Auge . . . So mögen meine Worte denn in dem Wunsche ausklingen, daß Alles, was Turner heißt, immer mehr die Kenntniß der Zustände in Oesterreich in sich aufnehme, dann aber mit Entschiedenheit und Ruhe jenen Weg wandle, der dahin führt, der slavischen Hochfluth einen Damm cntgegenzusetzen. Mein „Gut Heil!" gilt der turnerischen Einigkeit!" Die Vorgänge «vährend dieser Rede zu beschreibe«:, ist unmöglich. „Was küinmern uns die Czechen!" —„Herunter mit dem Judenknechte!" .— „Pfui! Pfui!" — „Reißt ihn herunter!" — solche Rufe tönten schrill aus dein Heidenlärm und zwischen heraus, «nährend der beiweitem größere Theil der Turnerschaft Kick stürmisch zujubelte. Das „Trautenauer Wochenblatt" schließt seinen Bericht mit folgenden Sätzen: „Mit der Bekränzung der Sieger endete das fünfte deutsch-österreichische Kreisturnfest, welches eine so großartige Kundgebung des Deutschthums in Oesterreich hätte, werden

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