Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-15 · Heft 37 (15.9.1887) · p. Seite 580

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 37 (15.9.1887)
Date
1887-09-15
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227701--44703-3266998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

580 Lagen, in viel verzweifelteren Verhältnissen der Stab und die Leuchte unserer Väter. Sie muß es auch heute sein, auch ein Erbgut Israels, das von der ersten Seite der h. Schrift bis zum letzten Blatte jedes religiösen jüdischen Schriftstellers seinen Ausdruck und seine Würdigung fand. Noch heute sprechen wir, wie einst die Wallfahrer nach Jerusalem: „Wäre der Ewige nicht für uns gewesen, da Menschen wider uns erstanden — dann hätten sie lebendig uns verschlungen in ihrer Zorngluth wider uns; dann wär' Gewässer über uns gedrungen, der Strom hinweggegangen über unsre Seele. Unsre Hilfe ist im Namen des Ewigen, Schöpfers des Himmels und der Erden!" Und: „Viel drängten sie seit meiner Jugend mich, doch überwanden sie mich nicht. Auf meinem Rücken pflügten Pflüger und zogen ihre Furchen lang: der Ewige ist gerecht, zerschnitt der Frevler Seile. Zu Schanden werden und zurücke Weichen alle Hasser Israels. Sie werden sein wie Gras der Dächer, das, eh' man's ausrauft, ist verwelkt, womit der Schnitter seine Hand, der Garbenbinder seinen Arm nicht füllet. Zu uns doch spricht man: wir segnen euch im Namen des Ewigen!" So seid gesegnet, die mit ihrem ganzen Herzen der Lehre des Einig-Einzigen angehören, und die aufrichtigen Sinnes in das Heiligthum der hohen Feste eintreten! Aus Böhmen, 2. September 1887. Die Spaltung des Deutschthums in Oesterreich. Es ist leider eine geschichtliche Wahrheit, die in der Natur des Deutschthums zu liegen scheint, daß dasselbe überall, wo es auftritt, sich spaltet un> gegenseitig bekämpft, so dringend auch die Zeitlage Einheit und Einigkeit fordert. Die Geschichte zieht uns hierfür die schlagendsten Beweise, daß gerade, wo die dringendsten Gefahren das Deutschthum umgaben, die Zwietracht in ihm die Herrschaft hatte und seine besten Erfolge vernichtete. Man braucht kaum an die Ghibellinen und Guelfen des Mittelalters zu erinnern, ein Kampf, der sich aus Deutschland auch nach Italien fortpflanztc, die besten deutschen Kräfte lähmte oder vernichtete, während diese, wären sie einig gewesen, in Italien die Herrschaft bewahrt hätten. Die Beispiele liegen aus der neueren Zeitgeschichte nicht minder schlagend vor. Was hat nicht Deutschland durch die Rivalität Oesterreichs und Preußens zu leiden gehabt, und während ein einiges Deutschland der französischen Republik und dem Kaiser Napoleon I sicherlich kräftig zu widerstehen vermocht hätte, wurde es durch die Vereinzelung besiegt und unter die Füße des Siegers getreten, und ein Theil Deutschlands fügte sich im Rheinbund willig dem brutalen Sieger und suchte aus der Verbindung mit ihm Vortheile zu ziehen, Vortheile auf deutsche Kosten. Kaum war das einheitliche deutsche Reich verfassungsmäßig gegründet, als der Kulturkampf ausbrach, das deutsche Volk in zwei Lager theilte und durch diesen inneren Hader die großen Erfolge des französisch-deutschen Krieges vermindert wurden. Ein solches trauriges Bild wiederholt sich jetzt nun im österreichischen Deutschthum. Von den größten Gefahren umringt, von den Magyaren mit Mißtrauen betrachtet, von allen slavischen Völkerstämmen des Reiches mit äußerster Heftigkeit bekämpft, politisch schon fast ganz lahm gelegt, sollte man doch von ihm voraussetzen, daß es seine Kraft in der Einheit, in dem vereinigten Widerstande gegen den gemeinsamen Feind suchen und sinden müßte — aber nein! alle Mißerfolge, alle bedrohlichen Gefahren dienen nicht dazu, das österreichische Deutschthum zu einer verständnißvollen Bereinigung zu bewegen und die Differenzen der Ansichten zu überwinden. So drängt sich die Spaltung in alle Maßnahmen, welche den berechtigten Widerstand in gesetzlicher Weise kräftigen könnten, di? Spaltung greift immer tiefer ein und verurtheilt das Deutschthum zur Ohnmacht. Der Gedanke, daß bei solcher Zerfahrenheit die Gegner um so leichter triumphiren werden, dieser Gedanke hält sie nicht ab, sich in gehässiger Weise zu bekämpfen. Und was ist das Motiv dieses internen Streites? Die antisemitische Stimmung, die sich eines Theiles der Deutschen, namentlich in der Wiener Bevölkerung, unter der Führung selbstsüchtiger Männer, welche bei dem Mangel aller Befähigung auf diesem Wege sich in hervorragende Stellung bringen wollen, bemächtigt hat. Es liegt auf der Hand, daß bei der numerischen Schwäche der deutschen, der magyarischen und slavischen Bevölkerung gegenüber, jene alle sich ihnen i darbietenden und der Natur nach ihnen zugehörigen Kräfte zusammenfassen müßten. Aber dies begreift nur ein Theil j derselben, und der andere stößt in der engherzigsten und ein-; feiiigjteu Meinung vom deutsch-nationalen Wesen die Juden von sich und will diese durchaus politisch und social ausschließen und in mittelalterliche Bedrückung zurückversetzen. Dem widersetzen sich alle diejenigen Deutsche, welche Einsicht genug haben, den Mißgriff und die Ungerechtigkeit zu begreifen, die hiermit begangen würde. Hieraus die immer tiefer greifende Spaltung. Im Grunde liegt hier noch etwas Anderes, Weitreichendes, nämlich: die Feindschaft gegen den Liberalismus, gegen alle liberale Ideen und Principien, die Juden geben nur den Vorwand. So lauge das Volk vom Absolutismus und der Aristokratie gedrückt und geschädigt war, wandte es sich den liberalen Prinzipien zu, von denen es Abhülfe aller Uebelstände erwartete. Nun es von jenem Drucke befreit ist, kommen in ihm die anch in ihm vorwaltenden und nur zeitweise verdeckten mittelalterlichen Ansichten und Neigungen wieder herauf. Hierzu kommt nun, daß auch der Liberalismus die verschiedenen Volksschichten von den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.