Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1887)
- Date
- 1887-09-15
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
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579 trübsten Zeiten des Mittelalters nicht stärker gewesen. Ausnahmegesetze jeder Art, Beschränkungen und Bedrückungen mannigfaltigster Weise erscheinen dort von Tag zu Tag und machen die Existenz dieser Unglücklichen immer schwieriger. Man kann hier nur darauf hoffen, daß sich ja jede menschliche Tendenz erschöpft und eine Grenze erreicht, von der sie zurückweichen muß, wie die Fluth des Meeres von der Küste abprallt und als Ebbe abfließt. Man kann hier selbst die Auswanderung, der sich jene Staaten auch nicht widersetzen, nur als ein schwaches Hilfsmittel betrachten, denn die materiellen Mittel, welche die Auswanderung von Massen erfordert, sind gar nicht zu beschaffen: sie kann daher nur in sehr mäßigem Umfange stattfinden, der Einzelnen Hilfe bereitet, auf die Lage der Gesammtheit kaum einen Einfluß übt. Dabei hat sich in den Staaten, nach welchen sich die Auswanderung am meisten wendet, eine Bewegung gegen die Einwanderung erhoben, die jedoch fich durchaus nicht speziell gegen dw Juden sichtet, sondern allgemeiner Natur ist. Denn was bis jetzt in den Vereinigten Staaten an Maßnahmen gegen die Einwanderung getroffen worden, soll nur eine Abwehr gegen die Vermehrung des ganz mittellosen Proletariats sein, und kann als solche nicht gemißbilligt werden. Jetzt aber richtet sich jene Agitation gegen den weiteren Zufluß von Arbeitskräften, welche den dort vorhandenen Konkurrenz machen und dadurch die Arbeitslöhne herunterdrücken. Jndeß scheint doch das Wesen jener beiden Staaten, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, einer solchen Beschränkung der Einwanderung gänzlich zu widersprechen, und es würde schwer, wenn nicht unmöglich sein, irgend eine Formel für die Beschränkung zu finden, um einen gesetzlichen Ausspruch zu bilden. Wenden wir aber unfern Blick nach innen. Die Klage über den wachsenden Jndifferentismus, über das sich mehrende Eindringen materialistischer Lehren, namentlich bei Denen, welche den materialistischen Theorien in der Wissenschaft und der Hyperkritik folgen, so wie über den Verfall der in Israel überkommenen Sittlichkeit ist allgemein. Wie weit sie berechtigt sei, wollen wir heute nicht untersuchen. Unsre Ansicht ist folgende: In jedem Organismus, dem natürlichen wie dem geschichtlichen, sind zwei Kräfte von seinem Ursprung an thätig: die eine die auflösende, zersetzende, die andere die erneuernde, ersetzende. Die eine treibt auf Desorganisation in den einzelnen Organen und im Gesammtorganismus hin, die andere auf Reproduktion, auf Wiederherstellung des Gleichgewichts, Auffrischung der Kräfte, Wiederbelebung und Verjüngung. In jedem lebenskräftigen Wesen gehen zu aller Zeit beide Prozesse vor sich; doch treten Zeiten ein, in welchen der eine von beiden stärker agirt als der andere. Aber gerade dann wird der zeitweise schwächere zu neuer Thätigkeit um so mehr angeregt; auf eine Zeit der stärkeren Aktion folgt die Reaktion, und diese ruft wieder die Aktion zu neuer Kräftigung auf. Daß das Judenthum solchen Wechsel der treibenden Kräfte nicht minder wie jeder andere Organismus in seinem Innern herbergt, zeigt die Geschichte seines langen Lebens in wechselnden Epochen, und nur die völlige Unkenntniß dieser Geschichte hegt die Vorstellung einer ununterbrochenen Stabilität. Nicht minder weiß ja Jedermann, daß das Judenthum seit einem Jahrhundert in einem Uebergang begriffen ist, in einer Umgestaltung sowohl der Anschauung als der Erscheinung, welche bei dem raschen Culturwechsel der Juden, bei dem schnellen Austritt aus völliger Abschließung mitten in die mannigfaltigen und viel bewegten Kreise des allgemeinen Lebens ganz unvermeidlich war und ist. Wenn hierbei allzu viel von den traditionell überkommenen Sitten sich nach und nach abreibt, und neben Veraltetem, Abgestorbenem auch nicht wenig Gesundes, ja Nothwendiges verloren geht, so liegt dies in der Natur der Sache. Dahingegen ist nicht zu verkennen, daß die religiöse Ueberzeugung, der Gedanken- und Lehrinhalt des Judenthums an neuer Kraft und Leben gewonnen hat und gewinnt, und zwar dadurch, daß jene großen Momente sich nicht mehr vorzugsweise in den Kreisen der jüdischen Gelehrten und Denker beschränken, sondern die Massen durchdringen und im Religionsunterrichte der Jugend, von der Kanzel, in Vorträgen und Literatur den Erwachsenen eingeflößt werden. Gerade weil in den anderen Religionen und Kirchen die Orthodoxie ihre Standarten wieder aufgepflanzt hat und mit großen Anstrengungen vertheidigt, und andererseits die materialistischen Anschauungen ihre Propaganda eifrig betreiben, gerade deßhalb wird auch in Judenthum und Juden der geistige Widerstand geweckt, und die religiöse Lehre gewinnt von Neuem an Bestand und Kraft. Man fühlt von Neuem, daß es sich hier um die Existenz der religiösen Lehre handelt, um die Vertheidigung des durch die Jahrhunderte überkommenen Erbgutes, zugleich um die religiöse und sittliche Heilslehre, welche Israel für die gesammte Menschheit trägt und bewahrt. Der Kampf gilt der Selbständigkeit, der Berechtigung der Anerkennung und Verbreitung der Wahrheit, wie sie von Beginn an im Judenthum lebte, wirkte, sich entfaltete. — Wer diesen Gesichtspunkt zu fassen und in Geschichte und Gegenwart verwirklicht zu sehen vermag, wird aus jener allgemeinen Klage, wenn sie auch nicht unberechtigt ist, keine Verzagtheit schöpfen, keine Muthlosigkeit, sondern nur den Impuls zu neuer und vertiefter Anstrengung, um durch alle Mittel, die sich bieten, der erneuernden und ersetzenden Tendenz, dem Prozesse der Auffrischung und Verjüngung kräftige Nahrung zuzuführen und zum Siege zu verhelfen. Was aber die stärkste Stütze bietet, das ist jenes felsenfeste Vertrauen, jene unversiegbare Zuversicht auf die Leitung und Hilfe Gottes. Sie war in viel traurigeren 87*