Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1887)
- Date
- 1887-09-15
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
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578 erhabene Werk mit allen Kräften unserer Seele vollführen. An der Schwelle dieses Heiligthums soll all' die Gleichgültigkeit schwinden, die im Treiben der Welt uns befangen hält und unsre Seele fesselt; aber auch jede Heuchelei, ja jede falsche Vorstellung, als ob durch die bloße Beachtung der Form, durch die bloße Uebung der Vorschrift die Versöhnung gelänge und wir die Früchte der Sündenvergebung erhielten, soll vor der geöffneten Pforte des Heiligthums zurückweichen! Nur mit wahrer Andacht, mit bewußter Reue und mit kindlichem Vertrauen auf die Barmherzigkeit unsres Gottes kann das fromme Werk gelingen und unser Seelenheil gewahrt werden. — Wenn unsre Religion als das religiössittliche Ziel die „Heiligung" aufstellt, die Heiligung sin der wahren Gottesverehrung, in der Liebe und in der Gerechtigkeit, durch die wir Gott dem Allerheiligsten, dem vollkommensten Wesen nacheifern und uns ihm nähern, „heilig werden wie er heilig ist" — so war sie sich von Beginn an bewußt, daß der Mensch in dem Kampfe seiner Neigungen und Triebe, in dem Ringen mit widerstrebenden Leidenschaften irre geht, sündigt und jenes erhabene Ziel bisweilen gänzlich verfehlt. Hiervon muß er zurückkehren, und zu dieser Rückkehr muß ihm der Weg geebnet, muß ihm die Hand entgegengestreckt werden. Keine Menschenseele ist so weit verirrt, so tief gesunken, hat so schwere Schuld auf sich geladen, daß ihm dieser Weg zur Rückkehr nicht geebnet, die Pforte zur Vergebung seiner Sünden, bis zum Allerheiligsten, der Versöhnung mit seinem allbarmherzigen Gotte nicht eröffnet sein sollte! Dies lehrt die Religion Israels. Nach ihr ist die Verbindung der Menschenseele mit ihrem Gotte unmittelbar und stets vorhanden. In ihrem eigensten Innern muß das Verlangen, die Sehnsucht nach ihrem Gotte entspringen oder geweckt werden, muß das Streben, geläutert zu werden, lebendig und unwiderstehlich werden, müssen die Mittel, welche die Religion ihm bietet, mit Aufrichtigkeit erfaßt und benutzt werden — dann aber ist sie diese Seele, bereits in dasHeiligthum eingedrungen, sie bedarf keiner Vermittelung, die Gnade Gottes ist ihr gewiß, und wenn sie in ihrem ferneren Lebenswandel wahrhaft jener Heiligung zustrebt, kann sie ihres Heiles vergewissert sein. Heiligung und Versöhnung, dies sind die beiden Quellen alles Segens, welcher sich über den Menschensohn ergießen kann: aus ihnen kann Jeder unmittelbar schöpfen, von ihrem Borne ist Niemand ausgeschlossen, und wer nach diesen Quellen des Lebens dürstet, kehrt sicher nicht ohne erquickenden Trunk zurück. Und so, theure Glaubensgenossen, lasset uns die nahenden hohen Feste mit freudigem Herzen und gehobenem Geiste begrüßen und zu unserem Heile feiern! Denn noch heute können wir die Worte sprechen, welche Moses und Israel am Ufer des rothen Meeres sangen: „Du führst in Deiner Gnade das Volk, das Du erlösest, Du leitest es in Deiner Macht zur Wohnung Deiner Heiligkeit!" Aber diese „Wohnung der göttlichen Heiligkeit" ist für uns nicht mehr an einer Oectlichkeit sichtbar, sie ist überall, wo sich Männer und Frauen Israels zu gemeinsamer Gvttesverehrung vereinigen, sie ist sichtbar in den erhabenen Festen, wenn wir sie verstehen und sie im wahren Geiste begehen. II. Die Tradition hat dem ersten der hohen Feste den Namen und die Bedeutung des Jahreswechsels ausgeprägt. Da drängt es denn den Menschen, eine Rück- und Umschau über die Lage der Dinge, der seinigen und der allgemeinen, zu halten, über Fortschritt, Stillstand oder Rückgang, über die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit und die Aussichten, die sich daraus zu ergeben scheinen. Seit einer Reihe von Jahren hat sich der Horizont über dem gesammten Israel mit dunklem Gewölk überzogen, das hier und da sich selbst zu einer schwarzen Gewitterwolke zusanimenballte, aus welcher Blitze herabfuhren und friedliche Wohnstätten verheerten. Jndeß hat sich im Westen der Himmel wieder geklärt und das trübe Gewölk ist daselbst im Abziehen begriffen. Unsre Hasser hatten überall nicht blos die Rechts-, sondern sogar die Existenzfrage und zwar in einem Jahrhundert wie das gegenwärtige erhoben. Aber da zeigte es sich in allen wirklich civilisirten Staaten, daß für eine solche Frage auch nicht der geringste thatsächliche Grund vorhanden war, daß alle Anklagen und Anschuldigungen nur willkürliche Behauptungen und Verläumdungen waren und ihre Motive in niedrigen Leidenschaften, in Eigennutz, Neid und Streberthum fanden und sich lediglich auf gehässige Vorurtheile stützten. Hiermit war ihnen aber auch alle Kraft genommen, da ihnen jede faktische Begründung abging. Mustert man alle die Fragen durch, welche die gegenwärtige Menschheit bewegen, die religiösen und kirchlichen, die wissenschaftlichen und national-ökonomischen, die politischen und sozialen, nirgends findet man auch nur eine, welche eine spezifische Beziehung auf die Juden allein hätte; alle sind sie allgemeiner Natur und ihr Ursprung, ihr Inhalt und ihre Entscheidung fallen der Allgemeinheit zu und berühren die Juden durchaus nicht als eine etwaige besondere Klasse, sondern eben nur als einen und zwar sehr kleinen Bruchtheil des Ganzen. Der Kampf um eine solche Frage und die Wirkung, die ihre Entscheidung haben müßte, fand also in den Juden gar keinen haltbaren Gegenstand, und somit standen die Juden als solche auch außerhalb der Frage und des durch diese erregten Streites. — Könnte man demnach von dieser Seite aus sich beruhigen, so steht es doch anders in den östlichen Staaten, und gerade in diesen ist ungefähr die Hälfte unserer Stammesgenossen ansässig. Hier hat sich eine feindselige Gesinnung, ein leidenschaftlicher Haß gegen die Juden erhalten, wie er in den