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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-08 · Heft 36 (8.9.1887) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 36 (8.9.1887)
Date
1887-09-08
Page
Seite 572 (sequence 12)
Language
German
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572 standes und die Repräsentanten in den anstoßenden Vorbereitungssaal, in welchem die Wittwe des Entschlafenen und zwei Brüder desselben, die fern von hier leben, von vielen Trauernden und. Lieben umgeben, des Beginnes der Andacht harren. Nach einer tief empfundenen Ansprache des Justizraths Meyer, des Vorsitzenden des Vorstandes, an die Wittwe wird diese in das Gotteshaus geleitet, die Gemeinde erhebt sich von ihren Sitzen, die Orgel sendet ihre stimmungsvollen Töne in den geweihten Raum, der Synagogenchor unter seinem Dirigenten, dem Musikdirector Levandowsky, singt das weihevolle Lied: „Der Mensch—wie Gras sind seine Tage, wie des Feldes Blume blüht er"; die Feier hat begonnen. Die Berliner Gemeinde verfügt über bedeutende Kräfte; ihre Geistlichen, die ihr nach dem Hinscheiden des Betrauerten bleiben: die Rabbiner Drr. Ungerleider und Maybaum, sind würdige Diener in ihrem Berufe und von hervorragender Rednergabe. Als der Erste, ein Auserwählter im Glanz der Beredsamkeit, in der Treffkraft des Worts und im Feuer der Begeisterung, entrollte Dr. Maybaum auf der Kanzel ein in großem Stil farbenprächtig gezeichnetes Lebensbild des Entschlafenen an der Hand des Prophetenwortes (Maleachi 2,6): „Der Wahrheit Lehre war in seinem Munde und Falschheit ward auf seinen Lippen nicht gefunden; in Frieden und Geradheit wandelte er mit mir und Biele brachte er von der Sünde zurück." Wie aus der Knospe sich Blüthe und Blume entwickeln: so wuchsen folgerichtig des Entschlafenen Gestalt und Persönlichkeit, sein Streben und Wirken bis zur Vollendung vor dem Auge der Andächtigen durch das geistesklare und herzenswarme Wort des Redners, und nian wurde sich des ganzen Zaubers bewußt, durch welchen der Dahingeschiedene so mächtig zu wirken und die Herzen feiner Gemeinde zu gewinnen vermochte. Mit reichem Wissen und umfassender Gelehrsamkeit ausgerüstet, habe er Wahrheit gesucht und gefunden, indem er in den Tiefen des Alterthums forschte und sichtete und mit verständnißvoller Mäßigung das Alte mit dem Neuen zu durchdringen und zu versöhnen verstand. Schon in der Stunde, da er sein Amt übernahm, in der Antrittsrede, habe er sich gelobt, der Wahrheit und dem Frieden Altäre zu errichten und an ihnen heiligen Priesterdienst zu versehen. Dieser Aufgabe sei er unentwegt treu geblieben, denn jederzeit habe er durch Lehre und Leben versöhnend gewirkt, im Streit der Ansichten die rechte Mitte eingehalten und auf dem festen Grunde des Alten zielbewußt das Neue angestrebt. Dem Namen nach „Pinchas" (der Name des Entschlafenen war Pinchas) und seiner ganzen Naturanlage nach, sei er hinsichtlich seines Wirkens „Elias" gewesen (■•^n n; ddjd), nicht durch dessen Nachahmung in zerstörendem Eifer, sondern durch Aneignung des Ausspruchs, daß in dem milden Wehen, in dem sanften Friedenshauche sich das geheiligte Gotteswalten offenbare. Hier fand Redner den Uebergang zur Charakteristik von Frankl's Predigten. Diese waren immer auf Entwickelung und Erweiterung der religiösen Idee gerichtet, auf deren Durchdringung mit dem Zeitbewußtsein; ihre äußere Form jedoch war knapp und gedrungen, ohne rednerischen Schmuck und künstlerischen Aufwand, klassisch schön und vornehm. Darum habe Frankl die Liebe der Gemeinde besessen, die nun dessen Tod in allen ihren Kreisen und Schichten beklagt, wie einst Aharon wegen seiner Friedfertigkeit und Milde im Gegensatz zu dem strengeren Moscheh von dem „gesammten" Israel beweint wurde. So habe Frankl der Wahrheit gedient und Wahrhaftigkeit gegründet, Recht und Friede gelehrt und geübt in der Gemeinde wie im Rath der Collegen, und die Menge von der Sünde fern gehalten. Mit einem ergreifenden Zeugniß von der unvergleichlichen und bewundernswerthen Hingabe, welche die Wittwe des Heimgegangenen demselben während seiner länger» Leidenszeit bewiesen, und dem rituellen in hebräischer Sprache gesprochenen Gebet (ruoj nm;D) schloß die Rede. Der Chorgesang „Was von Staub, geht heim zum Staube" schloß sich dieser Rede an, während der Sarg durch die Synagoge zum Leichenwagen getragen wurde. Bon einem mächtigen Gefolge geleitet, langte derselbe auf dem Friedhofe an, wo wiederum der Gesang des Synagogenchores die Feier eröffnete und alsdann Rabbiner vr. Ungerleider auf einer unter freiem Himmel errichteten Kanzel, die mit Trauerflor drapirt und von Blumen und Lorbeerbäumen umgeben war, das Wort nahm. vr. Ungerleider ist erst am Tage vorher aus dem Kurorte Marienbad zurückgekehrt; er hat dort seine Kur unterbrochen, um hier dem Freunde und Collegen im Rabbinat einen Weihekranz der Liebe und Verehrung um das Haupt zu winden, aus Blumen, die er am Boden des Herzens gepflückt und in langjährigem ungetrübten Umgang und Verkehr mit dem Entschlafenen. Und wie sehr gelang ihm dies durch sein von neuen und doch hohen Gesichtspunkten aus gefaßtes Wort, das in edle Form gekleidet, mit tiefer Ergriffenheit gesprochen wurde! Dem Psalmisten (45.6) „Schön bist du vor Menschenkindern, Anmuth ist ausgegosfen über deine Lippen, darum hat dich Gott gesegnet ewiglich", entlieh Redner den Text zu seiner tief empfundenen Rede, die von heiligem Feuer durchglüht, zugleich auch die große Versammlung der Anwesenden mächtigergriff. Wie im Alterthum, so führte er aus, an Stelle des Nassi R. Gamaliel unter vielen Berufenen der jugendliche Elieser ben Asariah an die Spitze des Synhedriums gestellt wurde: so habe die Berliner Gemeinde nach Geiger's Tode den damals jugendlichen vr. Frankl in das Rabbinatscollegium gewählt, — einen Mann, der durch Milde, Friedfertigkeit und reinen Charakter, zugleich aber auch durch ausgebreitetes Wissen und tiefe Gelehrsamkeit geeignet erschien, im Collegium wie in der Gemeinde segensreich zu wirken. Diese Erwartung

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