Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1887)
- Date
- 1887-09-08
- Page
- Seite 569 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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56S manchen Ländern verboten war? (Jawohl, mit Todesstrafe!) „Aber hat es in den Ländern Missionen getrieben, wo es erlaubt war?" Wir möchten den Redner aufforder», diejenigen Länder zu nennen, wo es ihnen erlaubt gewesen, Mission zu treiben. Wir kennen keines, weder unter dem Scepter des Christenthums noch des Islam? Unter solchen Voraussetzungen, die mit der geschichtlichen Wahrheit nicht übereinstimmen, lassen sich dann freilich Schlußfolgerungen nach Belieben ziehen. Oesterreich-Ungarn. Aus Ungarn, 24. Aug. In Anknüpfung an eine Bemerkung im ersten Leitartikel Nr. 34 über das Verhalten vieler katholischen Kirchenfürsten den Antisemiten gegenüber, wird auch folgende Mittheilung erfreuen. „Aufsehen erregten einige bedeutsameAeußerungen, welche der Großwardeiner Bischof vr. Schlauch anläßlich seiner heutigen feierlichen Installation gethan. Gestern empfing er die Deputationen der protestantischen Geistlichkeit und der israelitischen Cultusgemeinde. Er versicherte diesen, daß er den religiösen Frieden nie stören werde; alle Confessionen, sagte er, besitzen im Vaterland den gemeinsamen Brennpunkt, zu dessen Gedeihen sie beitragen müßten. Die Liebe sei das charakteristische Merkmal eines jeden Katholiken und er stehe fremd jeder Strömung gegenüber, welche diesen Gedanken verleugnet. Bei der heutigen kirchlichen Feier bekannte er sich in einer ungarischen, an die Gläubigen gerichteten Rede als Katholik in jeder Faser, als Ungar in jedem Schlage seines Herzens, während er in der darauf folgenden lateinischen Rede an die Geistlichkeit zuerst Treue dem König und dann erst huldigende Ehrfurcht dem Papste lehrte. Beim Festdiner trank er auf das Wohl des Papstes, des Königs, der Regierung und auf die Eintracht zwischen den Confessionen und Nationalitäten." Pest, 26. Aug. (Privatmitth.) Bischof Schlauch, früher Bischof von Szatmar, einer der Wortführer des ungarischen Clerus, wurde vorgestern als Bischof von Großwardein feierlich inthronisirt. Unter den Deputationen, welche den Kirchenfürsten in seiner neuen Residenz begrüßten, befand sich auch die der israelitischen Cultusgemeinde Großwardein. Der Sprecher derselben, Gr. Ignatz Adler, begrüßte den Bischof als den Nachfolger einer illustren Serie von Männern, welche bestrebt waren, in Stadt und Comitat jederzeit das Princip der religiösen Toleranz zur Geltung zu bringen. — Darauf erwiderte der Bischof: „Die Liebe ist das Fundamentaldogma meines heiligen Glaubens und meiner Kirche; und gleichwie dieser Gedanke alle ihre Gebote durchzieht, so steht er lebhaft jedem katholischen Geistlichen vor Augen, wenn er mit Denen verkehrt, die nicht seiner Kirche angehören. Die Liebe ist das charakteristische Merkmal, woran man den guten Katholiken erkennt. Deßhalb, meine Herren, gleichwie ich jener Strömung fernstehe, welche diesen Gedanken verleugnet, ebenso wollen Sie auch bezüglich meiner hiesigen Thätigkeit auf meine Zuvorkommenheit und meine Rechtsachtung rechnen. Ich bin überzeugt, daß auch Sie mir, wie meinen Gläubigen gegenüber dieselben Gesinnungen bethätigen werden. Nehmen Sie meinen herzlichen Dank für Ihre freundliche Begrüßung." Linz, 20. August. Wie seinerzeit gemeldet wurde, haben sechzehn bei der Linzer Advocaten-Kammer eingetragene Concipienten — im Ganzen zählt die Kammer 22 Concipienten in ihrer Liste, von denen drei Juden sind — eine Petition an die Kammer gerichtet, die mit einer antisemitischen Begründung in der Bitte gipfelte: „Der hochlöbliche Ausschuß der oberösterreichischen Advocaten-Kammer geruhe, den in Oberösterreich domicilirenden Advocaten zu empfehlen, keine jüdischen Advocaturs-Canditaten zu verwenden." Die Advocaten-Kammer hat in ihrer gestrigen Sitzung diese Petition wegen Jncompetenz abgewiesen. Rußland. Petersburg, 23. Aug. (Privatmitth.) Katkoff hat bereits seinen Nachfolger: Fürst Meschtscherski ist auf den Posten des großen Publicisten vorgerückt. Bon Katkoff kam der Vorschlag, die russische Studentenschaft in ihrem Thun und Lassen genauer zu controlicen. Meschtscherski hingegen erweiterte diese Idee bis zu jenem Umfange, welcher in den nun gesetzlich verfügten Maßregeln zur Thatfache wurde. Nur die Söhne der hohen Beamtenschaft und der reichsten Kaufmannsgilde können von nun ab wissenschaftliche Bildung erlangen und diese auch nur dann, wenn die Väter rein von jeder politischen Verirrung und Sünde sind. Nein, auch da giebt es eine Beschränkung. Jüdische Bürger haben auch dann, wenn sie allen Anforderungen minutiös entsprechen, nicht das gleiche Recht. Nur zehn, beziehungsweise drei Procent aller Frequentanten, dürfen dem Judenthum angehören. Es ist die Unduldsamkeit des Mittelalters in veränderter und erweiterter Form, denn sie bedrängt auch die glaubenseifrigsten Christen, wenn diese nur über Talent und nicht über Reichthum verfügen. Tolstoi war dem unheilvollen Rathe eines Meschtscherski zugänglich und hofft jetzt, nachdem die Universitätsschaaren decimirt, den Nihilismus gebannt zu haben. Das Wort „decimirt" ist in vielen Fällen buchstäblich zu nehmen. So wurden beispielsweise in alle drei Gymnasien Odessas für das Schuljahr 1887/88, das mit Ende August beginnt, nur 35 Zöglinge ausgenommen; gegen die Vorjahre wohl um hundert Aspiranten weniger. Dabei hat das neue Schulreglement für die Provinzialstädte, also auch für Odessa milderere Momente als für die Hoch- und Mittelschulen in Petersburg und Moskau, hier nur drei, dort aber zehn Prosa