Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1887)
- Date
- 1887-09-08
- Page
- Seite 568 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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568 jährlich mehrmals gerupft werden. Der Gerichtshof kam auf Grund der stattgehabten Beweisaufnahme zu der Überzeugung, daß hier in diesem Falle eine Aergerniß erregende rohe Mißhandlung der Thiere vorliege, da es nicht darauf ankomme, ob dieselben bei Beginn des Rupfens noch Bewußtsein gehabt haben, es vielmehr genüge, daß nach allgemeiner Ansicht der Tod noch nicht eingetreten war. Mit Rücksicht auf die bisherige Unbescholtenheit der Angeklagten setzte aber der Gerichtshof die Strafe auf je 20 Mark Geldbuße herab. Tilsit, 21. Aug. Die Judenauswanderungen aus Rußland haben zwar von dem Umfange, welchen sie zur Zeit der großen russischen Judenverfolgung hatten, schon viel verloren, jedoch dauern sie jetzt noch regelmäßig fort. Schon seit Jahren hat man auf unserem Bahnhofe Gelegenheit, die Schaaren der über Tauroggen tief aus dem Innern Rußlands kommenden Juden zu erblicken. Es entwickeln sich dort fast allabendlich Szenen des jüdischen Volkslebens, wie man sie sonst nur in russischen Judendörfern anzutreffen gewohnt ist. In vier großen Planwagen war auch gestern eine große Auswanderungscarawane, bestehend in über 100 Personen, aus Rußland hierhergekommen, um mit dem Abendzuge über Insterburg, Königsberg u. s. w. zunächst nach Bremen oder Hamburg zu gelangen. Von dort fahren sie nach Amerika. Leipzig, 29. August (Privatmitth.) Erst jetzt kommt mir die Nr. 24 vom 17. Juni der „Allgemeinen Evangelisch- Lutherischen Kirchenzeituug" und in derselben der Bericht über „die Judenmissionsfeier in der Leipziger Missionsfestwoche" vor die Augen. Jedermann weiß, daß Personen und Corporationen sich häufig in der Oeffentlichkeit anders darstellen, als sie in ihrem Thun und Lassen, in ihren wirklichen Bestrebungen und Handlungen Vorgehen. Es giebt Praktiken über welche in öffentlichen, osfieiellen Versammlungen nicht refcxirt wird. Doch lassen wir dies bei Seite, nnd hören wir, was die Leiter der deutschen „Judenmissiou" als ihre Gesinnnung und Ziele angeben. Am 31. Mai c. fand die Jahresversammlung „des evangelisch - lutherischen Centralvereins für Mission unter Israel" unter Vorsitz des Grafen Vitzthum von Eckstädt statt. Vertreten waren vier Hauptvereine, der Sächsische, der Bayerische, der Mecklenburg- Schweriner und der Baltische. Die Hauptfrage, die behandelt wurde, war „das Missionsfeld", d. h. ob sich die deutschen Missionsvereine auf Deutschland beschränken, oder auch, wie es jetzt durch einen reisenden Missionär geschieht, Galizien und Ungarn zu dem Missionsfelde gezogen werden sollen. Man gestand offen ein, daß „die Wirksamkeit eines Missionars in Deutschland mit großen Schwierigkeiten verknüpft" (das heißt doch wohl erfolglos) und die Thätigteit unter den Juden des Ostens ungleich aussichtsvoller sei. Aber bei allen Reden, die vor der zahlreichen Zuhörerschaft gehalten wurden. ward keine einzige Thatsache berichtet, und doch ist der Einwand, welchen das christliche Publikum erhebt, wenn es zur Theiluahme für dieselbe aufgefordert wird, daß sie doch keinen Erfolg habe. Doch ja, eine Thatsache wurde erzählt, nämlich daß eine achtzigjährige Jüdin sich habe taufen lassen! Jndeß wvllen wir nicht verschweigen, daß sich ein Redner, der Oberconsistorialrath Anacker aus Dresden, in wohlwollenderer Weise über die Juden ausgesprochen hat, als es in der Regel von evangelisch-lutherischen Geistlichen geschieht. Er sagte: „Die Christenheit hat vielfach gefehlt in ihrem Verhalten gegen die Juden, indem sie auf der einen Seite jahrhundertelang glaubte, sich gleichsam zum Anwalt der göttlichen Gerechtigkeit aufwerfen zu müssen, auf der anderen Seite aber in der Zeit eines indifferentistischen Humanismus dem gerechten Gott in den Arm fallen wollte. Hatte es früher den Anschein, als ob der Eifer um die Ehre des Sohnes Gottes alles menschliche Mitgefühl mit den Juden erstickte, so schienen nun gerade deßhalb viele Christen mit den Juden zu sympathisiren, weil diese leugneten, daß Christus der ins Fleisch gekommene Gottessohn sei. Jenes war unchristlicher Haß, aber dieses keine christliche Liebe. Denn von dem wahren Heil hält, man Israel um so länger ab, je mehr man es mit dem Wahne schmeichelt, daß es beim Beharren in seiner christusfeindlichen Haltung seinen Beruf erfülle. Die rechte Stellung des Christen ist die, daß er die Gerechtigkeit Gottes rückhaltlos anerkenne, aber auch an den Gnadenrathschluß Gottes über dieses Volk hoffend glaube. Diesen Weg zeigt uns das Wort Gottes. Wie durch die Gerichtsworte aller Propheten die Gnade Gottes hindurchleuchtet, so nicht minder durch die Worte des Heilandes selbst, wenn er spricht: Ick sage euch, ihr werbet mich nicht sehen, bis daß es komme, daß ihr sagen werdet: „Gelobt ist, der da kommt im Namen des Herrn". Und mit eben diesem verheißungsvollen „bis" eröffnet der Apostel Paulus uns das Geheimniß des göttlichen Rathschluffes über dieses Volk und lehrt uns hoffend schauen auf die Zeit, wo Israel als Volk wird wieder ctu gepflanzt werden in den eigenen Oelbaum. Zeit und Stunde hat auch hierin der Herr seiner Macht Vorbehalten, aber unsere Aufgabe ist es, an der Bekehrung Israels und an der Sammlung des wahren Israel aus allen Völkern zu arbeiten. Geringe Erfolge sollen uns nicht entmuthigen, sondern uns lehren an unsere eigene Brust zu schlagen. Denn so lange die Christenheit sich nicht erweist als das Israel nach dem Geist, so lange kann das Israel nach dem Fleisch die Wahrheit des Evangeliums nicht erkennen. Wenn Christen in bitterem Haß und gehässiger Anklage oder Verfolgung über die Juden herfallen, welchen Eindruck sollen dann die Juden gewinnen?" Ein anderer Redner warf die Frage auf, warum das Judenthum die früher im heidnischen Rom betriebenen Propaganda aufgegeben habe? „Etwa deßwegen, weil es in