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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-08 · Heft 36 (8.9.1887) · p. Seite 565

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 36 (8.9.1887)
Date
1887-09-08
Page
Seite 565 (sequence 5)
Language
German
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565 Auseinandersetzung ernsterer Art, um sich nur keine Feinde zu schaffen. Die einen schreiben noch immer ausführliche Gutachten über kleinliche Gesetzesbestimmungen, wie etwa mir kürzlich ein Rabbiner eine Abhandlung zeigte, in der er klar bewies, daß man am Feiertage eine Petroleumlampe etwas eindrehen dürfe, wenn man sie dann wieder aufzuziehen gedenkt. Die große Menge der Andern aber bekümmert sich unter solchen Umständen weder um Tossaffot's noch um Rabbenu Ascher's Auslegung des Gesetzes, sondern lernt es, ihr ganzes Leben außer jeden Contact mit dem religiösen Gefühle zu setzen. Man hört auf, sich gegenseitig zu verstehen, und man muß sich dulden, weil man selbst geduldet sein will. Die Einflußreichsten der Gemeinde sind in der Regel in religiösen Dingen lau, die folgende Generation, die Nachkommen der Lauen, stehen der Religion heimlich gegenüber und der Umstand, daß das Judenthum dem bürgerlichen Fortkommen Hindernisse in den Weg legt, läßt die Reichsten und Mächtigsten sich am frühesten mit dem Gedanken vertraut machen, sich dieser Fessel zu entledigen, zumal diese Herren überhaupt nicht gewohnt sind, eine Unbequemlichkeit zu dulden. Es geht uns, wie der Midrasch, Echa Rabbati (Par. 2), mit Beziehung auf die Stelle in Hiob 30,15 sagt: „Die Menschen, welche hochgestellt sind und niir zu Hilfe kommen könnten, diese werden wie Wolken vom Winde hinweggetrieben." Wir haben wenig Glück mit unseren Vornehmen. Männer, wie Baron Königswarter und Baron Hirsch, sind äußerst selten. Es ist auch begreiflich. Wir können unsere Geistlichen nicht zum Fürstenrange emporheben, wir können die verstorbenen Angehörigen eines großen Mannes nicht heilig sprechen, wir können nicht einmal den Einflußreichen gegen die Religionsgesetze etwas gestatten, was andern verboten ist. Darum aber ist es doch noch unsere Pflicht, auf der Hut zu sein, daß man uns nicht mit Recht Mammonsknechtschaft vorwerse, wir müssen darauf halten, daß nur derjenige als würdig gelte, unserer Gemeinschaft anzugehören, der mit den bleibenden Grundprincipien des Judenthums in sich einig ist. Diese bleibenden Grundprincipien des Judenthums sind: Das Judenthum kann nach seinen Grundlagen die Religion gebildeter Leute sein, das jüdische Gesetz ist ein Gesetz der Sittlichkeit und seiner Entwicklung ist die Zukunft offen. Die Schrift und die rabbinische Lehre sehen gerade in Eliahu, dem rücksichtslosen Bekämpfer der Baalspropheten, denjenigen, der bestimmt ist, das Reich der Vollendung zu bringen, den, der die Zweifel lösen wird und die Herzen der Väter zurückführen wird zu den Kindern und, wenn auch der ganze Hof den phönikischen Cultus vornehmer finden wird als den heimischen und immer weitere Kreise zu seiner Lehre hinüber zieht, so bleibt uns doch der Trost, der liegt in des Propheten Wort: Ich werde übrig lassen unter Dir ein Volk arm und niedrig, das vertrauen wird auf den Namen des Herrn. (Zephania III, 12). Warschau, 20. August. Russische Tendenzen. Die russische Regierung scheint in Religionsangelegenheiten nicht der Ansicht Friedrichs des Großen zu sein, daß in ihrem Reiche ein Jeder nach seiner Fa^on selig werden könne; sie glaubt dagegen, keine wichtigere Aufgabe zu haben, als der jüdischen Bevölkerung des Landes durch die erdrückendsten Maßregeln die Wirksamkeit auf allen Gebieten des Handels, der Industrie und der Wissenschaft auf ein Minimum zu reduciren, um durch Erschwerung einer ferneren Existenz dieselbe zur Glaubensänderung zu zwingen. Diese Bestrebungen der Regierung können jedoch nicht einschlagöfld wirken, denn die Weltgeschichte weist größere Verfolgungen der Juden auf, bei denen manche um ihr Leben und Vermögen gekommen sind, die Inquisition war für sie verhängnißvoll genug und trotzdem blieben sie das, was sie gewesen sind, Dank ihrer beispiellosen Geduld und Widerstandsfähigkeit, ihrem festen unerschütterlichen Glauben und ihrem treuen Hängen an ihren Gebräuchen und Traditionen. Die Juden Rußlands verleben jetzt keine glückliche» Tage; man sucht ihnen fast alle Erwerbsquellen zu verschließen, ja selbst das Licht der Wissenschaft zu entziehen. Die jüdischen Eltern, die ihren Söhnen den Schulunterricht angedeihen lassen wollen, sehen unruhig der Zukunft entgegen, denn es werden auf Schritt und Tritt der Fortbildung Hindernisse in den Weg gelegt. Es geschieht nämlich sehr häufig, daß ein Jude, der sogar die Prüfung gut bestanden hat, aus dem Grunde in's Gymnasium nicht ausgenommen wird, weil die Schulbehörde bei der Annahme vor allen Dingen die Russen, dann die Katholiken und zuletzt erst die Juden placirt, was Angesichts der geringen Zahl von Vacanzen sie meist ausschließt. Nehmen wir jedoch den günstigsten Fall an, daß die Aufnahme erfolgt ist und daß der betreffende Schüler als Abiturient das Gymnaffum endlich verläßt, so trifft ihn eine j neue Enttäuschung, denn laut der jüngsten Verordnung des! Cultusministers dürfen die Juden auf den Universitäten bloß j 10°/0 der Gesammtzahl der Stndirenden bilden, was ein j äußerst niedriger Satz ist und wodurch Manchem die Mög- - lichkeit zu studiren genommen wird. j Daß diese Weisung strict durchgeführt wird, beweist der! Umstand, daß viele Gesuche von Juden um Aufnahme in! Universitäten zurückgewiesen lvurden; so hat z. Bdie neu-

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