Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1887)
- Date
- 1887-09-08
- Page
- Seite 563 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227700--44685-3266979- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
563 pital 31,956 Kranke ausgenommen und verpflegt. Die unentgeltlichen Consultationen und Medicamente werden ohne Unterschied der Confession gewährt, und dermaßen in Anspruch genommen, daß man sich gezwungen sah, sie auf täglich 40 zu beschränken, worunter ungefähr 3 pCt. auf Juden kommen. Seit 1858 sind 205,110 Consultationen ertheilt worden. Auch darin wird kein Unterschied gemacht, daß diejenigen, welchen auf der Straße ein Unglück begegnet, in der Anstalt ausgenommen und verpflegt werden. In der Abtheilung für Unheilbare leben 70 Unglückliche, 33 Männer und 37 Frauen im Schutze vor jeder Gefahr, wohlgenährt, mit guter Wohnung und Bett und in der vorzüglichsten Organisation. Wahrhaft mustergültig ist das Zufluchtshaus für die Greise. Du Camp sagt: „In allen ähnlichen Anstalten, die ich studirt habe, städtischen und religiösen, fand ich nichts, was jenem zu vergleichen wäre." Es wird zum größeren Theile durch die vom Comite der Wohlthätigkeit veranstalteten Sammlungen erhalten. Es war eben vollendet, als der Krieg 1870 mit all' seinen traurigen Folgen, der Belagerung und der Commune, ausbrach. Man benutzte das Haus zu einer Ambulanz. 483 Kranke und Verwundete wurden darin ausgenommen und verpflegt. Die Kosten trug weder der Staat noch die Stadt, sondern die israelitische Consistorialverwaltung. Jetzt sind die 86 Betten des Hauses besetzt; aber das genügt nicht, denn über 100 Gesuche liegen augenblicklich vor, ohne daß sie befriedigt werden können. Wer das Nähere der interessanten und lehrreichen Schilderung kennen lernen will, den müssen wir auf das Original des Herrn Du Camp verweisen. Außer den bis jetzt angeführten Leistungen besorgt das Wohlthätigkeitscomite noch: regelmäßige und monatliche Unterstützungen an eingeschriebene Hilfsbedürftige, zeitweise Unterstützungen an nicht Eingeschriebene und Durchreisende, Beihülfe zur Rückkehr in das Vaterland, Vertheilungen bei Gelegenheit der religiösen Feste, Bertheilung von Brennmaterial im Winter, Volksküche (jährlich 300,000 Portionen), Unterstützungen von Wöchnerinnen und Bertheilung von Kinderwäsche, Bertheilung von warmen Speisen und Kleidern an Schüler von Primärschulen (ungefähr 2000), Bertheilung von Kleidern an Kinder bei ihrer Coufirmation (150—180 jährlich), Bertheilung von Nähmaschinen an Arbeiterinnen, Darlehenscasse (höchstens bis zu 100 Francs), Pflege der Waisen und verlassenen Kinder, die nicht in die Waisenhäuser ausgenommen sind (sie werden in Familien untergebracht, welche 20—40 Francs monatlich dafür erhalten). Außer diesen, man könnte sagen officiellen wohlthätigen Leistungen, j bestehen noch an 40 Vereine zu gegenseitiger Unterstützung,j welche alle dazu dienen, die Unfälle in der israelitischen Be-; völkerung zu mildern. Zwei Stiftungen, die vom Konnte abhängen, scheinen dem Berfasser einer besonderen Erwähnung 1 Werth. Die erste dient zur Unterstützung bei mangelnden Miethszinsen, wodurch den Familien, welche die Bedürftigkeit heimgesucht hat, der Genuß einer Wohnung gesichert wird. Der Berf. giebt *' " kleine Sittenschilderung, die wir wiedergeben müssen , viele arme Juden in Paris; das kleine Gewerbe, das sw treiben, schützt sie davor, Hunger zu sterben, aber gestattet ihnen keinerlei Ersparniß: der tägliche Verdienst wird von den täglichen Bedürfnissen verzehrt. Für sie ist die Miethsfrage die Hauptsache, denn die kleinen Miether können nicht auf die Menschenfreundlichkeit ihrer Miethsherren rechnen; der Tag, an dem die Miethe fällig ist, ist schrecklich: bezahle oder ziehe aus! Andererseits ist der Jude mehr als jeder andere exclusiv, er liebt sein Heim; das Heim ist ihm heilig, dorthin flüchtet er sich, dort tröstet er sich, dort faßt er wieder Muth und, so unglücklich er auch ist, dort schöpft er wieder Hoffnung, wenn er die Sabbathlampe leuchten läßt. Das gemeinsame Wohnen mit Anderen ist ihm schrecklich, denn fast immer ist ihm der Fremde feindlich gesinnt. In Paris hat er sich niedergelassen; während das reiche Israel seine Häuser in den schönsten Vierteln erbaut hat. wohnt das arme Israel hauptsächlich in der Uns Moukketard, in der Nähe des Tempels, in den Straßen Saint-Maur und de la Roquette, und besonders in der Gegend zwischen der Uns 8aint-Antoine und dem alten Hotel Saint-Paül, auf der Strecke, wo die Straßen Petit- Muse, Beautraillis, de la Cerisaie sich ausdehnen, welche durch ihren Namen an die verschiedenen Abtheilungen der Gärten von Charles VI. erinnern. Sie leben dort ohne großes Geräusch und bezahlen regelmäßig ihre Miethe, denn das Comite de bienfaisance zahlt für sie. Der Miethpreis, für den man auf diese Weise sorgt, beträgt 240 Francs per Jahr. In die Hände des Eigenthümers oder des Portiers wird der Miethpreis übergeben und niemals dem Miether, denn man soll Niemanden in Versuchung führen, selbst nicht die Abkömmlinge von Rüben und Naphtali, welche die Erinnerung an die Traube von Canaan dazu bewegen könnte, sie in Flaschen bei dem Weinhändler zu suchen. Mehr als sechzig Familien finden so die Sicherheit der Wohnung und verdanken vielleicht der Wohlthätigkeit ihrer Glaubensgenossen, dem Schicksal des Vagabundenthums zu entgehen. Jede arme Frau, welche im Laufe des Jahres Wittwe geworden, wird vom Bureau der Miethunterstützung ausgenommen, welches mit Vorliebe seinen Schutz den Greisen, den Kranken und den Arbeitern zu Theil werden läßt, die ein Unfall oder Entlassung aus der Werkstätte entfernt haben." — Die zweite Stiftung betrifft, abgesehen von der Behandlung der Kranken, Sterbenden und der Leichen, das Grab. In Paris bekanntlich giebt es gegen eine hohe Summe, zahlbar an die Munizipalcasse, innnerwährende Gräber, gegen eine geringere Summe Grabstätten auf eine bestimmte Zeit, 36*