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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-01 · Heft 35 (1.9.1887) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 35 (1.9.1887)
Date
1887-09-01
Page
Seite 554 (sequence 10)
Language
German
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554 nehmen, zu verwerfen war, da sämmtliche Staatsangehörige ohne Unterschied der Religion dem Gesetz, betr. das Feuerlöschwesen vom 7. Juni 1886 unterworfen seien und dieses Gesetz keine Bestimmungen enthält, daß derartige Uebungen an bestimmten Tagen nicht vorgenommen werden dürfen, oder daß gar Angehörige irgend einer Religion am Sonntag oder Sabbath oder irgend einem andern Tag von den vorgeschriebenen Pflichten befreit wären, überdies hatten die Angeklagten versäumt, sich genügend zu entschuldigen und waren somit schon formell strafbar. Rußland. Warschau, im August. Schon zu des Kaisers Nieolaus Zeiten konnte man in den schweren Bedruckungen der Juden die Tendenz erkennen, recht viele derselben zum Verlassen ihrer väterlichen Religion durch die harten Verhältnisse zu nöthigen. Kaiser Nicolaus war ein zu offener Charakter, als daß er aus dieser Tendenz ein Geheimniß gemacht hätte. Hieran wird man unwillkürlich erinnert, wenn man in der Pos. Ztg. die Mittheilung aus Warschau liest, „daß ausländische Juden, die nicht die gesetzliche Erlaubnis zum Handel im russischen Reiche haben, um sich die nöthigen Handelsdocumente auszuwirken, den Beweis beibringen müssen, daß sie zur christlichen Religion übergetreten sind. Hierbei hat nun laut einer Verfügung des Ministeriums der Finanzen und des Innern ausschließlich das Zeugniß Giltigkeit, daß die betr. Person nach.dem Ritus einer der im russischen Reiche geduldeten fremden christlichen Confessionen getauft ist; eine Bescheinigung über die Zugehörigkeit zur sog. freien christkatholischen Gemeinde wird demnach fernerhin als ungiltig betrachtet. Wie erinnerlich, sind vielfach Fälle dieser letzteren Art vorgekommen." (So ist in jenen Gegenden eine abermalige Prüfung für die Juden angebrochen — sie wer-1 den sie bestehen, wenn auch mit einigem Verluste!) Türkei. Konstantinopel, 6. Aug. Rach den türkischen Blättern hat der Rabbiner von Mosul kürzlich nach London um Einsendung von Gaben telegraphirt, da in Folge der im Districte Zakho ausgebrochenen Theuerung in letzter Zeit gegen fünfhundert Israeliten aus Mangel an Nahrung daselbst elend umgekommen seien. Sobald der Sultan davon erfahren, habe er den Gouverneur von Mosul unverzüglich um Aufschluß angehen lassen. Tahsin Pascha habe aber die Richtigkeit der Nachricht des Rabbiners entschieden in Abrede gestellt und nur zugegeben, daß in Folge der Ueberschwemmungen mehrere jüdische Familien brodlos geworden seien und deshalb ihren Aufenthaltsort geändert hätten. Von Theuerung im erwähnten Districte könne keine Rede sein. (Damit ist noch nicht ausgemacht, wer die Wahrheit sagt, der Rabbi oder der Pascha?) Griechenland. Bonn, im August. (Privatmitth.). Was wir heute von den Zuständen in Griechenland heranziehen wollen, hat allerdings einen weitergreifenden Bezug, der uns nicht unwichtig erscheint. Wir stützen uns dabei auf eine Abhandlung des Consul V. G. Marsch all in Patras: „der Fortschritt Neugriechenlands, eine culturhistorische Studie" in Nr. 8 der Zeitschrift „Unsere Zeit". Die Fortschritte des neuen griechischen Staates während des halben Jahrhunderts seit der Befreiung der Griechen vom türkischen Joche und der Constituirung ihres Staates sind trotz der Beschränkung desselben auf ein kleines Gebiet und mannigfacher Unglücksfälle, die ihn betroffen, wie z. B. die großen Erdbeben, ganz bewunderungswürdig. Hat sich doch die Bevölkerung seit 1829 von einer halben Million Seelen zu 2,200,000 erhoben. Abgesehen von Athen, das jetzt auf dem Niveau einer europäischen Großstadt steht, ist der Fortschritt in Peloponnes sehr bemerklich, obschon derselbe ausschließlich der Küstenstriche noch sehr am Mangel von Straßen und Communicationsmitteln leidet. 1829 fanden sich nur 12,000 Stremmata (je ein Viertel eines englischen Acre) Korinthenpflanzungen und 37,000 Stremmata Weinberge vor; heute hat es von den ersteren über 600,000, von den letzteren eine Million; die Olivenbäume waren nach der Verwüstung von Ibrahim Pascha bis auf eine halbe Million ausgerottet, im Jahre 1886 waren sie schon wieder auf 15 Millionen angewachsen. Das Volk besitzt in reichem Maße Talent, Fleiß und Arbeitskraft, aber was ihm fehlt, das sind die Capitalien. Der überwiegende Theil ist der Landwirthschaft ergeben und es giebt eine große Zahl kleiner Grundbesitzer, die sich jedoch bei dem Mangel an Capital nur durch ihre Tugenden: strenge Sittlichkeit und außergewöhnliche Genügsamkeit erhalten können. Wenn sie gezwungen sind, Geld aufzunehmen, so verweigern ihnen dieses die bestehenden Banken, und sie sind genöthigt, sich an Privatcapitalisten zu wenden und fallen hier dem Wucher in die Arme, da ihnen bis 25 pCt. und darüber für kleine Darlehen abgenommen werden. Hierüber führt Consul Marschall als das bedeutendste Hinderniß für die peloponnesischen Landwirthe bittere Klage. Für uns ist dies von Interesse, da im ganzen Peloponnes kein einziger Jude wohnt, und der überhandnehmende Wucher also nur von christlichen Griechen selbst betrieben wird. Es ist dies ein Factum, welches zur Illustration jener gewöhnlichen Anklage dient, daß die Juden die Erfinder und Träger des Wuchers seien. Dieser erscheint vielmehr als ein ökonomisches Naturgesetz überall da, wo man

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