Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1887)
- Date
- 1887-09-01
- Page
- Seite 552 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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552 gleichfalls sagt, in anderer Form, unter anderen Umständen, doch in Geist und Wesen nur allzunah verwandt. Ein Stuhlrichter in Ungarn — seinen Namen kennt Jedermann — muß seinen Dienst — wohl durch eigene Schuld — quittiren, vermeint aber, djes Mißgeschick dem Einflüsse eines Israeliten zu verdanken; da faßt er — ä la Haman — einen grimmigen Haß gegen alle Glaubensgenossen desselben und wirft sich zum Apostel eines Vertilgnngskampfes gegen diese auf, den er nun schon seit mehr denn einem Jahrzehnt mit allen Mitteln der List und des Truges, wenn auch oft unter höhnischem Gelächter, beharrlich fortführt. Und er hat Schule gemacht mit seiner Hamanischen Doctrin; nicht nur im eigenen Lande und dein ihm verbrüderten Cisleithanien, sondern auch in den Nachbarreichen ist eine wilde Meute ivach geworden, die in dasselbe Horn giftiger Anschwärzung und Verleumdung stieß, im neunzehnten Jahrhundert alle die verabscheucnswerthen Practiken des barbarischen Mittelalters, die man längst begraben wähnte, wieder ins Leben zu rufen bestrebt war und eine Zeit lang auch wirklich der staunende» Welt solch' widerliche Schau- oder besser Trauerspiele zum Besten gab. Doch wie aus erlauchtem Munde dies Treibe» als eine Schmach und Schande der Nation bezeichnet ward, so ernteten seine Urheber davon nur Brandmarkuug in den Augen aller human und nicht mittelalterlich Denkenden und Gesinnten, und auch in den niederen Volksschichten ist nachgerade der Credit, dessen sich das Gekläff dieser Hetzer und Aufwiegler eine Zeit lang in deren Reihen zu erfreuen hatte, nahezu auf Null gesunken. Wie ein in den letzten Zügen liegender Sünder stöhnen sie nur in Intervallen noch ängstlich auf, machen ihrem Zorngesühl in wieder ansgebackenen Ausbrüchen längst abgedroschener und abgeiviesener Schmäh- und Schimpfrcden Luft, schämen sich aber schon selbst des sonst so stolz getragenen, aber immer mehr in üblen Geruch gekommenen Namens der „Antisemiten" und wollen ihn mit dem der „christlichen Volkspartei" (wie zuvor schon anderwärts „christlich-sociale Partei") vertauschen, in der Meinung und Hoffnung, unter solch' trügerischer Flagge segelnd noch Propaganda machen und sich noch weiter über Wasser halten zu können. Allein wie wenig Aussicht sie haben, damit zu reüssnen, hat der Artikel in Nr. 32 dieser Zeitung „die christliche Volkspartei in Ungarn" schon hinlänglich prognosticirt, und war es das Ziel dieser Correspondenz auch nur, hierauf das Siegel zu drücken und den Hamanssöhnen das „Mene Tekel", welches ihren Ahnen von seinen eigenen Freunden zugernfen wurde: „Wenn der, vor dem Du zu fallen angefangen, jüdischen Geschlechtes ist, so wirst Du ihm nicht beikommen, sondern gänzlich vor ihm stürzen" (Esth. 6, 13) auch zu Gemüthe zu führen. Und wenn dies Ende vom Liede über kurz oder lang eingetreten sein wird, weroen die Koryphäen, die in der neue» Auflage I des Drama's die Hauptrolle gespielt, bei Mit- und Nachwelt nur eine traurige Berühmtheit davontragen, und was sie zu Wege gebracht, wird als nichts denn eine „Episode der Schmach" in den Annalen der Geschichte verzeichnet bleiben. vr. M. Stern. Breslau, 25. August. (Privatmitth.) Der Artikel der „Schles. Zeit." über die Juden in Elsaß-Lothringen und die Alt isr. univ. (vgl. Nr. 34 d. Z.) verdient alle Beachtung, da dieses Blatt in einiger Verbindung mit maßgebenden Kreisen steht. Der ganze Artikel enthält nichts als Denunziation. Die Juden im Reichslande werden als antideutsch denunzirt; die AU. isr. univ. wird als eine politisch-französische Propaganda denunzirt, die sich ihrer elsässischen Mitglieder als französischer Agenten bediene. Die Denunziation ist in ihrer Absicht so offenbar und widerspricht allen Thatsachen so sehr, daß sie eine Widerlegung gar nicht verdient und daß man von der Gerechtigkeit unserer höchsten Behörden die Nichtberücksichtigung jener erwarten kann. Jedenfalls muß es aber zur Vorsicht mahnen, und wenn Herr Großrabbiner Zadoc Kahn hinsichtlich der französischen Sprache eine sehr unkluge Aeußerung that, so sprach er seine persönliche Meinung aus, jedoch gewiß nicht als Vertreter der Judenheit und der AU. isr. univ. Leider giebt es mehrere Rabbiner, welche mit irgend einer politischen Partei kokettiren und sich dadurch zu Aeußerungen verleiten lassen, die sie in Wirklichkeit nicht vertreten könne». Hiervor muß gewarnt werden. Aus Bayern, 19. August. (Privatmitth.) Oft genug hört man noch heutzutage klagen, daß die landwirthschaftlichen Grundbesitzer durch den Wucher der Inden zu Grunde gingen. Neuerdings haben statistische Erhebungen den völligen Ungrund dieser schweren Anklage erwiesen. Soeben giebt nun das bayerische statistische Bureau in einem gründlichen Bericht über die „zwangsweise Veräußerung landwirthschaftlicher Anwesen in Bayern" eine neue Auskunft hierüber. Nach diesem gelangten während des Jahres 1886 1348 landivirthschaftliche Anwesen zur zwangsweisen Veräußerung. Bei der Angabe der Ursachen dieser Veräußerungen stellte es sich heraus, daß nur in 16 Fällen oder 1,2 Proz. aller Fälle der Wucher die Ursache war, also ein verschwindendes Moment unter den Ursachen dieser traurigen Erscheinung bildet. Hierbei fragt es sich nun doch noch, in wie vielen Fällen jüdische und in wie vielen christliche Wucherer unter den 16 Fällen die Urheber waren. Aus Mecklemburg, 18. Aug. (Privatmitth.) In der neuesten Nummer (Nr. 16) des „Mecklenb. Kirchen- und Zeitblattes" liest man Folgendes: „Aus Berlin schreibt man: Gegen die Ernennung eines Juden zum Standesbeamten durch den Magistrat hat ein hiesiger Bürgerverein Einsprache erhoben und dabei mit Recht auf die Ungehörigkeit hinge-