Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1887)
- Date
- 1887-09-01
- Page
- Seite 551 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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551 Die Nachricht ist schon von vorn herein nicht zn glauben, da ja die türkische Regierung keinem Institut in Palästina gestatten würde, eigenes Geld zu prägen. Die Sache verhält sich aber folgendermaßen. Das Kleingeld ist sehr rar in Palästina, und wer es öfters braucht, muß es sich auf irgend eine Weise künstlich ersetzen. So hat denn die Ackerbauschule der Alliance israelite universelle in Jaffa, dem Beispiel der deutschen Ackerbaucolonien in Jaffa folgend, für ihren inneren Gebrauch und hauptsächlich für die Bezahlung der Arbeiter, kleine bronzene Marken (nicht Münzen) anfertigen lassen, welche der Inhaber sammelt, bis er so viele hat, daß die Ackerbauschule sie mit türkischem Geld einlösen kann. Diese Marken haben an sich keinen Werth, sie repräsentiren 1, V2 und V4 Paras (der Paras gilt ungefähr 17 Pfennige) und tragen die Chiffre A. I. ü. Sie cursiren nicht im Lande und haben keine andere Bedeutung als die Marken, welche die Beamten von Hotels in Paris und anderswo unter sich verwenden, um die Zahlungen und Abrechnungen zu erleichtern- Andere Institute oder Ackerbau eolonien in Palästina können auch vielleicht ähnliche Marken besitzen, aber gewiß nicht mit der Chiffre A. I. II., da diese Institute oder Colonien nicht unter der Leitung der Alliance israelite universelle stehen und durchaus keine Lerbindung mit ihr haben. Köln, 21. August 1887. Rabbiner Dr. Frank, Mitglied des Central-Comites der A. I. U. in Paris. Berlin, 22. Aug. (Privatmitth.) Soeben lief hier telegraphisch die Trauerkunde ein, daß heute der Rabbiner der hiesigen Gemeinde, 1)r. P. Frankl, in Johannisbad (Böhmen) verstorben ist. Der Heimgegangene war ebenso wegen seines ehrenfesten Charakters wie wegen seiner Gelehrsamkeit hochgeachtet. Die Hochschule für die Wissenschaft d. I. verliert an ihm einen trefflichen Dozenten. Berlin, 17. Aug. (Privatmitth.) 8t. „Nichts Neues giebt es unter der Sonne," sagt Koheleth, und „Alles schon dagewesen," lautet die Variation hiervon in dem zum „geflügelten Worte" gewordenen Ausspruch Rabbi Akiba's in Gutzkows „Uriel Aeosta". Die Begebnisse in der Menschenwelt, in Betreff welcher jene Sentenzen des alten und neuen Weisen hauptsächlich Giltigkeit beanspruchen, wiederholen sich bald vollständig, bald auch nur zum Theil in gleicher Weise früher oder später, und wäre das an und für sich durchaus nichts Schlimmes, wenn es nicht zu bedauern bliebe, daß auch die Bosheiten vergangener Tage, die zu ihrer Zeit sich schwer gerächt, gleichwohl in auffälliger Aehnlichkeit sich wiederholten, und damit der traurige Beweis dafür geliefert würde, daß die Menschen aus der Kenntniß der Geschichte der Vorzeit deren vorzüglichsten Nutzen, daraus Lehre, Mahnung und Warnung für das eigne Thun und Lassen zu entnehmen, zu ziehen entweder geistig zu träge oder im Herzen zu böswillig sind. Jeder, Christ und Moslem wie Israelit, kennt schon von der Schule her das historische Drama von Mordechai und Haman, das darin allein seinen Ursprung hat, daß dieser, wuthentbrannt über die mannesmuthige Weigerung Jenes, sich selavisch vor ihm in den Staub zu werfen, nicht nur an ihm, sondern au der ganzen Nation, der er entstammte, Rache dafür zu nehmen und sie daher mit Stumpf und Stiel auszurotten beschloß. Er weiß auch diesen kannibalischen Rathschlag dadurch geschickt ins Werk zu setzen, daß er dies Volk dem Könige darob als staatsgefährlich denuncirt, weil „seine Gesetze von denen aller arn deren Nationen abweichen, und es die Gesetze des Königs nicht befolge." Ist nun letzteres eine offenbare Lüge und tückische Verleumdung, weil die Juden vom Anfänge ihrer Zerstreuung in alle Welt nur religiös eine besondere Gemeinschaft bildeten, in bürgerlicher Beziehung dagegen der später zum bindenden Gesetz erhobenen Norm: „das Staatsgesetz ist auch für uns verbindlich" folgten, so hat das Erstere freilich den Anschein der Wahrheit für sich, indem die für Israel gegebenen Gesetze sich in der That von denen der heidnischen Völker wesentlich unterscheiden. Doch nicht zu ihrem Nachtheil, sondern so sehr zu ihrem Vortheil, daß Moses gehobenen Sinnes von ihnen sagen konnte (Deuter. IV, 6, 8.): „Sie sind eure Weisheit und Vernunft in den Augen der Völker, welche alle diese Gesetze hören und dann sagen werden, fürwahr! eine weise und vernunftreiche Nation ist dieses ausgezeichnete Volk; denn wo wäre ein Volk, auch noch so hervorragend, das so gerechte Gesetze und Vorschriften hätte, wie es in dieser ganzen Lehre der Fall ist, die ich euch heute vorlege." Und wo man die Trefflichkeit dieser Gesetze und Rechte erfaßt und sie auch nur theilmeise in Staat und Gesellschaft zur Richtschnur genommen, da ist Gesittung, Civilisation heimisch geworden, wo sie aber unbekannt oder unbeachtet geblieben, herrscht bis auf diesen Tag noch Barbarei und Brutalität. — Jedoch Haman hatte zunächst Glück mit seinen heimtückischen Insinuationen, sie fanden ein geneigtes Ohr bei dem Könige, sein teuflischer Plan sollte unbarmherzig ausgeführt werden, ward jedoch bekanntlich durch Königin Esther's Intervention durchkreuzt, Haman fand den verdienten Lohn am — Galgen, und die Gunst, deren er genossen, ging auf die über, welche er hatte verderben wollen. Ist das nicht ein lehrreiches Beispiel, das für alle Zeiten abschreckend wirken sollte, und von dem ein Nachspiel zu erleben, man am wenigsten im sogenannten Jahrhundert der Aufklärung gewärtigen müßte, das viel eher berufen wäre, die haarsträubenden Unbilden wieder möglichst auszugleichen, die von früheren Geschlechtern gegen das kleine Israel, von dem doch, wie selbst seine Hasser nicht leugnen können, das „Heil der Welt" ausgegangen, grausam verübt worden? Aber nein! „was geschehen ist, das geschieht wieder," wie Koheleth