Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1887)
- Date
- 1887-09-01
- Page
- Seite 549 (sequence 5)
- Language
- German
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549 möchte wohl kein Dichter »och Gesichtsschreiber würdig genug preisen können." Ferner: „Moses, der sowohl zum höchsten Gipfel der Philosophie vorgedrungen war, als auch durch göttliche Offenbarungen über die meisten und selbst die verborgensten Eigenschaften der Natur belehrt wnrde, erkannte in der That, daß unter den Wesen nothwendiger Weise ein Wirkendes und ein Geschaffenes sein müsse; und zwar daß die wirkende Ursache jenes Wesen sei, welches unter allen der lauterste und klarste Geist ist, vorzüglicher als die Tugend, vorzüglicher als die Wissenschaft, vorzüglicher als der Edelmuth und die Schönheit selbst." — Gehen wir nun auf Einzelnes ein. Hier bekundet sich uns vorzugsweise die erste Jnterpretationsweise Philo's, die rationalistisch-raisonnirende. Philo steht völlig auf bibelgläubigem Standpunkt: er will die Aussprüche der h. Schrift erklären und philosophisch erweisen. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Philo sagt: „Damit meint Moses nicht den Anfang in Bezug auf die Zeit: denn vor der Welt gab es keine Zeit, sondern sie entstand mit ihr oder nach ihr. Denn da die Zeit das Maaß der Bewegungen des Himmels ist, so möchte wohl die Bewegung nicht früher gewesen sein als das Bewegte, und also ist es nothwendig, daß die Zeit zugleich mit der Welt, aber später als diese geworden. Dann aber muß der Anfang nicht in der Zeit, sondern der Zahl nach verstanden werden, so daß Moses sagen will: Zuerst schuf Gott den Himmel. Und dies ist vernunftgemäß, da der Himmel das vorzüglichste unter den Dingen ist und das aus dem reinsten Stoffe Gebildete". (Die Zeit ist allerdings nur die Bewegung) d. h. die Veränderung der Dinge. Philo versteht dies äußerlich von den Bewegungen der Weltkörper, von denen wir die Bezeichnung der Zeiten entnommen haben.) — Daß es nicht der „ erste Tag", sondern „ein Tag" heißt, erklärt Philo: um anzudeuten, „daß dies wegen der Einheit der ideellen Welt gesagt sei, die eine einheitliche Beschaffenheit besitzt." In sechs Tagen sei die Welt geschaffen worden: „Nicht als ob der Schöpfer einer langen Zeit bedurft hätte, vielmehr weil der Schöpfung eine Ordnung auferlegt werden sollte, der Ordnung aber die Zahl anhaftet. Unter den Zahlen nun ist nach den Gesetzen der Natur die für die Schöpfung geeignetste die Sechs. Denn nach der Einheit ist sie zuerst vollkommen gleich in ihren Theilen und vollendet in denselben: ihre Hälfte ist nämlich die Dreiheit und ihr Drittel die Zweiheit, und so zu sagen ist sie zugleich männlich und weiblich aus beiden Kräften zusammengesetzt. Denn das Ungerade ist das männliche Princip in den Wesen, das Gerade aber das weibliche; von den ungeraden Zahlen ist der Beginn die drei, von den geraden die zwei, und ihre Macht ist vereinigt in der Sechs." (Später entwickelt Ph. ein ganzes System über die Natur der Zahlen. An und für sich will er das Verhältniß der Zahlen zu einander, seinen Voraussetzungen gemäß, logisch erklären, dabei geräth er jedoch auch in die Symbolik, wie wir hier hinsichtlich des männlichen und weibliche» Princips ersehen. — Wenn in der neueren Zeit in der Erklärung der Symbolik in dem mosaischen Stiftszelte auch die Zahl symbolisch gedeutet worden — wie auch wir es gethan — so unterscheidet sich dies von dem Verfahren Philo's dadurch, daß dieser eben nur den von ihm erdachten Annahmen folgte, während jetzt die symbolische Bedeutung in dieser Partie nur nach den Andeutungen der h. Schrift selbst zu erforschen gesucht wird.) — Ein Beispiel der spielenden, wenn nicht schielenden ety mologischen Erklärungsweise Philo's giebt er in Folgendem. Die „Feste" (y’pi) nennt Moses „sofort mit Recht und großer Weisheit Uranos (Himmel), entweder weil er der Horos (Grenze) von Allem ist oder weil er zuerst unter den Horata (sichtbaren Dingen) wurde." (Diese Ableitung des Wortes Uranos ist durchaus irrig, zugleich aber ahnt Philo nicht, daß das hebräische Wort D'D'i', das doch erklärt werden mußte, gar keine Verwandtschaft mit dem griechischen Worte Uranos hat). — Bemerkenswerth ist es, daß Philo auch von astrologischen Vorstellungen nicht frei war, wie denn unter allen mittelalterlichen jüdischen Geistesheroen Maimvnides allein von diesem Aberglauben sich gänzlich entfernt hatte, dagegen z. B. Aben-Esra nicht. Die h. Schrift hat sich stets gegen den astrologischen Aberglauben erklärt, und ist daher das von den Weltkörpern gebrauchte Wort mnx von den Zeitepochen zu verstehen. Philo aber sagt: Die Weltkörper „wurden nicht nur, damit sie das Licht über die Erde ergössen, sondern damit sie auch als Zeichen für die zukünftigen Dinge dienten. Denn nach ihrem Auf- oder Niedergang, ihrer Verdunkelung, ihrer Bahn und ihrem Ausbleiben oder den anderen Unterschieden in ihrer Bewegung erforschen die Menschen das zukünftige Schicksal, die Fülle oder den Mangel der Feldfrüchte, das Entstehen und Vergehen der lebendigen Wesen, Helles und regnerisches Wetter re., so daß man mit Recht behaupten kann, die Sterne seien zu Zeichen geworden." Philo findet, „daß Gott eine schöne Reihenfolge in der Schöpfung der lebenden Wesen befolgt hat. Denn die roheste und unentwickeltste Seele ist dem Fischgeschlechte zu Theil geworden, die vollkommenste und vorzüglichste aber dem Menschengeschlechte, die mittlere zwischen beiden den Landthieren und dem Geflügel, da sie ausgebildeter ist als diejenige der Fische und doch trüber als die Menschenseele." Man muß sich hierbei erinnern, daß seit Aristoteles die Ernährung zu den Seelenvermögen gerechnet wurde. — Ueber die merkwürdigste Stelle in der Schöpfungsgeschichte bemerkt Philo: „Nach den andern Allen läßt Moses, wie gesagt, den Menschen nach dem Bilde und Gleichniß Gottes entstehen. Wie schön! Ist doch nichts Geschaffenes Gott ähnlicher, als der Mensch; aber niemand möge diese Aehnlichkeit aus der Beschaffenheit des Körpers folgern. Denn weder hat Gott menschliche Gestalt, noch ist der menschliche