Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-01 · Heft 35 (1.9.1887) · p. Seite 548

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 35 (1.9.1887)
Date
1887-09-01
Page
Seite 548 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227699--44669-3266962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

548 andere eigenartige Methoden der Schriftauslegung hinzuzufügen hätten, die karaitische und die kabbalistische; allein beide gehören dem jüdischen Alterthume nicht mehr an, sondern dem Mittelalter, und ist die karaitische doch nur ein Ableger der talmudischen, die kabbalistische ein späteres künstliches Produkt, das dem Wesen des Judenthums und seinen grundlegenden Ideen nicht entsprach. Wir beabsichtigen nun keineswegs, eine irgend erschöpfende Darstellung der beiden exegetischen Wege zu versuchen; dazu ist der Gegenstand für den Rahmen einer Zeitschrift viel zu umfassend. Denn der Pfad, welchen jene beiden Erscheinungen verfolgten, ist kein einfacher, streng eine Linie einhaltender, sondern zweigt sich mannigfaltig ab und führt auf verschiedenen Bahnen über die Höhen und Tiefen' hin. Eine vollständige Darstellung müßte aber alle diese Verzweigungen aufsuchen, charakterisiren, in ihrem Zusammenhang, in ihrer Consequenz, in ihrer psychologischen Nothwendigkeit Nachweisen. Z Es ist uns vielmehr darum zu thun, unfern Lesern, so weit sie mit jenen großen Schriftwerken nicht selbst vertraut sind, eine klare Vorstellung von der Auslegungsweise unsrer Vorfahren zu geben, die einen so bestimmten Einfluß bis auf die Gegenwart gehabt haben, und von deren Eigenart wir jetzt doch entfernt sind. Allerdings hat Philo, dessen Ausläufer in den sibyllinischcn Orakeln zu suchen, auf die Fortentwicklung des Judenthums keinen Einfluß gehabt, nachdem das Judenthum aus den hellenistischen Kreisen hinausgetreten oder hinausgedrängt worden und selbst im byzantinischen Kaiserthum nur schwach und ohne rege Geistesflamme vertreten war. Dennoch darf Folgendes nicht übersehen werden. Philo schreitet bei seiner Schriftauslegung, die bekanntlich den größten Thcil seiner Schriften ausfüllt, nach zweifacher Richtung, nach der rationalistisch-raisonnirenden und nach der symbolisch-allegorischen. Es ist nun nicht zu verkennen, daß unsre neueren jüdischen Kanzelredner dieselben Erklärungsstufen, wenn auch niit mehr Maß, wieder genommen haben. In unzähligen Predigten werden Schriftstellen in philosophirender Weise ausgelegt, oder zu religiös-sittlichen Zwecken symbolisch oder allegorisch gedeutet. Die philonische Interpretation ist in der modernen Homiletik wiedererstanden, aber dem Geiste unserer Zeit gemäß einfacher und geschmackvoller. Es liegt hier ein psychologisches Gesetz zu Grunde, welches bei erweitertem Gesichtskreise und umfassenderer Bildung fordert, daß der Schriftgedanke als Grundlage zu weiterer Entwickelung unsers ') Für die talmudische Exegese hat H. S. Hirschfeld die Systeinatisirung bereits versucht: „Halachische Exegese oder der Geist der talmudischen Auslegung der Bibel" (Berlin 1846) und „die hagadische Exegese oeer der Geist der ersten Schriftauslegungen" (Berlin 1847). Aber der tiessiunige Verfasser war zu sehr von den Ideen der Hegel'schen Philosophie erfüllt, und wendete sie allzu reichlich aus seinen, dieser wenig entsprechenden Gegenstand an, daß seine Arbeit nicht sehr fruchtbar und für das größere Publikum ungenießbar wurde. Jdeenkreises diene, oder andererseits mit der Gedankenwelt der Gegenwart in Ausgleich gebracht werde. Dies war das Motiv zu Philo's Exegese, der einentheils, ohne sich vom Boden der Schrift zu trennen, philosophisch aufstreben, und andererseits mit den philosophischen Strömungen seiner Zeit sich vereinbaren wollte. Er hatte das Doppelziel vor, mit Anknüpfung an die Schrift seine philosophischen Gedanken zu entwickeln und wiederum zu zeigen, daß die Philosophie mit der h. Schrift nicht in Widerspruch, sondern im Einklang stehe. Dieselben Motive beherrschen aber auch unsre Kanzelberedtsamkeit. Wenn sich hierbei Philo bisweilen verirrte und zu Zielen kam, welche die Autoren der h. Schrift gewiß nicht im Auge hatten, so lag dies sowohl in seiner eigenen als in der Natur der Philosophie, welcher er zuneigte und die er selbst weiter ausbildete. Hierbei litt er noch an eineni Mangel, nämlich einer genügenden Kenntniß und Berücksichtigung des hebräischen Urtextes. Er arbeitet in der Regel nach den Septuaginta und läßt sich nun nicht selten verleiten, in dem von diesen in der Uebertragung gebrauchten griechischen Worte in gewissermaßen spielender Art die Andeutung eines Gedanken zu finden, für welche in dem hebräischen Worte gar kein Raum vorhanden, wobei er sich denn auch jener irrigen Etymologie bedient, welche im klassischen Alterthum gang und gebe war. Dessenungeachtet ist die philonische Auslegung oft wahrhaft großartig und erweist die Höhe und Reinheit der Gedanken und Gefühle, zu welcher sich der jüdische Geist, durch den Offenbarungsglauben genährt und gestärkt, emporzuheben vermag. Die weitere Beachtung Philo's wird deshalb auch für den jüdischen Kanzelredner eine kräftige Quelle der Anregung sein. Wir wollen darum hier die beiden Jnterpretationsarten nur durch Anführung von Beispielen mit den nöthigen Bemerkungen deutlich zeichnen und dem Leser vor Augen bringen, indem wir dabei, um nicht willkürlich zu verfahren, einige Bücher aus den beiden Schriftwerken zu Grunde legen und gewissermaßen durchgehen. Wir beginnen mit dem ersten Buche Philo's „über die mosaische Schöpfungsgeschichte." Philo giebt znerst seiner Bewunderung des Gesetzgebers Moses Ausdruck. Er sagt: „Moses hat der Gesetzgebung einen schönen und trefflichen Anfang gegeben, indem er weder sofort aussprach, was zu thun und was zu lassen sei — da ja das Gemüth derjenigen, welche die Gesetze anwenden sollen, erst für dieselben verbreitet werden mußte — noch Fabeln ersann oder die Erdichtungen Anderer wiederholte. Sondern sein Anfang ist höchst bewunderungswürdig, indem er die Schöpfung der Welt schildert; weil nämlich die Welt mit seinem Gesetz und sein Gesetz mit der Welt in Einklang steht und ein gesetzestreuer Mann sofort Weltbürger wird, da er sein Thun den Regeln der Natur anpaßt, nach welchen das ganze Weltall regiert wird. Die Schönheit seiner Darstellung der Weltschöpfung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.