Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1887)
- Date
- 1887-09-01
- Page
- Seite 547 (sequence 3)
- Language
- German
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547 seine Nordpol -Expedition *). Er war, unterstützt von naturwissenschaftlichen Kräften und einer sehr tüchtigen Mannschaft, drei Jahre im hohen Norden; in der Lady Franklin-Bai errichtete er eine Station und machte von dort aus Erforschungszüge bis an einen Punkt so hoch im Norden, bis wohin noch Niemand gedrungen war, nämlich bis zu 83° 23' 8"; es geschah dies in den Jahren 1881—1884. Jedes Jahr war ihnen die Sonne Pj2 Monate verschwunden; grausige Stürme, furchtbare Kälte und eine vollständige Einsamkeit lasteten auf ihnen. So fern von aller Civilisation wollte Lieutenant Greely doch die Gewohnheiten der civilisirten Welt nicht aufgeben und hielt daher darauf, daß der Ruhetag jeden Sonntag gehalten werde. An jedem Sonntag Vormittag wollte er einen Gottesdienst feiern. Aber wie diesen einrichten, da seine Mannschaft aus Mitgliedern vieler Confessionen und Secten bestand? Doch war nicht das Buch der Psalmen über den Ozean und die vergletscherten Landstriche mit ihnen gezogen? Er beschloß deßhalb, um jeden Gewissensscrupel zu vermeiden, den Gottesdienst darin bestehen zu lassen, daß er jedes Mal einige ausgewähltc Psalmen vortrug, keine Auslegung hinzufügte, wohl aber hier und da Bemerkungen, wie sie im Augenblicke paßten. Alle Glieder dieser kleinen Gemeinde waren davon höchst erbaut und lauschten den Worten der h. Sänger. Sie schöpften daraus selbst unter den Schrecken der Natur, die sie umgaben und ihnen so viele Gefahren bereiteten, Seelenstärke, Pflichteifer, Muth und Trost . . . Fürwahr, man muß den poetischen Literaturen aller Nationen Gerechtigkeit widerfahen lassen — aber ein so hohes Verdienst um die ringende, widerstehende und leidende Menschheit, tvie die herrlichen Zionslieder, die Gesänge des israelitischen Volkes kann keiner anderen Poesie zugeschrieben werden! Aber nicht bloß von solchem idealen Standpunkte, sondern auch von ganz thatsächlichem Antheil haben wir zu be-, richten. Unter den 25 Männern, aus welchen, den eommandirenden Lieutenant Greely eingeschlossen, diese merkwürdige Expedition bestand, war der Astronom Edward Israel, ein Jude. In dem ganzen Buche Greely's sind confessionelle Beziehungen in keiner Weise erwähnt; aber, wie wir sehen werden, bei einer besonderen Gelegenheit bezeugt der Autor, daß Edward Israel ein Jude war. Dieser zeichnete sich durch unermüdlichen Eifer, ununterbrochene Thätigkeit und Hingebung aus, und ihm ist ein großer Theil der reichen wissenschaftlichen Erfolge zu verdanken, welche diese Expedition unter den härtesten Entbehrungen und Strapazen erzielte. Auch bei der furchtbaren Kälte von minus 47—51° Celsius l) Drei Jahre im hohen Norden. Die Lady Franklin-Bai-Expedition in den Fahren 1881—1884 von Adolph W. Greely, Lieutenant der Vereinigten Staatcn-Armee, Führer der Expedition. Aus dem Englischen von Reinh. Teuscher Di. med. Jena. Costenoble 1887. unterließ Israel seine astronomischen Beobachtungen, die Bestimmungen der Ortslagen, metereologische Beobachtungen, Peilungen u. s. w. nicht, und war dabei stets heiterer und milder Gesinnung. Fast jede Seite des umfänglichen Buches giebt hiervon Zeugniß. Aber die Expedition, in nicht zu rechtfertigender Weise vom Mutterlande verlassen, unterlag zum größten Theile dem Mangel an Lebensmitteln, an Schutz gegen die Kälte und den Strapazen und übermenschlichen Anstrengungen. Von den 25 Männern kehrten nur 7 zurück, und auch von diesen starben an den Folgen jener Mühsale noch mehrere in der Heimath. Unter denen, deren irdische Reste an den vergletscherten Felsenriffen Nordgrönlands verscharrt sind, befand sich auch Edward Israel. Auch er erkrankte Ende Mai 1884. Greely berichtet: „Israel ist äußerst schwach und kann sich nicht mehr setzen, so daß ich ihn in die Höhe heben und füttern muß, was mich ungeheuer anstrengt. Er spricht viel von seiner Heimath und Jugend und sieht dem Tode ruhig entgegen. Am 27. früh starb Israel eines sanften Todes". Dann fügt er hinzu: „Sergeant Israel war ein junger Mann von einige:» Vermögen, graduirt an der Ann-Arber-Universität, ein vielversprechender Astronom, der eine Zukunft vor sich hatte. Sein Tod ging mir sehr nahe, denn während der langen Monate, wo er mein Schlafgenosse war, hatten seine freundlichen und hoffnungsreichen Worte dazu beigetragen, mich zu ermuthigen und zu zerstreuen. Er hatte sich durch seine Freundlichkeit, Rücksichtnahme und immer gleiche Laune bei jedermann beliebt gemacht, bei Sabine nannten wir ihn oft „unfern Benjamin". Seine Dienste waren sehr werthvoll für unsere wissenschaftlichen Arbeiten, und trotz seinem schwachen Körper erbot er sich auch zu Forschungsreisen. Beim Lesen des Begräbnißformülars ließ ich alles weg, was seinen Religionsgenossen anstößig sein könnte." Wohl, so mögen auch wir dem jungen Helden, der für die Wissenschaft sein Leben geopfert, ein inniges Andenken widmen! Wir sind dazu um so mehr verpflichtet, als er zugleich für die Ehre seines Stammes gearbeitet und gelitten hat. Bonn, 28. August. Die philonische und die Talmudische Interpretation. i. Aus einem lebenskräftigen Saatkorn schießen zwei oder mehrere Halme mit zahlreichen Fruchtkörnern hervor. So entsproßten dem jüdischen Alterthume zwei sehr verschiedene Auslegungsweisen der heiligen Schrift, die philonische und die talmudische, die eine innerhalb des alexandrinisch-hellenistischen Kreises, die andere auf jerusalemitischem und babylonischem Boden. Man könnte meinen, daß wir noch zwei 35*