Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1887)
- Date
- 1887-08-25
- Page
- Seite 542 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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542 Feuilleton. Me ich in's Ämt kam. rinnerungen aus dem Jahre 1833. I. Der Psalmist sagt einmal ungefähr: Wenn Dir im Gange der Ereignisse etwas unerklärlich erscheint, so harre nur eine längere Zeit, und blickst Du dann zurück, so wird Dir die göttliche Fügung verständlich werden. Diese Anschauung hat sich mir durch alle meine Erfahrungen bekräftigt. In der meisten Menschen Leben tritt ein Moment ein, der ihren weiteren Lebensgang unzweideutig bestimmt, und der doch nur durch eine höhere Fügung vermittelst eingetretener Umstände und Verhältnisse unerwartet so und nicht anders geworden ist. Wir wollen hiermit nicht sagen, daß es nicht eines gewissen Gedankenkreises und der Befähigung zu dem bedürfe, wozu das Geschick uns treibt. Ohne diese, ohne die nöthigen Eigenschaften, kann auch das Zusammentreffen der Umstände nur wenig ausrichten. Immer aber bedarf es des letzteren, um ein bestimmendes Resultat für das ganze Leben zu erwirken. Immer kam es mir durchaus kleingeistig vor, wenn Leute hiergegen einwandten: Gott sei viel zu groß, um sich mit dem kleinen Menschen, dessen Thun und Lassen zu beschäftigen. Er, der unendliche Weltgeist, der die unzähligen Welten und Wesen geschaffen, erhält und in seinen Händen hat, kann sich nicht mit dem Geschicke des Menschensohns befassen. Aber was ist groß und klein vor Gott? Seitdem uns in jedem Wassertropfen eine eigene Welt von Wesen erschlossen ist, seitdem das Mikroskop wohl organisirte Lebenswesen von 0,03 Millimeter gezeigt hat, was ist groß und was klein vor Gott? Wo aber das bloße Naturgesetz aufhört, wo ein Herz klopft und ein Geist denkt, da muß die Hand Gottes sein, um dieses Gottähnliche zu seinem Ziele zu führen und seine Zwecke erreichen zu lassen. Am 6. Januar 1833 ging ich von Berlin nach Magdeburg, wo mein älterer Bruder als practischer Arzt thätig war und wohin meine Mutter mit einem jüngeren Bruder, der nach Absolvirung des Abiturientenexamens sich doch entschlossen hatte, in den Kaufmannsstand zu treten, gezogen war. Ach, welche Erholung, welche Befriedigung, nach längerer Trennung wieder bei den Seinigen zu verweilen! Und bei solcher Mutter, einer Frau, nicht von höherer Bildung, aber von einem unbegrenzten Seelenadel, die mit großen Anstrengungen ihre vier Kinder nach des Gatten frühzeitigem Tode, nicht nur ernährt und in dessen Geist erzogen, sondern auch mit den schwersten Opfern von allen Berufswegen zurückgehalten hatte, welche sie von den Pfaden der Bildung und Wissenschaft abwärts geführt hätten. Aber meine Aussichten auf eine bestimmte Lebensstellung waren recht trübe. Ich hatte während meiner Studien stets als Ziel ein practisches Seelsorgeramt, namentlich als Prediger, vor Augen gehabt. Schon als zehnjähriger Knabe, erinnere ich mich noch, wenn meine Geschwister und Vettern zum Spiele versammelt waren, stieg ich, in ein weißes Tuch gehüllt, auf einen Stuhl und hielt eine Anrede an sie, wie ich es von meinem unvergeßlichen Lehrer Joseph Wolf, dem ersten jüdischen Prediger in deutscher Sprache, dem mein älterer Bruder in seinen „Biographischen Skizzen" ein würdiges Denkmal gesetzt, in der Synagoge gesehen hatte. Von diesem wurde ich mit fünf anderen Genossen confirmirt. Hierbei hatte Jeder nach der Religionsprüfung ein Glaubensbekenntniß und ein Gebet zu sprechen, das er selbst ausgearbeitet und in welchem der Familienverhältnisse gedacht ward. Dies lockte eine große Zuhörerschaft herbei, namentlich vom weiblichen Geschlechte, das sich davon recht herzlich rühren ließ. Vor mir sprach ein Knabe, ebenfalls Waise, aber in guten Verhältnissen. Nachdem er geendet, fand von den Zuhörerinnen viel Schluchzen, Räuspern und Gebrauch des Taschentuches statt. Ich begann, aber das Geräusch übertönte meine Stimme. Dies machte mich aber nicht befangen, ich hörte auf, wartete bis Alles wieder ruhig war und fing dann meine Rede ganz von Neuem an. Diese Unbefangenheit hat mich später als Redner ganz begleitet und ist ein nothwendiges Erforderniß desselben. Vierzehn Jahre alt kam ich nach Halle, wo mein Bruder Medicin studirte, auf's Gymnasium. Trotz meines jugendlichen Alters begann ich sofort, da in der damals kleinen Gemeinde jeder Religionsunterricht fehlte, solchen in einigen besseren Häusern zu ertheilen, natürlich auch Hebräisch. Mein Bruder, der Leitstern und Führer meiner Jugend, hielt in mir immer den Gedanken, später praktischer Seelsorger zu werden, fest. Als er die Poliklinik betrieb, nahm er mich öfter nach Glachau, einer Vorstadt, mit, wo Armuth und Elend in erschreckenden Maßen herrschten. Ich mußte mit ihm in die Dachkammern steigen, von welchen in manchen mehrere Familien mit kranken Mitgliedern derselben hausten. Er meinte: ein zukünftiger Seelsorger müsse so gut wie der Arzt frühzeitig einen Begriff von dem Elend und der Dürftigkeit der ärmeren Klassen bekommen. Oeffentlich geredet hatte ich noch nicht, außer daß ich zur Trauung meines Bruders eine Ansprache gehalten. Aber welche Aussichten boten sich nach dieser Richtung hin mir dar? So gut wie gar keine. Es hatten sich Wohl in Dessau und Hamburg und in dem während der Messe in Leipzig improvisirten Tempel einige jüdische Prediger wie Joseph Wolf, Gotthold Salomon, Kley und I. Auerbach bemerkbar gemacht. Hier und da wurde auch einmal in Synagogen gepredigt; regelmäßig war die Predigt kaum in zwei oder drei Gemeinden, noch dazu kleine, eingeführt. Außer in einigen süddeutschen Ländern lag das