Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1887)
- Date
- 1887-08-25
- Page
- Seite 543 (sequence 15)
- Language
- German
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543 Rabbinat völlig darnieder. Die alten Rabbiner standen auf dem Aussterbeetat; jüngere Rabbiner gab es noch sehr wenig, und da in fast allen Gemeinden die Orthodoxie noch das Ruder führte, war an die Anstellung letzterer, wo nicht das Staatsgesetz es forderte, also in Preußen, gewiß nicht zu denken. Ein junger Mann, der also für sich nichts hatte, als einiges, in kleinen Kreisen bekanntes literarisches Verdienst, sah auf diesem Wege keiner Zukunft entgegen. Da nun zugleich auf irgend eine staatliche Carriöre für den Juden Alles verschlossen war, so hatte ich meine Pläne auf Frankreich gerichtet, wo damals schon mehrere junge Israeliten, z. B. mein Landsmann Ludwig Markus, nachdem sie der französischen Sprache ganz mächtig geworden, an Ltzceen eine Anstellung erhalten hatten. Ich hatte mich deßhalb nach Paris gewandt, wo ein mir befreundeter Mann wohnte. Auch diese Aussicht war dunkel, aber es war doch eine Möglichkeit vorhanden, zu einem Ziele zu kommen. — Vorerst wollte ich einige Monate der Erholung bei meiner Familie zubringen. Spreche ich vor der weiteren Erzählung von den Verhältnissen in Magdeburg. Hier durften vor dem Jahre 1806 nach dem ausdrücklichen Befehle Friedrichs II. keine Juden wohnen. Warum nicht? Das weiß man nicht. Meinte man, daß aus den Juden bei Gelegenheit ein Verräther die große und starke Festung Preis geben könnte? Man irrte sich, der Verräther kam aus den Reihen der Generäle. Nur einer jüdischen Familie gestattete der große König Magdeburg als Wohnsitz, nämlich um das Porzellan, welches die Juden bei ihrer Verheirathung kaufen mußten, ohne es im preußischen Lande wieder verkaufen zu dürfen, über die Grenze auszuführen. Mit der Besetzung Magdeburgs durch die Franzosen wurde dies anders, und nach der Wiedereinnahme durch die Preußen dachte Niemand wieder an jene Beschränkung, welche in den bei Preußen gebliebenen Provinzen so durch das Edikt vom II. März 1812 aufgehoben gewesen wäre. Es hatten sich bis 1833 ca. 100 jüdische Familien daselbst angesiedelt. Zu diesen gehörte eine Anzahl französisch - elsässischer Familien, welche durch Ehrenhaftigkeit und eine gewisse Bildung viel Ansehen in der Stadt genossen, zu welchen sich dann Andere aus der Provinz und einige aus Polen stammende gesellten, die jedoch ebenfalls im vollen Rufe bürgerlicher Tugenden standen. Deßhalb war die allgemeine Gesinnung in der Stadt eine höchst duldsame und es saßen schon damals Juden in der Stadtverordneten-Versammlung und später auch im Magistrat. Die Bevölkerung Magdeburgs war in religiöser Beziehung durchaus duldsam, aufgeklärt, in politischer Hinsicht liberal, dem Radicalismus abgeneigt. Als z. B. später das dortige evangelische Kloster umgestaltet werden sollte, wurde statutenmäßig auch Katholiken und Juden die Aufnahme gewährt und alsbald erhielt auch ein Jude, welcher die Freiheitskriege mitgemacht, eine Präbendenstelle. Dieser benahm sich in der Anstalt so trefflich, daß nach seinem Tode der Klostervorstand mich anging, ihnen wieder einen Juden zu empfehlen, da der Verstorbene das beste Beispiel gegeben habe. So stand also die jüdische Gemeinde in der Stadt ehrenhaft da. Im Innern sah es allerdings weniger löblich aus, wenn auch eben nicht anders, als in der Mehrzahl der anderen Gemeinden. Die Verwaltung lag souverän in den Händen zweier, von Zeit zu Zeit wieder gewählter Vorsteher, allerdings höchst respektabler Männer. Der Gottesdienst in einem gemietheten Lokal wurde in ganz herkömmlicher Weise ohne allen Aufwand von Kräften und Mitteln abgehalten. Religionsunterricht gaben nicht sehr geeignete Männer privatim, die Gemeinde als solche kümmerte sich nicht darum. Außer der Chebra kad. gab es keine Armenpflege; der Friedhof lag fern von der Stadt, weil außerhalb weit außerhalb des Festungsrayons und erhielt erst später seine höchst würdige Beschaffenheit. Das Cultusamt wurde als Rabbinatsvorsteher und Cantor von einem ältlichen Manne, Reb Selme geführt. Bon diesem muß ich noch etwas sprechen. Er war ein echter Typus des im ersten Stadium des Uebergangs der alten zur neuen Zeit begriffenen Judenthums, ein tüchtiger Talmudist, jedoch, wie man damals sagte, mehr „inwendig als auswendig", d. h. er wußte im talmudisch-rabbinischen Schriftthum sehr gut Bescheid, aber er mußte bei jeder Frage erst die Bücher aufschlagen, um sich Antwort zu holen. Dabei war er deutscher Bildung zugänglich, kaufte und las Alles, was das Judenthum betreffend neu erschien. Als ich einmal bei ihm eine hebräische Lesefibel fand und ihn fragte, wozu er diese gekauft? antwortete er mir lächelnd: man muß die Sache befördern, sonst kommt sie ins Stocken. Seine Ansichten hielten natürlich fest an der Orthodoxie, den Zweifeln suchte er aus dem Wege zu gehen. Als ihn Jemand fragte: Glauben Sie an Geister und Gespenster, da man gar keine mehr sieht? erwiderte er: Wer daran glaubt, der sieht sie auch. Wenn derselbe eine deutsche Rede ausgeschrieben hatte und sie vom Hefte ablas, so ging die Sache ganz erträglich, sobald er aber nicht ablas, gerieth er ins Jmprovisiren und hiermmit bis ins Lächerliche; seine beiden Draschoth am S. Hagadol und S. Theschuba dehnten sich unerträglich mehrere Stunden aus und waren durchaus gehaltlos. Von friedliebendem Character und großer Ehrenhaftigkeit, besaß er die Achtung Aller, die ihn kannten, und dazu trug seine äußere Erscheinung bei. Untersetzt und beleibt, mit einem wenig sagenden Gesichte, aber klugen Augen, prägte sich in seiner ganzen Haltung eine ruhige Würde aus, die, anspruchslos, doch sofort den Geistlichen verrieth und sehr ansprach. Wir wünschten wohl, daß mancher unserer jüngerer Rabbiner in ihrer äußeren Erscheinung und Haltung ihm ähnlich wäre. Noch Eines von ihm, was charakteristisch genug ist. Sein festes Gehalt bestand in jährlich 250 Thlr., j wozu selbstverständlich die freiwilligen Geschenke an R. H.