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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-08-25 · Heft 34 (25.8.1887) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 34 (25.8.1887)
Date
1887-08-25
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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540 dies nicht, dann bleiben die Bauern eben clerical wie bisher, und die liberale Partei verliert nichts. Sollte er aber selbst clerical werden, so wäre die liberale Partei um ein Kind des Schreckens in ihren eigenen Reihen ärmer, und auch das ist kein Unglück. Es ist aber zu erwarten, daß die Anhängerschaft dieser extremen, confusen und eigentlich nur auf die Vergötterung ihres Führers angelegten Partei eine so geringe werde, daß derselbe seine Bemühungen kaum lange focksetzt. Neugierig aber sind wir auf die erste in Innsbruck stattfindende antisemitisch-deutsch-nationale bäuerliche General-Versammlung. Die kann hübsch werden. Frankreich. Paris, 15. August. Daß die antisemitische Strömung gerade in den maßgebenden Kreisen in Frankreich keinen Raum findet — während in anderen Ländern gerade das Umgekehrte stattfindet — beweist auch folgende Thatsache. Eine ministerielle Verfügung vom 3. d. M. setzt für die Weltausstellung von 1889 eine Reihe von Comitss, insonsonders für wissenschaftliche, literarische, industrielle, öconomische u. s. w. Vorträge fest. Unter denjenigen, welche für diese Comitss gewählt wurden, gehören folgende Glaubensgenossen: Michel Brsal für die schönen Künste, Joseph Reinach für Geschichte und Archäologie, G. H. Halphen für mathematische Wissenschaften, G. Lippmann für physikalische und chemische Wissenschaften, CH. Lyon-Caen für geographische Wissenschaften und für dieselben F. Worms, P. Strauß für Hygieine und I. Hayem für Handel. Es versteht sich von selbst, daß wir es hier mit höchst würdigen und fähigen Männern zu thun haben. Diejenigen, welche sehen wollen, erkennen auch in dieser Auswahl, wie sehr die bloße Handelsbeflissenheit bei den jetzigen Juden zurückgetreten ist und wissenschaftlichen Bestrebungen Platz gemacht hat. Rußland. Petersburg, im August. Nach einem Telegramm des „Berl. Tagebl." aus Petersburg enthält die russische »Wochenchronik des Ostens" eine Meldung, wonach für den Reichsrath ein Project zu weiterer Beschränkung der Rechte der Juden im Königreich Polen ausgearbeitet worden ist. Die Juden sollen betreffs des Besitzes von Immobilien, der Ausübung eines Handwerks, sowie des Handels ausschließlich auf die Städte und Marktflecken Polens beschränkt werden. In den Dörfern sind alle diese Beschäftigungen den Juden verboten. Die in den Dörfern lebenden Juden müssen ihr Beützthum an Christen bäuerlicher Abkunft verkaufen; ausgenommen sind nur diejenigen Juden, welche mindestens! sechshundert Morgen Land besitzen, ferner die Eigenthümer einiger Specialfabriken, Holzhändler, Actionäre und Theilhaber gewisser Fabriken und Gewerkszweige. Angeblich sind alle Bestimmungen auf's Schärfste formulirt, um eine Gesetzes-Umgehung zu verhindern. Beispielsweise sollen fernerhin nur diejenigen Juden gehörigen Fabriken erlaubt sein, welche Dampfbetrieb und mindestens 16 Arbeiter haben. Das Gesetz habe besonders den Betrieb des Kleingewerbes im Auge. Außerhalb der Städte und Marktflecken dürfen die Juden nur mit specieller Erlaubniß der Gouvernementsbehörde und unter Hinterlegung von 5000 Rubel Caution Immobilien zu Fabrikanlagen pachten, wobei sie verpflichtet sind, spätestens binnen zwei Jahren die fragliche Fabrik zu errichten, widrigenfalls Erlaubniß und Caution verfallen. Die antisemitischen russischen Blätter jubeln natürlich über das Project. Odessa, 10. Aug. Die Auswanderung von Juden nach Amerika nimmt in der letzten Zeit große Dimensionen an. Im Laufe der letzten zwei Wochen reisten aus Odessa ca. 10 Familien, aus Jalta 3 und aus dem Podolschen Gouvernement ebenfalls einige Familien theils nach Hamburg, theils nach London ab, um von dort ihre Reise nach Amerika fortzusetzen. Aus Petersburg geht dem „Berl. Tagbl." das folgende Privat-Telegramm zu: „Einer wunderbaren Prüfung seitens der Polizei wurden am Dienstag in Petersburg auf dem Zarskoje-Sselo-Bahnhof von Sommerfrischen eintreffende hochangesehene Leute jüdischer Religion unterworfen. Viele Juden, denen der Aufenthalt in der Residenz nicht gestattet ist, wohnen außerhalb und kommen täglich nach der Stadt herein. Alle Leute von israelitischem Typus wurden nun auf dem Bahnhof von der Polizei nach ihrer Religion gefragt, und wenn sie sich für Juden erklärten, nach dem Utschasiok (Polizeibüreau) geführt, um sich daselbst zu legitimiren und erst nach erfolgtem Ausweis entlassen. Solches geschah selbst einem bekannten hochangesehenen Banquier. Odessa, 5. Aug. Zufolge einer Meldung des Odessaer Blattes „Now. Tel." ist am 2. August im Flecken Edinzy, im Kreise Chotin (Südrußland) eine Judenverfolgung ausgebrochen; mehrere Personen wurden getödtet und viele verwundet, mehrere Häuser total demolirt. Seitens der Administration wurden energische Maßregeln ergriffen, doch war es an dem genannten Tage nicht gelungen, die Ruhe wiederherzustellen. Aus Petersburg wird der „Pos. Ztg." geschrieben: Am 2. August, dem vierten Jahrestage der großen Judenverfolgung in Jekaterinoslaw, wurde den friedlichen jüdischen Einwohnern dieser Stadt wieder ein panischer Schrecken eingejagt. Um 11 Uhr Abends verbreitete sich plötzlich das Gerücht, auf den sogenannten „Fabriken" seien Unordnungen ausgebrochen und die Arbeiter derselben zögen | in großen Haufen heran, um eine neue Verfolgung in Scene! zu setzen. Mehrere jüdische Kneipen und Buden seien ihnen

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