Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1887)
- Date
- 1887-08-25
- Page
- Seite 537 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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537 daß man deutscherseits nicht schon längst die Juden herangezogen hat, die man doch so gern als die Urheber aller Uebelstände bezeichnet und hinsichtlich derer man sich kein Gewissen daraus macht, die Thatsachen zu entstellen und zu verdrehen. Bis jetzt ist dergleichen nicht vorgekommen; die gouvernementale Presse hat niemals davon gesprochen. In der That verhalten sich die elsässischen Juden sehr ruhig und loyal. Ueber das ganze Land in zahlreichen Städten und Dörfern in kleine Gemeinden vertheilt, treiben sie ihr Gewerbe um ihr tägliches Brod zu gewinnen und legen sich nicht auf die Politik. Es befinden sich unter ihnen wenige und nicht bedeutende Reiche, und ist auch ihr Ansehen bei der christlichen Bevölkerung nicht groß. Was nun bis jetzt mangelte, sucht die antisemitisch gesinnte „Schlesische Zeitung" vom 11. d. zu ergänzen, und es steht zu befürchten, daß sie bald Nachfolger findet und das Geschrei auf der ganzen Linie wiederholt wird. Unter der Ueberschrift „Die Juden in Elsaß" bringt sie folgenden Artikel:' Einer unserer Mitarbeiter, welcher mehrere Jahre im Elsaß gelebt hat, schreibt uns: „Bekanntlich haben sich unter den Deutschenfressern von Paris die französischen Juden trotz ihrer deutschen Namen (Dreyfus, Meyer, Lyon-Allemand, Kohn, Weill u. a.) auffallend bemerkbar gemacht. Auch der Präfect Schnerb in Nancy, welcher kürzlich eine von Deutschen gegründete Fabrik schließen ließ, ist ein Jude. Ein nicht geringer Theil der Pariser Juden ist aus Elsaß-Lothringen eingewandert, wo zu französischer Zeit gegen 50,000 Juden ansässig waren, welche seither auf etwa 40,000 zurückgegangen sind. Fast alle elsaß-lothringischen Juden, einige wenige ausgenommen, welche mit der deutschen Landesregierung in lohnende Geschäftsverbindung traten, zeigten sich von Anfang an franzosenfreundlich und deutschfeindlich. Biele von ihnen optirten für Frankreich und ließen sich jenseit der Vogesen in Nancy, Epinal, Remiremont rc. nieder, von wo sie mit ihren Verwandten und Genossen in Elsaß Lothringen lebhafte und vielleicht nicht immer unpolitische Beziehungen unterhielten. Nach den Veröffentlichungen der „Alliance israölite universelle“ von 1873 zählte dieselbe in Metz 50, Mühlhausen 29, Neu-Breisach 21, Gebweiler 9, in Straßburg, Bischwciler, Reichshofen, Lauterburg, St. Louis und anderen elsaß-lothringischen Städten zahlreiche Mitglieder, in Colmar beiläufig den Oberrabbiner des Landes; ferner auf französischer Seite in Nancy 41, Toni 15, Charmes 6, St. Die 2, Vesul 2 Mitglieder! In fast allen Städten der Vogesen, auf französischer wie auf 'deutscher Seite, hat die „Alliance israelite universelle“ in Paris ihre dienstbeflissenen Agenten, und es ist wohl bekannt, wie sehr diese internationale Gesellschaft französische Interessen fördert, wie sie sich rühmt, durch Gründung zahlreicher jüdischer Schulen im Auslande mit französischer Unterrichtssprache und französischem Lehrstoff für die Republik Frankreich Propaganda gsmachl zu haben. Mit Hilfe der „Alliance israelite universelle“ in Paris verfügt eine jede französische Regierung in den Vvgesenländern auch auf deutscher Seite über eine Clique dienstbeflissener und landeskundiger Agenten, welche sich bisher allem Anschein nach der öffentlichen wie der polizeilichen Beobachtung zu entziehen wußten." Würde man bei unseren Gegnern auch nur gesunden Menschenverstand voraussetzen dürfen, so sähe Jeder die Mache dieses Artikels sofort ein. Zunächst behauptet er, daß diejenigen Juden, welche mit der deutschen Regierung vortheilhafte Geschäfte gemacht haben, gegen diese für Frankreich intriguirt hätten. Man pflegt sonst den Juden nachzusagen, daß sie ihren Vortheil verständen und um desselben sich zu Allem willig fänden. Hier aber wird ihnen das gerade Gegentheil zugeschrieben. Der beste Beweis aber, daß es dem Skribenten an allen Thatsachen fehlte, ersieht man daraus, daß er nichts Anderes weiß, als die Alliance israelite universelle bei den Haaren herbeizuziehen. Uebrigens muß der Mann schon lange aus Elsaß-Lothringen entfernt sein, da er hinsichtlich der Mitgliederzahl bis zum Jahre 1873 zurückgreift, während er doch, um ehrlich zu sein, 1886 hätte befragen müssen. Wie oft ist es schon gesagt und bewiesen worden, daß die Alliance israelite universelle durchaus keine politischen Zwecke verfolgt und verfolgen darf. Denn sobald sie politische Tendenzen verfolgte, insbesondere französische, würden sich dann zahlreiche Mitglieder in Deutschland, Italien, Belgien, Holland und Nordamerika finden? Mit dem Augenblicke, wo sie derartige Zielpunkte offenbarte, würden alle diese Mitglieder abfallen, noch dazu, da eine beträchtliche Anzahl der Mitglieder des Centralcomites außerhalb Frankreichs in allen Ländern wohnen, denen von Paris kein Geheimniß gemacht werden könnte, und unter welchen sich bekannte Patrioten ihres bez. Vaterlandes befinden. Desto perfider ist die Verleumdung, daß die Mitglieder der Alliance namentlich im Elsaß von der Alliance als französische Agenten gebraucht würden. Dies ist eine schwerwiegende Bosheit, die selbst über den Antisemitismus hinausgeht — einfache Leute, welche jährlich ein paar Groschen zu humanen Zwecken, für Schulen und Unterstützung verunglückter Glaubensgenossen geben, als landesverrätherische Agenten hinzustellen! Ein schöner Patriotismus der Schles. Zeitung und ihres Mitarbeiters, Lüge und Bosheit in den Dienst des Vaterlandes stellen zu wollen! Wenn der Correspondent der Schles. Ztg. sich darauf stützt, daß in den meisten Schulen der Alliance die französische Sprache gelehrt werde, so fragen wir, was sollten denn die armen Klassen in Bagdad oder Damaskus mit der deutschen oder englischen Sprache anfange»? Uebrigens ist es wohl eine unbestreitbare Thatsache, daß die Anglo- Jewish Association zu den meisten Schulanstalten der Alliance 84