Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1887)
- Date
- 1887-08-25
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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534 Krankenbesuche zu machen hat, nicht leicht möglich sein), lieber die Beschneidung auf einen späteren Tag verlegen, was die Gemüther gewiß auf das Peinlichste berühren würde. Dazu kommt dann noch der weitere Mißstand, daß da, wo ein oder mehrere jüdische Aerzte sich mit der Vornahme der Beschneidung befassen, die Familien gewissermaßen genöthigt würden, den jüdischen Arzt, dem sie eintretenden Falles die Beschneiduug übertragen, auch zu ihrem Hausarzte anzunehmen, eine Nöthigung, die selbst in socialer Beziehung vom Uebel wäre. Ganz anders verhält es sich, wenn der Beschneidungsact wie bisher von Privatpersonen vollzogen wird. Da dieselben aus religiösem Antriebe, aus begeisterter Anhänglichkeit an ihren väterlichen Glauben diese Function übernehmen, und nicht um des Lohnes, sondern um Gottes Willen ihr Werk vollbringen; so bleibt dem Beschneidungsact, den sie als ein religiöses Werk vollziehen, die ihm gebührende Weihe auch am sichersten gewahrt. Jederzeit sind sie bereit, nicht nur an ihrem Wohnorte, sondern auch außerhalb desselben, wenn die Reise auch noch so beschwerlich ist, dem Rufe zur Vornahme der Beschneidung an dem vorschriftsmäßig bestimmten Tage gern und willig zu folgen. Es ist ein gottgefälliges Werk, das sie treiben, und darum scheuen sie vor keinem Opfer zurück. Von Unbemittelten nehmen sie, wenn sie nicht selber in beschränkten Vermögensverhältnissen leben, selbst die Rückerstattung der Transportkosten nicht an und sind vielmehr darauf bedacht, da, wo die Mittel zur gehörigen Verpflegung der Wöchnerin u. s. w. nicht in genügendem Maße vorhanden sind, theils aus der eigenen Tasche, theils unter Beihülfe Andererer helfend einzuschreiten. Was die technische Seite der an sich ja ganz gefahrlosen Operation betrifft, so ist dieselbe eine sehr leicht zu erlernende, um so leichter, da den Aspiranten sehr häufig Gelegenheit geboten ist, der Operation beizuwohnen und unter Anleitung eines practicirenden Mohel die erforderliche Fertigkeit sich anzueignen. Und die Erfahrung belehrt uns, daß diese schlichten Privatleute selbst den tüchtigsten Chirurgen, und noch viel weniger den gewöhnlichen practischen Aerzten, in ihrer Kunst durchaus nicht nachstehen. So wohnte ich einmal einer Beschneidung bei, bei welcher auch der christliche Hausarzt anwesend war. Dieser trat nach Beendigung des Actes auf mich zu und sagte zu mir: Aber hören Sie, ich bewunderte die Raschheit und Sicherheit, mit welcher dieser Mann diese Operation ausführte, die kaum eine Minute dauerte; und ich gestehe Ihnen ganz offen, wenn mir in meiner Praxis ein Fall Vorkommen sollte, der die Beschneidung eines meiner Patienten erforderlich machte, so würde ich demselben den Rath ertheilen, die Operation diesem Manne zu übertragen. — Es war dies der verstorbene Gastwirth Mayer von Mainz. Nach meiner unmaßgeblichen Ansicht ist es daher in jeder Beziehung am zweckmäßigsten, daß der Beschneidungsaet wie bisher von Privatpersonen ausgeführt werde. Finden sich jüdische Aerzte, die aus innerem religiösen Antriebe und nicht um des klingenden Lohnes willen diese Function übernehmen, so würden wir denselben unseren wärmsten Dank von ganzem Herzen entgegenbringen.i) Lissa, (Posen), im August 1887. Cre; Äisroel-Erdr. IV. Heute liegt mir ein im Jahre 1867 in 4. Auflage gedruckter halber Bogen vor, der in holprigem Hebräisch gewissermaßen ein Prospect für die E. J.-Erde ist. Er Hatzum Verfasser den vor etwa 12 Jahren verstorbenen Grätzer Rabbiner Eliah Gutmacher, bekannt durch die großen, an zwei Jahre andauernden Wallfahrten, welche vor etwa 15 Jahren ganze Caravanen von Juden aus Oesterreich und Rußland, auf Empfehlung des Kieschweer „Guten Jüds", als dieser nämlich sich zu schwach fühlte für den sehr anstrengenden ferneren Empfang dieser Colonnen, zu Gutmacher nach Grätz unternahmen. Gegenüber den großen Einnahmen, welcher damals sich die angrenzenden Eisenbahnen und die Stadt Grätz selbst durch diese Zuströmung an Menschen zu erfreuen hatten, sei verdientermaßen die Uneigennützigkeit des Herrn Gutmacher selbst hier erwähnt, der aus dieser Frequenz keinerlei Nutzen zog, im Gegentheil hierbei wahrscheinlich etliche Jahre seines Lebens verlor, indem dieser theilweise unverschämte Andrang die Kräfte dieses 80jährigen Greises zu sehr in Anspruch genommen hatte, da er kurz darauf als kein reicher Mann verstarb. — Zur Vervollständigung seines Bildes bleibe hier nicht unerwähnt, daß, als er seiner Zeit im „Hamagid" seine Freunde dringend bat, ihn, den schwachen Greis, mit Besuchen zu verschonen, er, das Ansehen seines Gebets bei Gott verkündend — sie des ganz gleich guten Erfolges versicherte, wenn sie sich brieflich an ihn wendeten. — Trotzdem bleibt es unbestritten, daß Herr Gutmacher ein sehr wohlthätiger Mann war; die früher zahlreich umherziehenden Jeruschalmi's, — jetzt haben sie dies, Dank der Sammelstellen, die da und dort für sie eingerichtet sind, nicht mehr nöthig, — welche eine sehr feine Spürnase für solche Charaktere besaßen, fanden Herrn Gutmacher bald als für ihre Zwecke brauchbar 1) Jedenfalls müßte aber Niemand das Amt eines Mohel aus-;uüben beginnen dürfen, bevor er nicht eine deßfallsige Prüfung bestanden hätte. Redact.