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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-08-25 · Heft 34 (25.8.1887) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 34 (25.8.1887)
Date
1887-08-25
Page
Seite 533 (sequence 5)
Language
German
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533 B. Niederhofheim gewiß niemand das Epitheton der Orthodoxie streitig machen. Wenn nun Herr Dr. M. ferner darauf aufmerksam macht, daß der unter den Fingernägeln sich ansammelnde Schmutz ganze Colonien jener kleinsten unter den Namen von Bacillen und Coccen bekannten Organismen*) enthält, die in ihrer Ueberwanderung auf die bei der Beschneidung entstandenen Wunde mancherlei Wundkrankheiten herbeiführen können und demgemäß für den Mohel ganz besondere Vorsichtsmaßregeln aufstellt; so weiß ich zwar nicht, ob z. B. von den Hebammen wie von den Aerzten, deren Finger nicht nur mit den inneren Körpertheilen, sondern auch mit Wunden vielfach in unmittelbare Berührung kommen, dieselben Vorsichtsmaßregeln, insbesondere auch die Anwendung der 5 pCt. karbolsaueren Lösung jedesmal beobachtet werden; doch wird jeder gewissenhafte Mohel — und Gewissenhaftigkeit kann man wohl bei Allen, die ja nicht um des Lohnes willen ihre Function versehen, voraussetzen — diese gegebenen Vorschriften dankbar annehmen und befolgen. Doch erscheint es mir nicht ganz unbedenklich, solche Vorsichtsmaßregeln der Oeffentlichkeit zu übergeben; indem dadurch in ängstlichen Gemüthern eine Besorgniß erweckt wird von der Gefahr der Beschneidungsoperation, die diese ganz und gar nicht hat. Eltern, die schwankend sind, ob sie die Beschneidung vornehmen lassen sollen oder nicht — und deren giebt es heutzutage keine geringe Anzahl — können daher gar leicht zu dem Entschlüsse kommen, die Beschneivung zu unterlassen. Es wäre daher sehr erwünscht, daß Herr Dr. M. die dem Laienpublikum meistens ganz unbekannten großen sanitären Vortheile der Beschneidung in dieser Zeitung veröffentlichte, um von diesem Gesichtspunkte aus auf die überängstlichen Gemüther beschwichtigend einzuwirken. Meinerseits kann ich mich auf Erfahrungen berufen, die ich in dieser Beziehung gemacht habe, und die mir von Aerzten mitgetheilt wurden, die ich aber an dieser Stelle nicht füglich im Detail wiedergeben kann. Sie liefen darauf hinaus, wie zuträglich in sanitärer Hinsicht die Beschneidung ist und wie häufig sie bei Nichljuden vorgenommen werden muß und wird. Versicherte mir doch unter Anderen ein Arzt, daß er diese Operation schon bei 25 nichtjüdischen Individuen vollzogen habe. Endlich mag auch noch darauf hingewiesen werden, daß ein judenfeindlicher Schriftsteller, Namens Apion, der gegen Anfang der üblichen Zeitrechnung in Alexandrien lebte, eine 1) Bei dielen in der neueren Zeit durch das Microskop entdeckten, Leben und Gesundheit der Menschen gesährdenden Wesen wird man unwillkürlich an den Ausspruch eines Dämonengläubigen Talmudisten (Ber. 6) erinnert, der die Behauptung ausstellt, daß der Mensch von zahllosen, den Menschenauge unsichtbaren verderbendrohenden Dämonen umschwebt werde. Art Stöcker seiner Zeit, der zwar dem griechischen Heidenthume, jedoch nicht dem heidnischen Priesterthum «»gehörte und sich besonders über die bei den Juden übliche Beschneidung moquirte, sich am Ende selber mußte beschneiden lassen.*) Wenn schließlich Herr Dr. M. den Wunsch ausspricht, daß die rituelle Beschneidung nur von — wohl selbstverständlich jüdischen —■ Aerzten ausgeführt werde; so war dies in talmudischer Zeit (Synh. 17. 6) in der That der Fall. Unter den heutigen Verhältnissen jedoch erscheint die ausschließlich von jüdischen Aerzten vorzunehmende Beschneidung als unthunlich. Denn vor allem ist zu bedenken, daß der Beschneidungsact in erster Linie ein religiöser Act ist, der durch die damit verbundenen Segenssprüche und Gebete seine Weihe erhält. Der bei weitem größte Theil unserer heutigen Aerzte steht aber auf einem religiösen Standpunkte, der sie zu einem solchen religiösen Weiheacte durchaus nicht eignet. Die Beschneidung würde zu einer bloßen chirurgischen Operation, wie jede andere herabgesetzt und damit profanirt. — Aber auch noch andere gewichtige Bedenken stellen sich der Ausführung der Beschneidung von Seiten der Aerzte mit der consequenten Entziehung derselben von Seiten eines Nichtarztes entgegen. Zuerst, da für die Vornahme der Operation dem Arzte ein Honorar gezahlt werden müßte, so würden dadurch die unbemittelten Familien mit einer Ausgabe belastet, die sie gerade in der Zeit, in welcher sie ohnehin für die Pflege der Wöchnerin u. s. w. außergewöhnliche Ausgaben zu machen haben, nur um so drückender empfinden würden. Denkt man nun noch an die auf dem Lande zerstreut wohnenden Juden, die einen jüdischen Arzt in der Regel weder in ihrem Wohnorte, noch auch in ihrer nächsten Umgebung haben, so wird die Ausgabe noch bedeutend vergrößert. Am Sabbathe würde eine Beschneidung auf dem Lande fast ganz unmöglich gemacht. Während die Juden auf dem Lande keinen Anstand nehmen, im Falle einer Erkrankung, den aus der Stadt zu Wagen angekommenen jüdischen Arzt zu empfangen, würden sie, wenn er behufs einer vorzunehmenden Beschneidung am Sabbathe zu Wagen bei ihnen eintreffen müßte (denn daß er bereits am Freitag schon die Reise machte und dann den ganzen Sabbath an dem betreffenden Orte zubrächte, würde nicht nur die Kosten bedeutend erhöhen, sondern auch dem Arzte selbst, der täglich seine l) Etwas ähnliches wenigstens hat sich in unserer Zeit zugetragen. Jahrtausende hindurch hat man heidnischerwie christlicherseits die Juden gehänselt und verspottet, weil sie den Genuß des Schweinefleisches sich versagten. Nun, nachdem — abgesehen von den in dem Schinken durch das Mikroskop aiifgefundeneil zahlreichen Bandwurmeiern — die Trichinen entdeckt worden sind und damit constatirt wurde, daß Tausende und Abertausende an dem Genüsse des Schweinefleisches zu Grunde gegangen sind, nun sind die Spötter verstummt, und kein vernünstiger Mensch wird mehr das Fleisch von einem Schweine essen, wenn kein amtlicher Zettel, in welchem bezeugt wird, daß es trichinensrei sei, ausgesertigt ist. Corresp.

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