Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1887)
- Date
- 1887-08-25
- Page
- Seite 531 (sequence 3)
- Language
- German
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531 mischen Stuhls unnachgiebig aufrecht erhielt. Dadurch bildete sich in allen Gliedern der Kirche eine fest umgrenzte Anschauung aus, daß sie mit der Kirche identisch seien. Ein weiteres Glück war dann aber sein Nachfolger Leo XIII. Ganz von derselben Gesinnung erfüllt wie sein Vorgänger, aber bedacht, die" günstigsten Verhältnisse für die Kirche wieder zu erlangen und darum äußerst zuvorkommend und verbindlich in der Form, während diejenigen, die mit ihm verhandeln, notariell entgegenkommend sein müssen. So schlug denn auch der Kulturkampf nur zum Vortheil des Papstthums aus. Die weltliche Macht erschöpfte ihre Kräfte vermittelst Gesetze, traf aber auf den geschlossenen Widerstand der katholischen Unterthanen und sah sich zu Friedensverhandlungen bewogen, denen der Papst mit möglichster Freundlichkeit entgegenkam. Zunächst zog die deutsche Reichsregierung das Papstthum aus seiner politischen Ohnmacht heraus, indem sie ihm die Vermittelung zwischen ihr und Spanien in einem an sich unbedeutenden Streithandel überwies. Das war ein großes Geschenk, eine Handlung, welche das Papstthum in den Augen der Völker glorificirte und zu der Stufe politischsittlicher Größe erhob, von welcher wir oben gesprochen. Dann kamen die Conzessionen, durch welche ein friedliches Verhältniß wieder Hergeste üt wurde, und die zwar von Seiten des Staates recht sichtbar, von Seiten des römischen Stuhles noch heute nicht erkennbar sind. Durch diese Vorgänge erhielt aber auch in anderen Ländern das Papstthum neues Ansehen und neuen Machteinfluß. Denn offenbar haben selbst die Radikalen in Frankreich der kirchlichen Frage gegenüber ihre Flügel eingezogen und stillschweigend anerkannt, daß sie mit der Kirche nicht so schnell fertig werden können, wie sie gemeint. — Vom Beginn seiner Existenz an hat aber das Papstthum mit seiner religiös-sittlichen, in der Kirche organisirten Macht auch politische Tendenzen verfolgt. Allerdings hat es stets die strengste Legitimität als sein Prinzip und sich als die festeste Stütze der Throne erklärt. Dies hinderte es jedoch nicht, diesem Prinzips recht oft untreu zu werden, wenn es seine Interessen zu erfordern schienen. Wir wollen hierfür keine Belege aus längst vergangener Zeit anführen, von Absetzung von Königen, Lösung des Volkes von der Unterthanentreue, Unterstützung von Gegenkaisern u. s. w. Aber erhielt doch die gewiß nicht genügend legitime Königin Jsabella von Spanien die goldene Rose! Auch hat das Papstthum stets mit den in den Staaten herrschenden Gewalten und deren Verfassungen paktirt. Es hat die venetianische und genuesische Republik ebenso anerkannt wie die Republiken, welche sich aus den spanischen Colonien bildeten, als sie sich von ihrem Mutterlande losrissen, die nordamerikanische Union, wie die französische Republik; es läßt in den Kirchen ebenso salve rempublicam wie salve regem oder imperatorem singen. Daß es aber noch heute nicht ansteht, politisch selbst in inneren Angelegenheiten eines Reiches zu wirken, hat es jüngst hinsichtlich des Septennats erwiesen. Der Papst war im Begriff, in den gewaltigen Kampf der Iren und Engländer mit seiner Autorität einzutreten, als ihm noch rechtzeitig klar wurde, daß er hierbei der Kirche nach der einen oder nach der andern Seite große Nachtheile verursachen könne. In diesen Tagen haben die katholischen Kirchenfürsten in Nordamerika die katholischen Arbeiter, d. i. die irischen, aufgefordert, den hochgewachsenen Orden „der Ritter der Arbeit" zu verlassen. Dies geschah, und da jene Arbeiter die Mehrzahl der Mitglieder bildeten, muß sich der Orden auflösen. Selbst mit dem Sozialismus sucht die Kirche Fühlung zu haben; es sind kürzlich Schreiben von Cardinälen in Rom veröffentlicht worden, in welchen dermaßen gegen das Kapital gedonnert und die üblen Verhältnisse der Arbeiter mit sehr starken Farben geschildert wurden, daß, wenn dieselben Auslassungen in einem Flugblatte in Deutschland gedruckt würden, dieses als sozialistisch consiscirt würde. Nicht so scharf, aber von gleicher Tendenz lautet ein soeben bekannt gewordenes Breve des Papstes an den Erzbischof von Lüttich bei Gelegenheit der Katholikenversammlung. Was nun die Stellung des Judenthums und der Juden betrifft, so haben wir die weitere Entwickelung dieser neuen Phase des Papstthums ruhig abzuwarten. So lange es nicht im Stande ist, den Grundsatz der Gleichberechtigung im modernen Staate dem Syllabus gemäß umzustürzen oder Umstürzen zu helfen, hat es für uns keine unmittelbare Gefahr. Dem Antisemitismus gegenüber hat es jede Aeußerung unterlassen und so jedem Geistlichen gestattet, Stellung zu demselben zu nehmen. Unter den höheren Würdenträgern der Kirche haben die meisten sich durchaus gerecht und human benommen, nur einige wenige unter ihnen zeigten sich feindlich gesinnt. Desto mehrere thaten dies von den niederer» Geistlichen, den sog. Hetzcaplänen und Publicisten. Vergessen wollen wir jedoch nicht, daß die große Mehrzahl katholischer Parlamentarier, wo es nöthig war, für die Gleichberechtigung der Juden eingetreten sind und daß z. B. in der jüngsten Rcichstagsverhandlung über die Petitionen der Thierschutzvereine der Abg. Dr. Windthorst mit dem Ccntrum beantragte, das rituelle Schächten gänzlich außer Frage zu stellen. Für Wohlthaten ist Niemand dankbarer und von bleibenderem Gedächtniß als der Jude. Frankfurt, 14. August. Aeber die Aothwendigkeit des Verbotes der Mezha. Bon Süßkind, einer. Rabbiner. Zu dem unter der vorstehenden Ueberschrift von Herrn Dr, med. S. May in Nr. 42 v. I. veröffentlichten Artikel 34*