Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1887)
- Date
- 1887-08-25
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
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530 den Freudenbecher von Simchat Thora 2). Später wurde dieser oder jener hervorragende Weise „der heilige" genannt, womit jedoch nur der hohe Grad von Frömmigkeit bezeichnet wurde, welchen der Mann im Leben erreicht haben sollte. Daß verschwindende Elemente der Volksmasse nach christlichem und mohammedanischem Vorbilde Gräbern und Resten solcher Männer Wunderkräfte zuschrieben, ist im Judenthume niemals Zu einer Anerkennung gelangt. Immer also die eigenen religiösen und sittlichen Anschauungen bewahrend und verfechtend, haben wir inoffensiv andere Religionen und Kirchen ihrer Entwickelung überlassen. Jndeß zieht die neueste Phase, in welche das Papstthum getreten, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und ruft eine Betrachtung heraus, inwiefern diese auch auf die Stellung der Juden einen Einfluß üben könne. Wir dürfen es uns ja nicht verhehlen, daß der Geist des Papstthums seiner Natur nach ein ausschließlicher ist, und zwar der nicht blos die Andersgläubigen von den Pforten des Himmels ausschließt, sondern auch innerhalb der menschlichen Gesellschaft die Verhältnisse der Andersgläubigen mit vielfachen Ausschließungen, niit staatlichen Vorrechten nicht blos der Kirche, sondern auch der Katholiken, anordnen will. Auch Leo XIII. hat sich mit dem Syllabus seines Vorgängers in Uebereinstimmung erklärt und kann es als Papst auch nickt anders. Was aber zu Zeiten von der Kirche theoretisch anerkannt und ausgesprochen ist, das wird sie, sobald sie die Macht dazu hat, d. h. sobald sich die weltliche Macht von ihr beherrschen läßt, in sehr fühlbare Praxis wandeln. Wir wissen sehr wohl, daß einige Päpste in sehr schlimmen Zeiten den Juden gut gesinnt gewesen; doch beschränkte sich dies darauf, ihnen Leben und Eigenthum zu schützen; sie von irgend einem Drucke zu befreien, fiel keinem ein. Niemals war das Papstthum ohnmächtiger und erniedrigter als unter Napoleon I. Der Kirchenstaat war ihm genommen und der Papst Gefangener in Frankreich. Er mußte vor dem Willen des Usurpators sich beugen, der ihn zu seiner Salbung und zur Wiederaufrichtung der Kirche benutzte, die aber nur in geringe Botmäßigkeit vom Papste gesetzt wurde. Dies änderte sich gänzlich mit dem Sturze Napoleons. Mit der Wiedererlangung des Kirchenstaates, mit der Aufrichtung der h. Allianz und dem pietistischen Geiste, der durch die civilisirte Welt ging, begann das Papstthum eine neue Aera. Es hatte zugleich mit dem gesammten katholischen Klerus eine große Lehre aus der revolutionären Aera gezogen, nämlich die, daß die strengste Consequenz, das unerschütterliche non possumus allein den Bestand der katholischen Kirche sichern könne, jedes Zugeständniß an den 2) Man tröstet sich in dem synagogalen Gesänge am Simchat Thora sehr schnell. Es heißt da: „Moses starb, wer stirbt nicht? Auf Befehl des Ewigen starb Moses, unser Lehrer." liberalen Geist aber, jedes Nachgeben an die weltliche Macht zum Nachtheile ausschlage und zur Auflösung zu führen vermöchte. Und aus dieser Ueberzeugung floß ein anderes höchst wichtiges Ergebniß, nämlich eine Einigkeit zwischen Gliedern und Haupt, d. h. zwischen dem Papste und dem Klerus aller Stufen, eine vollkommen übereinstimmende Tendenz, deshalb ein unverbrüchlicher Gehorsam der höchsten Kirchenfürsten, wie der geringsten Kapläne und Vikare gegen den Papst. Diese Einheit, diese feste Gliederung konnte kein Deutsch- und kein Altkatholizismus, keine Braun'sche Philosophie und selbst die Diskussion des Unfehlbarkeitsdogmas wankend machen. So fest in ihrem Organismus hatte die römische Kirche nie gestanden. Noch im vorigen Jahrhundert war der Widerstand der Bischöfe gegen den Papst nicht gering; wir erinnern an die Emser Verhandlungen. Ein Geist der Lauheit, genauer gefaßt der Duldung und Aufklärung, hatte sich in einem nicht geringen Theile der höheren und niederen Geistlichkeit verbreitet3). Nach den bitteren Erfahrungen und schweren Stürmen, welche die Kirche unter den Schlägen der Terroristen und Napoleons erlitten, war dieser Geist verschwunden. Die erste Handlung war die Wiedereinsetzung des Jesuitenordens, und diese war bedeutsam genug. Welche Widerstandskraft unter diesem Einfluß, unter dem Flügelschlage dieser Stimmung die Kirche wieder erlangte, hat Preußen zwei Male, in den Kölner Wirren und im Kulturkampf schwer empfunden. Zwar ging dem Papstthum der Kirchenstaat wieder verloren, dies Mal ohne absehbare Rückkehr; aber tiefe Kenner des Katholizismus sehen dies eher für ein Glück als für ein Mißgeschick des römischen Stuhles an. Er ward dadurch eines politischen Ballastes frei und konnte sich um so mehr zu einer kirchlich-sittlichen Macht erheben, die jedoch nach dem Wesen der römischen Kirche ein allgemeines politisches Element in sich trägt. Man kann nicht verkennen, daß dem Papstthum hierbei das Glück wohlwollte. Ein Glück für dasselbe war der eigensinnige, trotzige' Charakter Pius IX., der wie mit einer weiblichey Verstocktheit mitten unter den scheinbar ungünstigsten Umständen die vermeintlich unveräußerlichen Rechte des rö- 3) Dieser Geist der Duldung hatte sich selbst bis in die Mitte unseres Jahrhunderts erhalten. Als einen kleinen, aber sprechenden Beweis mögen wir hier Folgendes aus eigener Erfahrung mittheilen. In Magdeburg war ein gewisser Elbe Organist an der dortigen katholischen Kirche. Ec hatte in seiner Jugend Unterricht in der Jakobsonschule zu Seesen erhalten. Häufig sang er, den Chor unterstützend, bei Feierlichkeiten in der Synagoge mit — was er doch nur mit Erlaubniß seiner Vorgesetzten thun durfte, um so mehr, da er es Jahre lang that und zwar unentgeltlich. Einst kam er zu uns mit der Bitte, ihm auf die Melodie: „0 Isis und Osiris" (aus Mozarts Zauberflöte) ein religiöses Lied abzufassen, das er in der Marienkirche aufführen wollte. Wir machten ihm die Vorstellung, daß dieses Lied dann doch nur allgemeinen religiösen Inhalts, den jüdischen Begriffen gemäß, sein könnte. Er war damit einverstanden, und so ward am Pfingstfeste aus eine heidnische Melodie das religiöse Lied eines Rabbiners in der katholischen Kirche gesungen. Könnte so etwas heutzutage Vorkommen?!