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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-08-18 · Heft 33 (18.8.1887) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 33 (18.8.1887)
Date
1887-08-18
Page
Seite 519 (sequence 7)
Language
German
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519 Juden, damit er es lese und mir aus meiner großen Verlegenheit helfe. Kaum hatte er den Brief gelesen, änderte sich außerordentlich rasch sein Benehmen; er fragte bloß, ob ich Derjenige sei, von dem die Rede in dem Schreiben sei, und als ich dies bejahte, rief er die übrigen angesehenen spaniolischen Juden herbei, die in wenigen Augenblicken auch nichts weiter waren als neugierige Kinder in größerer Ausgabe; ich wechselte einige Worte mit ihnen und dann kamen Alle zu mir. Ich bat sie, die Kinder zu entfernen und sie erfüllten meine Bitte in einer so radikalen Weise, daß ich beinahe bedauerte, den Empfehlungsbrief des Smyrnaer Ober-Rabbiners vorgewiesen zu haben. In einigen Augenblicken war der ganze Hof rein gefegt; Kinder waren weit und breit nicht zu sehen; ein desto größeres Publikum stand aber um meinen Apparat herum; lauter schöne Frauen, Mädchen und schöne jüdische Männer mit sehr effektvollem Aeußeren. Diesen konnte ich erklären, daß sie, wenn sie wollen, daß ich den Hof und sie photographire, sich von meinem Apparate entfernen müssen, weil ich sonst kein Bild anfertigen könne, wenn sie so nahe stehen bleiben. Als ich ihnen auf ihr Verlangen versprochen hatte, ihnen als Andenken die Copie der Photographie zu! überlassen, erfüllten sie meinen Wunsch mit militärischer Pünktlichkeit, stellten sich in Gruppen auf und waren selbst bestrebt, ein möglichst malerisches Bild zu geben. Ich machte das Bild fertig, legte bedächtig meinen Apparat zusammen und wollte mich entfernen; da ereignete sich wieder eine kleine Episode, welche mich fast noch unangenehj mer berührte, als die vorherige und welche in gewissem Sinne sogar noch gefährlicher war. Einer der spanischen Juden, der größte in der ganzen Gruppe, verließ dieselbe und als sich die Uebrigen zerstreuten und entfernten, sagte er mir, daß ich noch nicht gehen, sondern ihm erst das Bild zeigen möge. Ich nahm diese Bitte von der leichten Seite und erwiderte, es sei gut, ich würde es ihm morgen zeigen. — O nein, sagt er, ich will es jetzt sehen. — Jetzt ist das nicht möglich. — Aber ich habe meine Gründe, es jetzt anzusehen. — Unmöglich, denn das Bild muß im Dunkeln vermittelst chemischer Manipulationen hervorgerufen werden, mittelst Begießung. Wenn ich die Glasplatte jetzt hervorholen würde, genügte ein einziger Sonnenstrahl, um die von mir gemachte Aufnahme sofort verschwinden zu lassen. Ein Sonnenstrahl und auf der Platte bleibt nichts. — Das wäre Alles recht schön und gut, meinte der Jude, und ob er es nun verstehe oder nicht, so sei dies Alles kein Grund, ihn von seinem Wunsche abzubringen; denn er müsse das Bild unbedingt sehen, und damit ich begreife, weshalb er auf seinem Wunsche beharre, sagte er mir, daß seine Frau das Bild zu sehen wünsche, weil sie ebenfalls auf demselben sei. — Na, also gut, ich werde das Bild morgen Ihrer Frau Zeigen. — Nein, er wolle das Bild nicht morgen sehen, sondern heute und es sei einfach unmöglich, daß ich ihm seinen Wunsch versage. Er wies auf seine Frau und da fiel mir ein, daß ich es hier wohl mit einer Art Aberglauben zu thun habe, indem sich das Weib in gesegneten Umständen befand und der Gatte offenbar der Meinung war, daß es, da seine Frau das Bild zu sehen wünschte, von verhängnißvoller Wirkung wäre, wenn sie es nicht sogleich zu sehen bekäme. Ich war nun mit mir im Reinen, daß ich mich nur auf besondere Weise von der Zudringlichkeit dieses unangenehmen und mir so unerwartet in den Weg gekommenen Herrn befreien könne. Ich zog eine noch nicht exponirt gewesene Cassette aus meiner Tasche und sagte ihm, er möge also das „Bild" betrachten und sich davon überzeugen, daß man von der Aufnahme nichts sehen könne. Ich nahm die Glasplatte heraus und wies dieselbe vor, worauf sie sich Beide zufrieden gaben. Nichts hat mich während meiner ganzen Reise so erfreut, wie der Umstand, daß es mir gelungen war, dieses Bild zu machen und den großen Judenfriedhof zu photographiren. Dieser Judenfriedhof erstreckt sich über eine große Fläche am östlichen Ende der Stadt. Er zieht sich im Umfange von mehreren Quadrat-Kilometern den Berg hinan und unterscheidet sich von den neben ihm gelegenen Friedhöfen der Türken und Griechen dadurch, daß die Grabsteine sämmtlich flach und der Länge nach auf der Erde liegen. Es ist ein gespenstischer Anblick, besonders zur Zeit der Dämmerung und gegen Mittag, wenn die Sonne die weißen Steine und Marmorplatten voll bescheint. Es fand eben ein Begräbniß statt , als ich den Friedhof erreichte. Ein alter Jude wurde bestattet, ein schriftkundiger Jude, dem zu Ehren an fünfzig Rabbiner in den Friedhof gingen, wobei sie vom Stadtthore angefangen bis an die Grube unausgesetzt Trauerlieder sangen. Der Leichnam selbst lag auf einem dreieckförmigem Brett, nackt, beziehungsweise ohne Sarg und nur mit einem blauen, durchsichtigen Schleier bedeckt, so daß das Gesicht ganz gut gesehen werden konnte. Sie trugen den Todten abwechselnd über Gräben und Hecken, denn von einem eigentlichen Wege ist keine Spur zu sehen. Auch wurde bent Todten ein sehr seichtes Grab gegraben. Es gelang mir, mit dem Friedhof auch diese Begräbniß- Ceremonie zu photographiren, was in seiner Art gewiß interessant genug ist. Wir begegnen bei diesem Anblicke wieder nur einer Variation der alten biblischen Scenen. Bevor die Juden ihren Friedhof verließen, wuschen sie sich, worauf sie beteten und dann ihrer Wege gingen.

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