Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1887)
- Date
- 1887-08-18
- Page
- Seite 518 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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618 sie sonst die schwersten Taglöhner-Arbeiten verrichten. Es ist eine bekannte Thatsache, daß in Salonichi die schweren Arbeiten fast ausnahmslos von Juden verrichtet werden. Die besten Taglöhner, die meisten Lastträger, Schmiede, Klempner sind Juden; kurz: Juden sind es, welche die schwierigsten Arbeiten verrichten. Niemals werde ich das Bild vergessen, welches Salonichi bot, als ich dort weilte. Die Juden hatten eben ihr Laubhüttenfest. Schon 2 bis 3 Tage vor Eintritt des Festes schleppten die alten Jude?i aus dem Röhricht der Umgegend die schweren Bündel Schilf, das sie zur Eindachung ihrer Hütten benützten. Sie machen oft mehrere Wegstunden, um das erforderliche Schilf zu sammeln. Es ist ein Anblick, würdig eines Meisterpinsels, wenn 5—6 solche Schilfschober über die Straße wandeln; ans der Ferne glaubte ich, es wären Wagenladungen, mindestens von zwei Büffeln gezogen; in der Nähe aber sah ich, daß ein alter Jude unter der Last eines solchen Schobers seufzt, während oben 2—3 Kinder — seine Knaben oder Enkel — allerlei Kurzweil treiben. Sie spielen vergnügt und sorglos, während der Alte mit langsamen, gemessenen Schritten dahin trippelt. Am Laubhnttcnfest nehmen die Straßen eine seltsame Gestalt an, besonders in jenen Stadttheilen, die in der Nähe des Hafens liegen und sich einerseits bis zu dem berüchtigten Blutthurm, andererseits bis zu den ansehnlichen Waaren- Magazinen hinziehen. Diese Straßen sind zumeist von Juden bewohnt. Gleich Schwalbennestern kleben die schwanken Hütten an Thüren und Fenstern der ersten, zweiten und dritten Stockwerke. Aus jedem fünften, sechsten Fenster stecken sie ein paar Bretter hinaus, welche sie zu einem kleinen Häuschen aneinanderreihten; obenauf legten sie Binse», hingen inwendig Leinwand und Seidendecken auf und das Zelt ist fertig. Auf Hausdächern, in der Nähe von Schornsteinen, bei den Treppenhäusern, über den Thoren, überall sah man Zelte. Mau bewunderte nur die Kühnheit, mit welcher sich die Juden in dieses leichte Machwerk zu setzen wagten, denn einem Europäer muß die Art und Weise, ein welcher sie ein solches Zelt zusammcnstellten, als staunenswerther Leichtsinn erscheinen. Eine Gänsehaut überlief uns, als wir in einem aus dem Fenster des zweiten Stockwerkes hinausgesteckten schwache» Zeltes eine ganze Familie sahen, welche dort aß und heilige Lieder sang. Die Zelte hatten auch fensterartige Oeffnungen nach außen, aus welchen schöne spaniolische Mädchen und junge Frauen heraussahen. Ich ging in das „Hotel Colombo", um meinen photographischen Apparat zu holen, um wenigstens dieses Unikum zu verewigen. Ich kann kein schöneres Andenken von hier mitnehmen, als indem ich einige originelle Zelte photographire. Man kann sich keinen Begriff davon machen, welches Aufsehen mein Apparat in den Gassen der spaniolischen Juden erregte. Ich sah ein, daß ich auf der Straße zu nichts komme; Alles, was ich erreichen konnte, waren zwei Bilder, welche ich mit großer Mühe verfertigen konnte. Ich nahm mir vor, in ein großes Judenhaus zu gehen und dort zum mindesten den Hof zu photographiren; so trat ich denn auch in der Nähe eines jüdischen Tempels — es giebt deren in Salonichi mindestes 150 — in den Hof eines großen Hauses ein. Welch malerisches Bild entrollte sich da vor meinen Augen! In diesem einen Hause gab es an sechzig Zelte, es mochten also etwa sechzig Familien in demselben wohnen. In einem und dem andern Zelte saß man noch bei Tische und hielt nach dem Mittagessen Siesta; die alten Herren mit - ihren schneeweißen Bärten hatten Bibeln oder alte spaniolisch-! jüdische Bücher in den Händen, die jungen Leute aber lach- ' teil und unterhielten sich. Die Frauen hatten sich mit außer-! ordentlichem Luxus geschmückt; was sie an werthvollen Gegenständen, Schätzen, Juwelen, Geldstücken besaßen —! Alles prangte an ihren Kleidern, Köpfen und Armen. Ich stellte plötzlich meinen Apparat auf und empfand eine unsägliche Freude in der Meinung, daß ich dieses einzig schöne und besonders interessante Tableau mit nach Hause nehmen kann. Das sollte mir aber nicht so leicht werden.! Kaum hatte ich meinen Apparat aufgestellt — ich hatte ihn ' noch nicht einmal in die gehörige Lage eingerichtet —, umgaben mich auch schon die kleinen Heiligen der spaniolischen Juden wie die Heuschreckenschwärme. Woher sie kamen, wieso sie auf einmal in so großer Zahl dort emporschossen, weiß ich noch heute nicht. Im Grunde wäre es auch gut gewesen, wenn ich sie hätte photographiren können, allein Jedes von ihnen wollte in meinen unglücklichen Apparat gucken, um welchen sie so dicht herumstanden, daß ich jeden Augenblick befürchten mußte, sie werden mir denselben im Gedränge Umstürzen und zerbrechen. Die Situation wurde um so kritischer, weil die kleinen Kerle sich so sehr um die Priorität stritten, daß sie einander die Köpfe blutig schlugen. Es war ein heilloser Lärm, ein fürchterliches Getöse. Ich hatte meinen unschuldigen Plan sehr bereut, da ich keine Ahnung davon hatte, in welches Wespennest ich greife, indem ich einen von spaniolischen Juden bewohnten großen Hof betrete. Im kritischesten Augenblick zog ich meinen in spaniolisch-jüdischer Sprache geschriebenen General-Empfehlungsbrief aus der Tasche, welchen mir der Ober-Rabbiner von Smyrna während meines dortigen Aufenthaltes zu übergeben die Güte hatte, damit ich mich dessen bediene, wo immer ich auch im Orient der spaniolischen Juden bedürfen würde. Bisher hatte ich keine Gelegenheit, dieses Document zu produciren, diesmal aber übergab ich dasselbe dem neben mir stehenden schönen schwarzbärtigen