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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-08-18 · Heft 33 (18.8.1887) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 33 (18.8.1887)
Date
1887-08-18
Page
Seite 516 (sequence 4)
Language
German
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516 den Gottesdienst. Der Religionsunterricht konnte sich nicht durch Synodalbeschlüsse, sondern nur durch das langsame Entwickeln der pädagogischen Einsicht und des Bedürfnisses ausbilden, hat deshalb nicht aufgehört, sich durch sich selbst vorwärts zu bilden und ist trotz aller Anstrengungen noch heute nicht zu einer festen Gestaltung gelangt, und zwar besonders, weil in den Bestand der Religionsschulen die Aufnahme des jüdischen Religionsunterrichts in die öffentlichen Schulen dazwischen kam, wodurch die Gestaltung des letzteren in eine neue Phase eintrat. Die Reform der Gemeindeverfassung und der wohlthätigen Veranstaltungen waren theils Sache der staatlichen Gesetzgebung, theils der Gemeinden selbst, und hat durch diese und den sich immer verstärkenden Gemeinsinn der Individuen eine sehr zweckmäßige Entwickelung genommen. — Gehen wir nun auf die zweite Synode über. Es wäre ungerecht, zu sagen, daß die erste Synode in ihrem Auftreten nicht sympathischen Wiederhall geweckt hätte. Wäre dieser nachhaltig gewesen, so mußte die zweite Synode einen bedeutenden Fortschritt aufweisen. Geschadet hat ihr jedenfalls die verhältnißmäßig späte Zeit der Veröffentlichung ihrer Verhandlungen. In unsrer raschlebigen Zeit war das Interesse schnell erloschen, weil es nicht ebenso schnell genährt wurde. Dazu wollen wir nicht außer Acht lassen, daß das Jahr 1870 mit seinen großen politischen Ereignissen und seinem nationalen Aufschwung die Sache der Synode in den Hintergrund gedrängt hatte. Aber, wenn die Synode irgend welche Wurzeln in der israelitischen Gesammtheit gefaßt hätte, so würde sie sich in der zweiten nicht bereits in der Dekadenz befunden haben. Die Zahl der Mitglieder war von 83 auf 53 gefallen. Von den 26 Rabbinen, welche die erste besucht hatten, waren nur II wieder erschienen, 10 andere, zusammen 21. Von den 4 Gelehrten waren 2 neue, von 27 Gemeindedeputirten kamen nur 7 alte wieder. Aus dem Auslande erschien, außer aus Wien, Pilsen, Szegedin, Bukarest und Krakau Niemand wieder. .In der Thar hat diese zweite Synodalversammlung sehr wichtige Fragen aus dem eherechtlichen Gebiete, dem Sabbathgesetze, der Beschneidungsfrage in das Bereich ihrer Verhandlungen gezogen. Welchen Charakter viele ihrer Beschlüsse hatten, haben wir hier nicht zu untersuchen. Es liegt in der Natur solcher Versammlungen, daß sich ebenso die radikale, wie die gemäßigte Richtung geltend macht — wenn eben die Orthodoxie sich gar nicht vertreten ließ — daß hieraus Kompromisse entstehen, in welchen bald die eine, bald die andere obwaltet, wie denn die Beschlüsse dieser zweiten Synode hiervon reichlich Zeugniß geben. Wenn nun auch in dieser zweiten Synode viele Zeit auf weitläufige Verhandlungen über Nebendinge verschwendet ward, so kann man doch ihr nicht absprechen, daß sie bedeutender gewesen als die erste, entschiedener für die Fragen der Reform. Aber sie trug bereits als Synode das Gepräge des Absterbens, des Mangels an allgemeiner Theilnahme. Wenn man nun den Mitgliedern, und vorzugsweise den thätigen, in ihr das Wort führenden Mitgliedern, einen Vorwurf machen kann, an dem Verschwinden der Synode Schuld zu tragen: so ist es der, nach dem Schluffe derseben allen Eifer, alle Thätigkeit aufgegeben zu haben. Es genügte nicht, daß die Verhandlungen in ihrer ganzen Ausdehnung in einem ziemlich starken Bande veröffentlicht wurden. Man mußte Propaganda machen; man mußte in kleinen Broschüren und Flugblättern die Beschlüsse der Synode mit kurzer Motivirung der Menge der Bekenner bekannt geben, und dies angestrengt fortsetzen, bis jene Beschlüsse das geistige Eigenthum Aller geworden wären. Nichts von allem dem geschah. Es war so gut, als ob die Verhandlungen zwischen geschlossenen Thüren geschehen seien. So kam es, daß diese zweite Synode noch schneller in Vergessenheit gerieth als die erste, daß der Gedanke der Synode keine Verbreitung und weitere Ausdehnung erlangte, daß eine dritte nicht zu Stande kam. Hierzu trugen zwei Umstände bei. Zuerst, daß die Reformbewegung überhaupt eine andere Tendenz annahm, namentlich dadurch bewirkt, daß die meisten deutschen Rabbinatssitze von Jüngeren aus dem Breslauer Rabbinerseminar besetzt wurden, welche, dem Impuls des sel. Z. Frankel folgend, dem Conservatismus zugewandt waren und eher retrograde als reformistische Schritte thaten. Hierzu gesellte sich das Austrittsgesetz in Preußen und Hessen, welches den Gemeinden um ihres Bestandes willen die Pflicht auferlegte, jede Spaltung durch irgend weitgehende Schritte zu vermeiden. Ueberhaupt stellten sich Anschauung und Bedürfniß viel weniger darauf aus, irgend eine Detailfrage zur Entscheidung zu bringen, als vielmehr die religiöse Ueberzeugung zu stärken, das jüdische Bewußtsein von Innen heraus zu heben. Im Uebrigen konnte man das Leben wirken lassen, welches immer wieder zum Fortschritt drängt und in der großen Masse das verbreitet, was vorher das geistige Eigenthum einzelner fortgeschrittener Geister war. Zu diesem kam aber noch der zweite Umstand, daß bald nach der zweiten Synode gerade diejenigen Männer durch den Tod abberufen wurden, welche den Gedanken einer Synode hervorgerufen und in den beiden Hauptversammlungen die Hauptthätigkeit entwickelt hatten. Geiger, Aub, Löw, Fürst, Wechsler und zuletzt auch Adler starben dahin und hinterließen Niemanden, der ihre Ansichten wesentlich vertrat. So waren der Synode zu gleicher Zeit der Boden und die activesten Mitglieder genommen; im Ganzen aber hatte sich erwiesen, daß diejenigen Recht gehabt, welche der so Plötzlich ins Leben gewissermaßen gestoßenen Idee die Lebensfähigkeit abgesprochen hatten. Vielleicht hätte sie, wenn allmählich

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