Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1887)
- Date
- 1887-08-11
- Page
- Seite 504 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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504 gmden des deutschen Reiches, daß die Theilnahme der Juden an diesem Wucher nur gering sei, und wiederum Gegenden von ihm heimgesucht sind, wie z. B. Thüringen, wo gar keine oder wenige Juden wohnen. Andere Berichte des Vereins lauten weniger günstig für die Juden und führen Gegenden an, in welchen der Wucher auf dem Lande zu einem nicht geringen Theile von Juden betrieben wird. Dies veranlaßte die „Boss. Ztg." gerade die letzteren Berichte hervorzuheben, und es konnte deshalb nicht ausbleiben» daß die antisemitischen Blätter sich dieser Seite der Sachlage bemächtigen und sie zu entstellenden und verleumderischen Artikeln benutzen. Hiergegen führt der „Berliner Börsen- Courier" vom 31. Juli einen wackeren Aufsatz „der Wucher der Juden" ins Feld. Er geht darauf hinaus, nachzuweisen, daß, wenn stellenweise jene traurige Geschäftsweise noch immer von Juden betrieben wird, niemals vergessen werden dürfe, daß man viele Jahrhunderte hindurch dieselben nicht allein dazu gezwungen, sondern ihnen Wucherprivilegien gegeben, ferner ausführlich, daß beim Volke Israel vermöge der mosaischen Gesetzgebung das Zinsnehmen überhaupt verboten war, und das kanonische Recht diese Bestimmungen aus jener entnommen habe. Von einer Raceneigenthümlichkeit könne also gar nicht die Rede sein. An der Hand Stobbe's zeigt er, daß in der ersten und besseren Periode des Mittelalters die Juden allen Gewerben obgelegen und diese ihnen nach und nach durch die fanatischen Gesetze entzogen wurden, so daß ihnen nichts anderes übrig blieb, als Geldgeschäfte zu betreiben. Daraus schließt der Aufsatz: „War es unter diesen Umständen anders denkbar, als daß der Wucher unter den Juden um sich griff? Und ist es zu verwundern, daß eine solche Gewöhnung, welche länger als ein halbes Jahrtausend gedauert, ihre Spuren noch hier und da zurückgelassen hat, so daß derjenige, welcher die geschichtlichen Vorgänge nicht kennt, glauben möchte, es handele sich hier um eine angeborene Charaktereigenschaft des jüdischen Volkes? Solche Spuren lassen sich in einem halben Jahrhundert nicht völlig vertilgen. Und hat man denn wirklich überall bereits Ernst damit gemacht, dem Juden freie Bahn in seiner Erwerbsthätigkeit zu geben und die Ursachen fortzuräumen, die ihn dem ehrbaren Erwerbe entfremdeten und ihn auf Wucher und Schacher beschränkten? Gerade der Antisemitismus ist bestrebt gewesen, uns wieder in jene Zustände zurückzuführen, welche wir dem jüdischen Wucher verdanken. Den Juden, welcher dem Staate dienen will, weist der Antisemitismus zurück, weil der Jude nicht Beamter werden soll, die Gelehrtencarrisre sucht man ihm zu versperren, indem man ihm die Lehrstellen an den Universitäten und Gymnasien vorenthalten möchte, mit dem Rufe: „Kauft bei keinem Juden," schlösse man ihn am liebsten auch vom Handel aus, und wenn der Antisemitismus sein System siegreich durchsetzte, so würde der Jude wieder, wie ehedem, auf Wucher und Schacher beschränkt. Gerade diejenigen Juden, welche ernsthaft bemüht sind, die ihren Glaubensgenossen noch theilweise anhaftenden Fehler auszurotten, sie mußten am schmerzhaftesten eine Bewegung empfinden, welche nur dazu geeignet ist, den Besserungsproceß innerhalb des Judenthums aufzuhalten." Köln, 2. August. (Privatmitth.) Die auch von uns angezeigte dritte Verbands-Versammlung der Thierschutz- Vereine des deutschen Reiches hat am 30. und 31. Juli stattgefunden. Wenn diese Versammlung die Aufmerksamkeit auch dieses Blattes auf sich zieht, so hat dies seinen Grund in der Voraussetzung, daß sich diese Versammlung nach dem Schicksale, welches ihre Petitionen über das Tövten der Schlachtthiere und namentlich über das jüdisch-rituelle Schächten im Reichstage erfahren haben, sich irgendwie äußern werden. Dies geschah denn auch am zweiten Tag, indem der Vorsitzende Hartmann einen längeren Vortrag über die Gegenpetnionen der israelitischen Gemeinden hielt. Die Versammlung beschloß, die Erklärungen des Vorstandes in einer großen Zahl von Exemplaren drucken zu lassen und zu verbreiten. Sobald dies erfolgt ist und man dadurch in den Stand gesetzt sein wird, das fernere Verhalten der Thierschutzvereine in dieser Angelegenheit zu beurtheilen, werden wir darüber ausführlich berichten. Wiesbaden, Ende Juli. (Privatmitth.) Es ist höchst unerquicklich zu beobachten, welches Spiel mit dem Titel „Rabbiner" getrieben wird. Man erinnere sich, daß es in den Misfionsberichten, wenn irgend ein polnischer Bettler gefischt worden, dieser zu einem sehr gelehrten Talmudisten und Rabbiner erhoben wurde — den Zweck sieht man ein. Jetzt kommt aber dasselbe in Criminalfällen vor, und dies ist überaus ärgerlich. In den hiesigen Blättern las man: Der Rabb. D. Z. ist wegen Vergehen gegen die Sittlichkeit zu vier Jahren Zuchthaus verurtheilt worden. Dieser D. Z. ist aber auch nicht im Entferntesten ein Rabbiner, sondern ein vagabondirender polnischer Schnorrer, der, weil man ihn genau kannte, von allen Thüren zurückgewiesen wurde. Man stand daher nicht an, eine dahin lautende Berichtigung in dieselben Blätter einrücken zu lassen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 23. Juli. Wie wir kürzlich gemeldet haben, wendete sich eine Anzahl von oberösterreichischen Advocaturs- Candidaten an die oberösterreichische Advocaten-Kammer mit einer Eingabe, in welcher sie „um Wahrung des Ansehens des Standes" und demzufolge um Einleitung der geeigneten Schritte baten, damit der Stand nicht „verjudet" werde. Eine ähnliche Petition der steierischen Advocaturs-Candidaten