Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1887)
- Date
- 1887-08-11
- Page
- Seite 503 (sequence 7)
- Language
- German
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503 dieser kleinen Majorität übereinstimmte, so wollten wir doch „ns das allgemeine Ansuchen dem beschlossenen Werke unsre Mitwirkung nicht versagen und nahmen das Mandat an. Beiläufig möchten wir doch bemerken, daß man, Lazarus gegenüber, persönliche Motive bei uns nicht voraussetzen könne. Denn das war doch klar, daß die Versammlung dem Zwecke, zu welchem wir sie zusammenberusen, nicht entsprach, und wir sagten es offen heraus, daß die Rabbiner hiermit der Aufgabe untreu geworden, welche sie seit undenklichen Zeiten zu lösen hatten, auf religiöse Fragen selbständig Antwort zu geben. Ties ist die Vorgeschichte der Synode, sehen wir nun, was daraus erfolgte. yvuxc H xac | te ^v. Deutschland. Berlin, 2. Aug. (Privatmitth.) Bei dem Mangel aller Geschehnisse wünschen Sie eine Antwort auf die Frage: von welcher Bedeutung der Antisemitismus jetzt noch in der deutschen Reichshauptstadt sei? Ich könnte wich hinter den Vorwand zurückziehen, daß gegenwärtig, im Hochsommer, nichts eine Bedeutung habe, sondern bei der excessiven Hitze Alles eben nur fortvegetirt, und zwar um so mehr, als große Zchaaren die Stadt verlassen haben, um Sommerfrischen, Cur- und Badeörter aufzusuchen oder große Touren in die von der Natur bevorzugten Theile unserer Erdoberfläche zu machen. Daß auch Israel ein großes Contingent zu den Reiselustigen stellt, kann man voraussetzen. Wenn man früher den Juden nachsagte, daß sie nur wenig Gefallen an Naturschönheiten haben, so gehört dies jetzt zu den veralteten Vorurtheilen. Denn was triebe sie sonst in so großer Zahl dahin, wo wirklich nur frische Luft und Naturschöuheiten zu gewinnen sind, was bekanntlich mit großen Kosten verbunden ist? Jndeß ich will auf die Beantwortung Ihrer Frage eingehen und kann nur mit Befriedigung constatiren, daß die j ganze Hetzbewegung, die vor einigen Jahren so furchterregende Grimassen schnitt, alle Bedeutung verloren hat. Die „christlich-sociale" Partei theilt dieses Schicksal und zählt nicht diele Anhänger mehr. Nachdem es sich schon bei den früheren Wahlen erwiesen hatte, daß die Anttsemiten im deutschen Reiche gar keinen Einfluß, in der Reichshauptstadt nur einen geringen, ja den mit ihnen verbunden Parteien schädlichen übten, hat man sie seitens der höheren Kreise und der conservativen Partei fallen gelassen, und hiermit waren sie ohnmächtig geworden. Wir dürfen niemals übersehen, daß es die Antisemiten im deutschen Reichstag und preußischen Abgcordnetenhause zu keiner Fraction gebracht haben, wie etwa in Ungarn, wo sie 19, jetzt allerdings nur 12 zählen, im österreichischen Reichsrathe, wo sie bis zu 5 gelangten. Steht doch jetzt Böckel auf seiner einsamen Höhe ganz allein, und selbst Stöcker sah sich nicht bewogen, ihn in seinem famosen Feldzuge gegen das rituelle Schächten zu unterstützen. Wenn jetzt Stöcker, Wagner und Consorten in ihren Versammlungen sprechen, so ergehen sie sich mehr in Klagen gegen die maßgebenden Kreise und die Conservativen als gegen die Juden. Wie war es doch ehemals so anders, so schön und erhebend! Wenn einer jener Hetzredner den Mund aufthat, so ging ein freudiges Schauern durch ihre Zuhörer: jetzt werden die Juden geschunden, gehenkt, geviertheilt, verbrannt! Zu oft haben diese Zuhörer es aber erlebt, daß die Juden ruhig weiter leben und ungestört ihren bürgerlichen Gewerben nachgehen. Jene Redensarten sind deßhalb allmälig langwellig geworden, und für eine sog. Bewegung ist Langeweile in Wort und Schrift ein tödliches Gift. So wird die antisemitische Hetze bald als ein Gespenst vergangener Zeit erscheinen. Allerdings ist eine gewisse Gesinnung und namentlich eine Beschränkung in allen öffentlichen Carriören damit nicht geschwunden, und in socialer und politischer Beziehung wird die antijüdische Stimmung noch immer bemerkllch sein. Ader dies ist eine Sache, mit welcher wir zu allen Zeiten zu rechnen haben, und die uns nur auffordern muß, durch j Pflichttreue und Anständigkeit, durch Vermeidung alles Aufsehens, extravaganten Luxus, jedes zudringlichen Benehmens, jeder Selbstüberhebung den Vorurtheilen die Nahrung zu entziehen und den Angriffen jeden Stoff zu nehmen. Denn auch das dürfen wir uns nicht verhehlen, daß wir zur Abwehr jener Feindseligkeiten nichts gethan haben, daß wir durchaus passiv verblieben sind, eimge Broschüren und Zeitungsartikel ausgenommen. Hinterdrem wird man dies als klug und gescheidt bezeichnen; man habe kein Oel in das Feuer gegossen. Mag sein, aber gewiß ist es, daß wir die Niederlage des Antisemitismus dem Geiste der Gerechtigkeit und Humanität zu verdanken haben, der trotz aller Schwankungen unsere Zeit beherrscht. Berlin, 3. August. (Privatmitth.) Auch diese Zeitung brachte eine Mittheilung über die kürzlich veröffentlichten Berichte des sozial-politschen Vereins, betreffend den „Wucher auf dem Lande." Diese Berichte betonen aus einigen Ge-