Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1887)
- Date
- 1887-08-11
- Page
- Seite 500 (sequence 4)
- Language
- German
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500 Antisemiten-Partei führen. Wegen des Decemvirats der Partei Jstoczy's allein würde es kaum die Mühe lohnen, diesem Umwandlungsprocesse eingehendere Aufmerksamkeit zu widmen, wenn nicht einige damit in Verbindung stehende Erscheinungen in dem öffentlichen Leben Ungarns die Wachsamkeit geradezu herausfordern würden. Es war bekanntlich eine der letzten Handlungen des vorigen Reichstages, eine neue Hausordnung zu beschließen, deren Werth nicht über jeden Zweifel erhaben ist, die aber dennoch einige neue Bestimmungen enthält, welche Zeugniß davon geben, daß die politischen Kreise Ungarns entschlossen sind, dem häßlichen Racenkampfe ein Ende zu bereiten. In diese Hausordnung wurde unter Anderm auch die Verfügung ausgenommen, daß jede mit Petition angefochtene Wahl zu annulliren sei, hinsichtlich deren festgestellt wurde, daß zum Erfolge derselben die Aufreizung gegen eine Confessio» oder Nationalität beigetcagen habe. Eine analoge Verfügung enthielt auch der von der Regierung eingebrachte und gerade mit Rücksicht auf die eben beschlossene Hausordnung im letzten Augenblick zurückgezogene Entwurf eines Gesetzes über die Ahndung der Wahlmißbräuche. Gleich damals wurde die erste Meldung davon flügge, daß die Antisemiten, um dem Banne der neuen Hausordnung zu entschlüpfen, sich zugeschworen hätten, das Wort „Jude" nicht mehr über die Lippen zu bringen und dasselbe in ihren Agitationen durch die Bezeichnung „Wucherer" zu ersetzen. Weiters ward bekannt und durch eine Erklärung Jstoczy's bekräftigt, daß die Antisemiten aus denselben Gründen ihre parlamentarische Gemeinschaft umtaufen und künftighin „christliche Volkspartei" oder „Volkspartei" schlechthin nennen wollten. Im Getümmel der Wahlschlacht wurde zwar an alle diese löblichen Vorsätze vergessen und der Haß gegen die Juden mit ungeschwächten Kräften gepredigt; wir glauben auch nicht, daß die erwähnten Verfügungen der neuen Hausordnung nach dieser Richtung in Wirsamkeit treten werden, da keine der antisemitischen Wahlen angefochten werden dürfte; wohl aber scheint es zweifellos, daß die „christliche Volkspartei" nach bewährtem deutschen Muster zur Wahrheit werden soll. Herr Victor Jstoczy redigirt nämlich eine mit Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinende Monatsschrift, in deren Juli- Nummer er den Liebhabern politischer Absonderlichkeiten die Gründe darlegt, die ihn und seine Genossen zu einer Umformung der Partei bestimmen. Wir empfangen aus diesem Anlasse die Bekenntnisse einer schönen Seele, deren Freimüthigkeit an die Naivetät grenzt, die aber um so werthvoller ist. „Unsere Niederlagen während der Wahlen," schreibt Herr Jstoczy, „werden von vielen Seiten dem Umstande zugeschrieben, daß die Intelligenz und in dieser besonders die Geistlichkeit durch die „antisemitische" Bezeichnung unserer Partei von der offenen Unterstützung unserer Candidaten abgehaltev wurde, und man glaubt allgemein, vaß das Ergebniß der Wahlen ein für uns weit günstigeres gewesen wäre, wenn unsere Partei mit einem anderen, in keiner Beziehung zu bemängelnden Namen vor die Wähler getreten wäre." Die wenigen Worte des Führers der Antisemiten enthalten sonach das ausdrückliche Zugeständniß, daß es ihm um die formelle Gewinnung des Clerus zu thun sei, und das stillschweigende Einbekenntniß, daß er bisher von dieser Seite eine stille Unterstützung empfangen habe, die er in eine „offene" umwandeln wolle. Wer daran zweifeln sollte, der höre nur weiter, was Herr Jstoczy aus der Schule schwatzt. „Unser Programm," sogt er, „bleibt das alte. Wenn wir dennoch der Abänderung des officiellen Namens unserer Partei zustimmen, so geschieht dies nicht unsertwegen, sondern deßhalb, damit jenen Kreisen, die bisher insgeheim mit uns sympathisirten, die aber durch das in unserer gegenwärtigen Bezeichnung enthaltene aggressive Moment von der gemeinschaftlichen Wirksamkeit mit uns abgeschreckt wurden, die Lage erleichtert werde und wir in denselben offene Verbündete gewinnen." An einer andern Stelle aber werden die eigentlichen Motive der Umtaufe noch detaillirter und mit noch größerer Offenherzigkeit aufgezählt: „Nachdem das Wort „Antisemitismus" gegen die im Lande lebenden Semiten den Begriff einer principiellen Aggression ausdrückt, gestattet die Regierung nirgends im Lande die Bildung eines antisemitischen Vereins oder Clubs mit solcher Bezeichnung, und sie versagt allen ähnlichen Statuten die Clausel der Genehmigung. Dies hatte zur Folge, daß wir an eine Organisation in der Provinz gar nicht denken konnten, denn selbst den constituirenden Versammlungen solcher Vereine wurden die größten Hindernisse sowohl von der Regierung wie von den Localbehörden entgegengestellt. Wenn wir aber als Landespartei Erfolge aufweisen, unsere Action einige Jahre vor den Mahlen beginnen, unsere Kräfte sammeln, stärken und discipliniren wollen, so ist die Provincielle und locale Organisation hierfür eine unerläßliche Voraussetzung. Dies müssen wir durch die Annahme einer officiellen Bezeichnung ermöglichen, gegen welche weder die Regierung noch die Localbehörde eine Einwendung zu erheben vermag." Schließlich hält der Verfasser eine kurze Umschau über die in Oesterreich und Deutschland gangbaren Benennungen seiner Gesinnungsgenossen und gelangt zu dem Ergebnisse, daß der Name einer „christlichen Bolkspartei" der Wesenheit am besten entspreche, in den Kreisen seiner Freunde den meisten Anklang gefunden und daher im Herbste aller Wahrscheinlichkeit nach als neue Firma der Antisemiten ausgehängt werden wird. „Unsere Kraft," — fügt er salbungsvoll hinzu — „ruht im Volke, im christlichen Volke, sowohl in dem eigentlichen Volke wie auch in jenem Theile der Intelligenz, besonders des