Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1887)
- Date
- 1887-08-11
- Page
- Seite 499 (sequence 3)
- Language
- German
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499 Mode nach der Herrschaft, die ihnen jedoch immer nur für einige Zeit zufallen kann. Denn so tief sind jene vom allen Israel und Hellas gegebenen Principien gerade durch die Entwickelung und den Kampf, den sie zu bestehen hatten, in die Natur des civilisirten Menschen eingesenkt, daß jede Auflehnung gegen sie nur immer von Neuem zu deren Siege, Stärkung und Vertiefung gereicht. Pest, 24. Juli. Die „christliche Dolkspartei" in Angarn. Unter dieser Aufschrift bringt die Wiener „N. fr. Pr." einen sehr lehrreichen Artikel über die innere Geschichte der ungarischen Antisemitenpartei, den wir hier wiedergeben. Vor 15 Jahren nach den blutigen Wahlen, die Melchior Louyay geleitet, erschien ein kaum 30 jähriger, hochgewachsener Mann zum erstenmale im ungarischen Abgeorduetenhause als der Ablegat des Rumer Wahlbezirkes im Eisenburger Comitat. Er suchte sich bescheiden in den hintersten Reihen der Deak-Partei einen Platz, und man ging achtlos an ihm vorüber, wie an so vielen anderen Neulingen, die damals den parlamentarischen Boden betraten. Der Mann hieß Victor Jstoczy. Man wußte von ihm nur so viel, daß er einer mäßig begüterten Eisenburger Familie entstammte, in Wien und Pest studirt, dann die landesübliche Carriöre in dem heimathlichen Comitate eingeschlagen und in derselben es bis zum Stuhlrichter des Vasvarer Bezirkes gebracht hatte. Nur wenige Eingeweihte erfuhren, daß der blasse, blonde Jüngling sein Piovinzial-Amt verlassen mußte, weil er einen Formfehler begangen, das Opfer der nicht sehr sauberen Operation eines jüdischen Landsmannes geworden und sich zum Abgeordneten habe wählen lassen, um den Vernichtungskrieg gegen die Glaubensgenossen desjenigen zu organisiren, der Anlaß gewesen, daß er um Amt und Brot gebracht wurde. Aber selbst die Eingeweihten zuckten die Achsel, wenn von dem Führer ohne Partei die Rede war, denn es gingen damals schwere Zeiten über Ungarn, die Krisen politischer und financieller Natur lagen in der Luft, die Jntriguen lähmten die Regierung, zersetzten die Parteien, und man hatte daher Wichtigeres zu thun, als der Propaganda des Eisenburger Propheten zu folgen und sämmtliche Juden mit Haut und Haar zu vertilgen. Der beginnende Niedergang der Freihandels-Politik nach dem deutsch-französischen, Kriege hatte zwar den Boden für den Antisemitismus wohl gedüngt, aber die Saat war noch nicht aufgegangen; diese häßliche, wirkliche Vorfrucht des Anarchismus lag noch im Keime. Victor Jstoczy ließ sich jedoch nicht irre machen. Er predigte Haß und Verachtung, Tod und Vernichtung den Juden schon zu einer Zeit, als die Stöcker und Genossen noch nicht losgelassen waren, um das Beispiel des ungarischen Stuhlrichters zu übertrumpfen. Erst lachte man über ihn, dann ärgerte man sich über den wunderlichen Kauz, endlich zog man die Gesichter in die Länge, bis man sich dazu verstand, aufmerksam zu horchen, wenn der durch sein cholerisches Temperament in jeder Fiber aufgewühlte Mann in seiner stockenden Weise die Capucinaden gegen die Juden herauskollerte. Dies waren die Anfänge des halb unfreiwilligen Pionniers der osteuropäischen Reaction mit ihren starken Ausstrahlungen nach dem Westen. Nach der Affaire von Eszlar, an der Victor Jstoczy persönlich keinen Theil hatte, was zu constatiren die Wahrheit gebietet, obgleich auch er bestrebt war, den macerirten Leichnam des Nyirer Dorfmädchens auf dem Chemnitzer Antisemiten-Congresse zur „höchsten Fructificirung" zu bringen, erreichte der Antisemitismus in Ungarn den Zenith seiner socialen und politischen Erfolge. In dem Wahlgange des Jahres 1884 erlangte Jstoczy zum erstenmale eine parlamentarische Partei in aller Form. Wenn sie auch nur achtzehn Mann zählte und staatsrechtlich in zwei Lager geschieden blieb, war sie immerhin eine selbstständige Fraction, die nicht ganz ohne Berechtigung darauf verweisen konnte, daß sie in allen anderen Lagern verschämte Anhänger besitze. Doch die Herrlichkeit währte nicht lange, sie war nur, wie man in Ungarn zu sagen liebt, ein Pfingstkönigthum von kurzer Dauer. Während des ganzen Trienniums 1884 bis 1887 nahm Jstoczy im Abgeordnetenhause nur ein einziges Mal das Wort, und es hatte den Anschein, daß die burleske Manier seiner Jünger ihn selbst anwiderte. Während der letzten Wahlen aber wurde die Partei der Antisemiten auf's Haupt geschlagen, beinahe auf die Hälfte reducirt, und weitere Verluste stehen ihr noch in Aussicht. Die äußerste Linke, die vor drei Jahren noch ein unwürdiges Doppelspiel getrieben, hatte sich jetzt dazu aufgerafft, jede Gemeinschaft mit den Herren abzuschwören, und so kam es, daß von den achtundfünfzig antisemitischen Candidaten nur zwölf ein Mandat erhielten. Zwei dieser Abgeordnetensitze sind für die zusammengeschrumpfte Fraction so gut wie verloren, denn der jugendliche Inhaber der beiden Mandate von des Antisemitismus Gnaden steht im Begriffe, diese Lehre des Hasses abzuschwören, sich zum Liberalismus zu bekehren und in das Lager der Regierungspartei abzuschwenken, während eines seiner Mandate einer in den Wahlen gefallenen parlamentarischen Größe zu statten kommen soll. Dieser Abfall dürfte um so empfindlicher wirken, als der betreffende Ungetreue Herrn Jstoczy einst vor den Schranken des Gerichtes vertheidigte und dadurch aus der Dunkelheit an das Licht emporstieg. Diese Mißerfolge dürften allem Anscheine nach demnächst zu einer gänzlichen Umgestaltung der parlamentarischen 32*