Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1887)
- Date
- 1887-08-11
- Page
- Seite 498 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227696--44616-3266906- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
498 Dämonen, die Geister und Gespenster selbst für das practische Leben eine entscheidende Rolle, sondern ihre Todten wurden (und werden) auf der Plattform eines Thurmes zum Fräße der Raubvögel niedergelegt, um, wenn sie von diesen skelettirt worden, in die Tiefe eines Brunnens zu gemeinsamer Vermoderung hinabgestürzt zu werden, das schroffe Gegentheil von dem Todtencultus der Egypter. Wir wollen hier in das Detail nicht eingehen; alle die neueren Funde und Entzifferungen haben alles dieses in ihren entscheidenden Zügen so sehr zu Tage gefördert, daß alle früher gern gehegten Illusionen über die alte Culturherrlichkeit und deren Werth zerstreut worden sind. So bedeutungsvoll alle diese Aufklärungen für die Geschichte der Menschheit sind, so wissen wir doch jetzt vollständig, daß wir nichts mehr von ihnen zu lernen und zu entlehnen haben. Ganz anders das alte Jsraeliteuthum. Hier herrschen der einfache, dem Verstände wie dem Herzen entsprechende Gottesbegriff und die natürlichsten Principien der Sittlichkeit und der menschlichen Gesellschaft vor. Die Erkenntniß und Anbetung des einzigen Gottes, des Schöpfers des Himmels und der Erden, der Vorsehung und Vergeltung, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die Nächstenliebe und Wohlthätigkeit, das Recht und der Frieden, die Gleichheit und die Freiheit aller Persönlichkeiten, das Recht der Gesammtheit und der Individualität, wie sie sich gegenseitig begrenzen und in einander greifen, die Familie mit dem beschränkten Recht der Eltern, mit dem strengen Gesetz der Blutsverwandtschaft, der Keuschheit, des Ehe- und Erbrechtes, die Gesellschaft mit dem Aufbau aus der Selbstverwaltung der Gemeinde, mit der Beseitigung alles Kastenwesens und aller willkürlichen Vorrechte der Geburt, mit der Vermeidung der Bereicherung und der Verarmung, mit der allgemeinen Bildungs- und Wehrpflicht u. s. w. finden hier überall die befriedigende Lösung in der Verstandesmäßigkeit und der Reinheit der menschlichen Gefühlswelt. Selbst der Cultus, der dem Zeitgeiste gemäß Opferdienst und Priesterschaft erforderte, war den einfachsten Maßen unterzogen: eine Cultusstätte für die ganze Nation, die Beschränkung auf die Zahl der Opfer und auf vier Thierarten (Rind, Schaf, Ziege und Taube) und die immer wiederholte Mahnung, daß diese Opfer nur bei gewissenhafter Uebung des Rechts und der Liebe Gott wohlgefällig, sonst aber verwerflich sind, die Beschränkung der Priesterschaft in Macht und Besitz, alles dieses bezeugt die Einfachheit, Natürlichkeit des israelitischen Wesens, dessen, was es bedurfte, und worin es die Befriedigung fand. Und so strömte und strömt noch gegenwärtig aus diesem Jsraelitenthume und seinen Erzeugnissen der Geist der echten Religiosität und Sittlichkeit durch die abend- und morgenläudische Welt. Mag immerhin der Gottesbegriff entstellt und wieder phantastisch umgestaltet worden sein, der israelitische Grundbegriff bricht sich immer wieder Bahn, die Geister reinigend. Auch die Sittlichkeit nach den israelitischen Principien hat mancherlei Wandelung erfahren und namentlich durch die Ausschließlichkeit, welche Kirchen und Moscheen predigten, Entstellungen erlitten; aber auch diese Phantome werden überwunden, und selbst diejenigen, welche sich von der israelitischen Ethik frei zu machen und eine selbständige Moraltheorie zu schaffen sich bedünken, arbeiten mit dem erhabenen Material, das ihnen jene schon von ihrer Kindheit an geboten hat. Daß das Hellenenthum selbst in ethischer Beziehung nicht viel zu leisten vermochte, erweist sich aus der mythologischen Religion der Hellenen und Römer, an welcher doch diese Völker während ihrer Blüthezeit und auch nach dieser fest hielten. Dagegen entwickelten die Hellenen die Kunst durch ihre obherrschende Neigung zur natürlichen Schönheit und zur einfachen Reproduetion derselben, und sie waren es, welche die eigentliche Wissenschaft erfanden. Zwar geschah dies verhältnißmäßig recht spät, denn die früheren Philosophen tasteten darin nur umher, Sokrates ging auf die Sittlichkeit allein zurück, Plato behandelte die Themata zu sehr von ethischen und ästhetischen Gesichtspunkten, und erst Aristoteles war es, der die reine Wissenschaft auffand, ihre Gebiete schied und feststellte und die wissenschaftliche Methode formte. Die echt wissenschaftliche Periode war auch bei den Griechen nur kurz, denn schon die Alexandriner verloren ihren Geist in Pedanterie und Formelkram; Plinius der Aeltere erweist schon wieder die Vermischung der Wissenschaft und der Fabel und jene Kritiklosigkeit, welche bald die Wissenschaft vergiften läßt. Dennoch hat die spätere Cultur nur dem Wiedererwachen des klassischen Geistes, nur dem hellenischen Genius die Wissenschaft und die Kunst zu verdanken, diese wesentlichen Elemente der Civilisation. — Was Ija&en wir aber für Schlußfolgerung aus dieser geschichtlichen Erkenntniß zu ziehen? Das große Princip, daß nur das Einfache, Natürliche, den Gesetzen des Verstandes und der menschlichen Gemüthswelt Entsprechende die wahre Cultur ist, jede Hinneigung zu Bizarrem, Barockem und Phantastischem eine Entartung, ein Rückgang der Civilisation, ein Auswuchs ist, von welchem man sich so bald wie möglich wieder entfernen müsse, um in der humanen Entwickelung vorwärts zu schreiten. Das, was für immer Princip und Richtschnur sein muß, ist vom Jsraelitenthum und Hellenenthum verkündigt und vorgebildet worden. Das Mystische in der Religion, das Exclusive und Extravagante in der Moral, das Despotische und Kastenwesen in der Gesellschaft, das Unschöne, Widernatürliche und Uebertriebene in der Kunst, die Kritiklosigkeit in der Wissenschaft (auch in der Hyperkritik und Hypothesensucht vorhanden), diese sind die wahren Feinde aller echten Cultur; sie hatte die Civilisation immer und immer wieder zu überwinden; sie kommen immer wieder zum Vorschein und streben als Abwechselung und