Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1887)
- Date
- 1887-08-04
- Page
- Seite 494 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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494 kömmling einer alt berühmten jüdischen Familie (Zemach David), der Zugang zu der Professur verschlossen. Aber sein heftiges Verlangen überwand seine früheren Ansichten und Bestrebungen. Doch es war noch eine Schwierigkeit. So lange seine Großmutter, eine eifrige Jüdin und von der auch das Vermögen der Familie kam, lebte, durfte er nicht die Religion seiner Väter verlassen. Doch seine Unruhe konnte auch hiervon nicht zurückgehalten werden. Als die Großmutter erkrankte und ihr Ende als gewiß bevorstand, eilte er nach Paris und trat dort zur protestantischen Kirche über. Bei seiner Rückkehr fand er die Großmutter im Sterben. Sie erkannte ihn nicht mehr, und auf ihre Frage, wer da sei? antwortete man, Elije Gans — da erwiderte sie: „Elije Gans mag er sein, aber ganz Elije ist er nicht mehr!" Es waren ihre letzten Worte. Wenn nun Edmund Gans die Religion seiner Väter verlassen hatte, so blieb ihm doch der echte semitische Typus im edelsten Sinne. Von Mittelgröße, beleibt, den schön geformten Kopf umrahmte schwarzgelocktes Haar in großer Fülle, die Augen unter der weißen gewölbten Stirn sprühten Feuer, die Wangen geröthet, der Mund wie von der Muse der Beredtsamkeit eigens gewölbt. Man sah ihm Scharfsinn und Phantasie zugleich an. Ich hörte bei ihm sein Publikum über die französische Revolution und sein Privatcolleg über das Naturrecht. Das erstere hielt er in dem größten Auditorium, und der Zudrang aus allen Ständen, namentlich aus dem Officiercorps, war so groß, daß, da man ihm die Aula nicht gewährte, er das Colleg zwei Mal lesen mußte. Da stand er vor seinem Pulte in freier Haltung, und ließ uns einen unermüdlichen und ununterbrochenen Redefluß, von einem klingenden Organ getragen, vom ersten bis zum Schlußworte vernehmen, der den Hörer in beständiger Spannung erhielt. Scharfe Gedankenblitze durchleuchteten den Dortrag; auch liebte er Gleichnisse anzubringen, die er dann zu konsequent durchführte. Da er ganz frei sprach, so kamen bisweilen etwas weniger geschmackvolle Ausdrücke vor, die eben in ihrer schönen Umgebung um so mehr ausfielen. Sv erinnere ich mich, daß er in der einleitenden Vorlesung die französische Revolution allzu gründlich mit dem Werden und der Geburt eines Kindes verglich und daran die verschiedenen Stadien der Revolution erklärte. Ebenso, aber noch tiefer durchdacht, ging es in seinem Naturrecht. Hier suchte er seine Theorien durch Beispiele aus der Geschichte zu bezeugen, die er freilich zurechtlegte, bis sie paßten. Verließ man seine Vorlesung, so war man voll Bewunderung; fragte man sich aber, was man materiell an Begriffen und an Wiffen gewonnen, so war man nicht sehr befriedigt. — Neben diesen Geistesgrößen hörte ich selbstverständlich noch andere Lehrer, wie Zumpt, eine hochgewachsene Gestalt mit echtem Berliner Dialect, der trotz seines Ciceronianischen Lateins uns in seinen Vorlesungen ebenso langweilte, wie er es mit seiner Grammatik durch seine haar, scharfen Definitionen und Distinctionen auf dem Gymnasium gethan; Friedrich von Raumer, der Geschichtsschreiber der Hohenstaufen, der seinen nüchternen Vortrag dadurch würzte, daß er von den Persönlichkeiten wörtliche Auslastungen und über die Ereignisse Stücke aus den Quellen musivisch einstreute; endlich Henrik Steffens. Zu diesem ging ich mit großer Erwartung, denn seine Romane, z. B. „die vier Norweger", wurden sehr bewundert, besonders von der studirenden Jugend. Aber man war bald sehr enttäuscht; wir erhielten von dem alten Naturphilosophen nur eine Reihe von Paradoxen schlimmster Art. So erinnere ich mich, daß er sagte: das Nordlicht ist eine gefrorene Electricität! oder: die Pflanzenwelt der Erde gleicht einer Palme, deren Krone auf dem Aequator, deren Wurzel auf den beiden Polen ist! Daran hatte ich genug, und blieb fort. — Aber unter den Geistesheroen jener Zeit in Berlin der größte, Alexander von Humboldt? Nun, ich habe niemals den Trieb empfunden, mich an große Männer heranzudrängen. Je Kehr ich mich in ihre Arbeiten und Leistungen versenkte, desto mehr fürchtete ich stets, daß diese bei persönlicher Bekanntschaft zusammenschrumpfen möchten. Humboldt hatte einige Jahre früher jene bewunderten Vorträge gehalten, welche später die Einleitung zu seinem „Kosmos" bildeten. Seitdem hielt er solche nicht mehr. Eines Abends saß ich im Lustgarten, der damals zwischen dem Schloß und dem Museum in einem runden Rasen, von einer Doppelreihe von Pappeln umgeben und mit einigen Bildsäulen berühmter Generale geschmückt, bestand. Von der Ruhebank aus blickte ich auf die theils dunklen und goldumsäumten, theils purpurrothen Abendwolken über dem Zeughaus. Ein stattlicher, älterer Herr, dessen Rücken sich schon ein wenig in die Höhe zog, setzte sich neben mich. Alsbald fing er ungefähr folgendermaßen zu sprechen an: Sie betrachten und bewundern die Abendwolken. Die meisten Menschen wissen nicht, daß diese in den verschiedenen Gegenden der Erde ganz andere Farbentöne, Lichtreflexe und Figurationen zeigen. Und nun schilderte er mit knappen und zutreffenden Worten diese Naturerscheinung im Ural und Kaukasus, in den Appeninen und Pyrenäen, am ausführlichsten in den Anden. Dann stand er rasch auf, wünschte einen guten Abend und ging von dannen. Ich war entzückt. Schon während ich seinen klaren und doch so malerischen Worten lauschte, sagte ich mir: Das kann kein anderer, als Alexander von Humboldt sein. Bald darauf trat ein Bekannter an mich heran, der den Forteilenden noch erblickte und mir meine Vermuthung bestätigte. Es war mir dies ein großer Gewinn. — Nach so vielen ernsten Erinnerungen möchte mich wohl ein freundlicher Leser fragen. Haben Sie in Ihren glücklichen Studienjahren gar kein Rencontre gehabt? Ich hatte