Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1887)
- Date
- 1887-08-04
- Page
- Seite 493 (sequence 13)
- Language
- German
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493 Lachmann, der bedeutende klassische und deutsche Philologe und Kritiker. Schon in seinem Gesichte mit röthlichem Bart- und Haupthaaren prägte sich das Vorherrschen der Ironie aus. Am fühlbarsten ward dies den Mitgliedern seines Seminars. Wehe dem, welchem eine falsche Betonung oder irrige Anwendenng eines griechischen oder lateinischen Wortes entschlüpfte, ein Strom von Spott ergoß sich über den Aermsten, der sich wie vernichtet fühlte. Die Folge war, daß man allmählig seinem Seminar entsagte und dies äußerst gering bevölkert blieb. Dies hinderte natürlich nicht, seinen ausgezeichneten Leistungen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und ich verehrte ihn namentlich, da er uns eine korrecte Ausgabe meines Lieblingsschriftstellers, Lessings, geliefert hatte. — An der Spitze der philosophischen Fakultät im engeren Sinne stand naiürlich Hegel, der zu jener Zeit nicht blos die deutsche Philosophie, sondern auch die deutsche Wisseuschaft beherrschte. Die Schelling'sche Naturphilosophie war bis auf wenige Reste vergessen, und Schelling selbst schwieg seit langer Zeit in seiner Residenz zu München. Hegel war ein Mann von Mittelgröße; seine hohe Stirn von einem Kranze grauer Haare umgeben und seine scharf blickenden Augen sammt den tiefen Falten des Gesichtes bekundeten den großen Denker, der die ganze menschliche Welt in seine Betrachtung zog und in philosophische Formeln brachte. Wenn er seinen Lehrstuhl vor einem bis auf den letzten Platz gefüllten Auditorium bestieg und seinen Sitz einnahm, senkte er das Haupt zum Pulte und sprach in dasselbe hinein. Er begann stets: „Eben — wir sind eben stehen geblieben u. s. w." Dabei hatte er eine octavgroße Schnupftabakdose neben seinem Hefte stehen, deren Deckel seine rechte Hand auf- und znklappte und aus der er gelegentlich eine Prise nahm. Sobald er aber in seinem Vortrage weiter kam und eine interessante Frage berührte, so erhob er das Haupt, seine Rede floß gewaltig, daß man einen alten Propheten zu hören glaubte. Von da ab war man an seinen Vortrag wie gefesselt und lauschte jedem Worte mit Spannung, und zwar mit desto größerer, je öfter seine Aussprüche, namentlich im Augenblick, nicht gefaßt und verstanden wurden. Hatte er geendet und man ging heim, so trug man zwar das Bewußtsein mit sich davon, daß es noch vieler Arbeit bedürfen werde, um den großen Philosophen zu verstehen, noch mehr, um sich ein Urtheil zu bilden; aber man nahm doch eine tiefe Anregung zum Nachdenken und zu ernsterer Betrachtung der Dinge mit sich. — Beiläufig sei bemerkt, daß man in seinem Auditorium Jahr ein, Jahr aus, Heinrich Behr traf, der, ein Vierziger, kein Colleg Hegels seit einem Jahrzehend versäuyrte. Ihm folgte ein Jokey mit einem Portefeuille, denn Heinrich Behr schrieb aufs Eifrigste nach, so oft er auch das Colleg schon gehört hatte, und diese seine Hefte waren später bei der Herausgabe der Hegel'schen Vorlesungen äußerst nützlich. Er war der jüngste Bruder Meyerbeer's, des Componisten, und Wilhelm Beer's, der als Chef eines Bankhauses eifrig die Astronomie trieb und mit Mädler sehr anerkannte Mondkarten herausgab. Heinrich Behr hatte die Hegel'sche Philosophie gewählt, was ihn jedoch nicht vor der Zerrüttung seines Vermögens schützte. — Als dritten Koryphäen habe ich Schleiermacher zu nennen. Ich hatte von ihm nichts als seine Uebersetzung der Werke Plato's gelesen, die mir außerordentlich imponirt hatte, obschon sie in ihrer Trefflichkeit und Gründlichkeit doch der platonischen Anmuth des Stiles entbehrte. Ich hörte bei ihm Psychologie. Der kleine, etwas verwachsene Mann, hatte einen Kopf, wie ich mir den Plato's dachte, voll Geist, aber mit dem Zuge der Schalkheit. Schleiermacher war sehr witzig und man trug sich in Berlin mit vielen Bonmots, die von ihm herrühren sollten. So sagte er einmal: „Als Prediger in der Dreifaltigkeitskirche — die übrigens stets überfüllt war — habe ich ein dreifaches Publikum, die Studenten kommen um meinetwillen, die Damen um der Studenten willen und die Offiziere um der Damen willen." Seine Vortragsweise war platonisch. Er liebte eine recht complicirte Satzbildung, die aber vollkommen schloß. Er stellte einen Satz auf, trug dann die dagegen zu erhebenden Einwände vor, widerlegte diese und kam dann als Schlußfolgerung auf seinen Lehrsatz zurück. Daher spielten die „Wenn, Insofern, Aber, Jedoch" eine große Rolle. Eine imposante Erscheinung war dagegen Savigny, der Begründer der historischen Schule der Jurisprudenz, unter Friedrich Wilhelm IV. Gesetzminister, eine mächtige Gestalt, vornehm und gemessen in Haltung und Rede. Ich hörte bei ihm die Einleitung zu den Institutionen und Pandecten, und er verstand es in dieser, uns ein lebendiges Bild von dem Wesen der Römer, nicht nach ihrer kriegerischen Seite, sondern von ihrem Rechtsleben, ihren Rechtsbegriffen und ihrer Ausgestaltung des Rechts zu geben, daß es sich dem Bewußtsein für alle Folgezeit einpflanzte. Sein Gegner war der Hegelianer Eduard Gans, der sich durch seine Geschichte des Erbrechts in der Gelehrtenwelt großes Ansehen erworben hatte, Träger der philosophisch-juridischen Schule war und damals Vertreter des Berliner Liberalismus. Verweilen wir bei ihm etwas länger. Er war früher ein eifriges Mitglied des von Zunz gegründeten „Vereins für Wissenschaft des Judenthums," hatte in der von diesem herausgegebenen Zeitschrift einige werthvolle Abhandlungen geliefert und sich als ein Bekämpfer des christlichen Proselytismus gezeigt. Aber das Ziel seines Ehrgeizes war eine Professur an der Berliner Universität. Freilich war diese Laufbahn durch das Edikt vom 11. März 1812 den Juden auch in Preußen eröffnet; aber eine Cabinetsordre aus dem Jahre 1818 hatte dieses Zugeständniß widerrufen. So war auch Gans, dem Ab-