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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-08-04 · Heft 31 (4.8.1887) · p. Seite 491

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 31 (4.8.1887)
Date
1887-08-04
Page
Seite 491 (sequence 11)
Language
German
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491 Bonn, 28. Juli. (Literarische Notiz.) Prof. M. Lazarus zu Berlin hat seine „Gesammelten Neben und Vorträge über Juden und Judenthum" unter dem Titel: „Treu und Frei" herausgegeben (Leipzig, Winter, 1887.) Es werden hier sechs Reden noch einmal gegeben, welche schon früher im Druck erschienen sind und fünf, welche hier der Oeffentlichkeit zum ersten Male übergeben werden. Die ersteren sind Reden bei den zwei Synoden — die freilich mehr in den Rahmen dieser Synoden paßten — die Broschüre : „Was heißt national?" und die „Unser Standpunkt," so wie die Broschüre: „An die deutschen Juden," dann die Reden bei Gelegenheit der Mendelssohnfeier und auf Berthold Auerbach. Neu veröffentlicht sind eine Rede auf Michael Sachs, am Sarge Ludwig Traube's, auf Moritz Kohner, auf Frau Bertha Oppenheimer, aus einer jüdischen Gemeinde vor 50 Jahren. Lazarus ist ein guter, bisweilen glänzender Redner. Die Sprachgewandtheit, die Fülle des Wortes und des Ausdrucks, die schöne Satzbildung, manche zutreffende Gleichnisse und geschickt angebrachte Citate, namentlich aus der heiligen Schrift, fesseln die Zuhörer und rufen deren laute Beifallsbezeugungen hervor. Ob aber in diesen Reden neue Gedanken oder Vertiefung alter Gedanken zu finden seien, ist eine andere Frage, die wir heute unbeantwortet lassen, weil uns Lazarus gewissermaßen in eine Parteistellung ihm gegenüber hineingedrängt hat. Die Reden und Vorträge sind mit einem Anhang versehen, d. h. mit ausführlichen Anmerkungen, in welchen sich leider ein Ton der Erbitterung geltend macht. Auch hier hat Lazarus die Mahnung des alten Spruchredners: «Es lobe dich ein anderer, und nicht dein eigener Mund!" außer Acht gelassen. Er bezeichnet sich als «Treu und Frei," er habe „ein Martyrium für die Juden übernommen," er habe Tag und Nacht zum Heile der Juden gedacht und gearbeitet u. s. w. Nun, wir sind die Letzten, die dem Prof. Lazarus recht viel Verdienstliches absprächen. Wenn er aber thut, als ob er der Einzige wäre, der für das Judenthum gewirkt und seine Kräfte verwendet habe, wenn er allen anderen Mitarbeitern Mangel an Ausdauer, an Uneigennützigkeit, an wahrhafter Hingebung an die Sache vorwirft, so ist dies eine Selbstüberhebung und eine Ungerechtigkeit, die dem Manne nicht zur Zierde gereicht. Lazarus ist erbittert, zuerst weil die Synode nicht wieder zu Stande gekommen. Er sieht darin eine Vertagung des Reformwerkes, einen Abbruch der reformatorischen Thätigkeit und wirft nun mit Vorwürfen darüber um fich. Er ist damit völlig im Jrrthum. Wer die Geschichte des Judenthums kennt, weiß, daß eine Reform desselben stets das Werk einer Entwickelung in längeren Zeiträumen war, niemals das Werk einzelner Männer und einzelner Versammlungen. Eine Reform im Judenthum war und ist stets ein Produkt der Cultur und des Bedürfnisses aus dem Volle heraus gewesen, hat gekeimt und sich allmälig gezeitigt. So war es mit der großen Reform durch den Prophetismus und mit der durch den Talmudismus. Selbst unser altes Gebetbuch ist das Produkt eines Jahrtausends. Die neuere Reform des Judenthums hat mit den zwanziger Jahren angefangen und ist durch unermüdliche Arbeit Vieler und durch die Empfänglichkeit der Menge immer fortgeschritten und wird sich mit der Zeit ausgestalten. Die beiden Synoden, wenn man fie mit den Resultaten der vier Rabbiner-Versammlungen vergleicht, haben wenig Resultate geliefert, die erste nur wiederholte Verhandlungen über längst entschiedene gottesdienstliche Reformen,, die zweite meist über indifferente Dinge, wie Formeln bei der Trauung ff. Der Gedanke der Synode war stets ein bestrittener und wurde auf der Kasseler Rabbinerversammlunq nur mit 13 Stimmen unter Geiger's Führung gegen 12 Stimmen, die mit dem Schreiber dieses votirten, beschlossen. Nachdem der Beschluß einmal gefaßt war, unterzogen wir uns demselben nach unserem Grundsatz, Alles zu fördern, was Leben im Judenthume zu wecken verspricht, und nur durch unsere Anstrengungen kam die erste Synode zu Stande. Aber schon diese erste erwies uns, daß dieses Institut nicht lebensfähig sei. Warum? werden wir ein anderes Mal erörtern. — Noch viel bitterer ist Lazarus' Stimmung durch die Berliner Vorgänge. Daß er als Nationalliberaler stimnite und agitirte, war seine persönliche Freiheit und Niemand konnte ihm daraus einen Vorwurf machen. Aber dieselbe Freiheit muß er auch Anderen zugestehen, es verwerflich zu finden, einen Aufruf zu Gunsten eines entschiedenen Antisemiten zu unterschreiben und die deutschen Juden aufzufordern, Antisemiten zu wählen, sobald sie der Cartellpartei angehören. Und da auch wir uns dies erlaubten, schlägt er einen unerhört bitteren Ton gegen uns an. Er erklärt dies als aus „Rachsucht und Eitelkeit" geschehen. Wohl, wir fordern Jedermann auf, uns aus unserem langen - Leben auch nur eine That der Rachsucht nachzuweisen! Eitelkeit! wir leben seit 25 Jahren in engster Zurückgezogenheit, in der Familie und im kleinen Freundeskreise; wir haben uns niemals vor- und eingedrängt, niemals nach Ehrenämtern gestrebt, sind niemals umhergereist, uns Ovationen bereiten zu lassen, wir drängten uns niemals in die Oeffentlichkeit und haben vielfache Gelegenheit hierzu unbeachtet gelassen, seit 15 Jahren wohnten wir keiner öffentlichen Versammlung an und hielten keine öffentlichen Reden — wo liegt da Eitelkeit bethätigt?! Was wählt nun Lazarus, um uns mit Schmähungen zu überhäufen? Es war in Berlin unter Lazarus ein Comits zum Kampfe gegen den Antisemitismus zusammengetreten. Es bestand mehrere Jahre und gab kein einziges Lebenszeichen von sich. Da beschlossen wir, da der Antisemitismus immer stärker und erfolgreicher auf-

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