Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1887)
- Date
- 1887-08-04
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
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485 gegenüber; jede von ihnen erklärt, allein im Besitz des wahren Christenthums zu sein und verketzert alle anderen. Danken wir es der entwickelten Cultur, daß die weltliche Macht jenen ihren bewaffneten Arm zu blutiger fanatischer Verfolgung der anderen entzogen hat; aber der Geist der Zwietracht und des ununterbrochenen Streites ist noch heute nicht gewichen. Haben sich doch erst jüngst, so weit geht die Spaltung bis ins Kleinliche, die anglikanische und die Preußische Kirche nicht einmal über die Wahl eines Bischofs zu Jerusalem einigen können, und jede derselben will einen eigenen Bischof nach der h. Stadt senden. Dabei ist endlich nicht zu vergessen, daß der Unglaube dem kirchlichen Christenthume gegenüber sich weit verbreitet hat und, wie es scheint, sich immer weiter ausdehnt. Aber zugestehen müssen doch selbst die eifrigsten Anhänger des Christenthums, daß von vornherein eine „Erfüllung" desselben nicht gedacht werden kann, wenn nicht alle diese Kirchen und Serien ihre Verschiedenheiten aufgegeben und sich zu einem Christenthume vereinigt haben. Daß hierzu noch lange keine Aussicht ist, ist selbstverständlich. Wie aber wagt man es, von den Juden einen Anschluß an das Christenthum zu fordern oder vorauszusetzen, wenn man ihnen nicht einmal eine unbestrittene, in sich selbst geeignete Lehre anzubieten hat?! Sucht man nach einer Erklärung, wie jene Theologen zu dem Dogma von der „Erfüllung" des Christenthums durch das Aufgehen des gesammten jüdischen Stammes in dasselbe gekommen seien, so ergiebt sich uns.folgender Aufschluß. Es sind dies Männer, welche mit gleicher Liebe und Glaubensfestigkeit das alte und das neue Testament — wir bedienen uns dieser Bezeichnung der Kürze wegen, obgleich wir sie nicht billigen — umfassen; sie halten fest an dem Ausspruch Jesu von der ewigen Gültigkeit Mose's und der Propheten, die freilich vom späteren Christenthum äußerst eingeschränkt worden; sie sehen im neuen Testamente an mehreren Stellen die Juden als das auscrwählte Volk Gottes gepriesen und an die Spitze der Völker gestellt; sie halten sich an die Aussprüche der Propheten, die sie möglichst buchstäblich verstehen und die sie deshalb für unzweifelhafte Weißsagungen anerkennen. Hat es doch den Schein, als ob Anfangs die Urheber des Christenthums die neue Botschaft auch nur an die Juden gerichtet glaubten und erst später sich zu der Nothwendigkeit bestimmten, „unter die Heiden zu gehen und zu lehren." Das war allerdings «ne Nothwendigkeit, da das Christenthum unter de» Juden derhältnrßmäßig nur geringe Anhänger fand, so daß es, wenn es auf die Juden beschränkt geblieben, nur als eine kleine jüdische Secte fortexistiren konnte. Ging man aber nun zu den Kreisen der Heiden, so war man auch genöthigt, fremde Elemente in den vom Judenthum übernommenen Grundstock hineinzubringen, wodurch man wiederum dahin gelangte, daß eine Verbindung zwischen dem Judenthume und dem so ausgestalteten Christenthume zur Unmöglichkeit ward. Wir haben dies schon wiederholt erörtert'). Die Veranlassung zu obiger Besprechung gab uns eine Schrift: „Die Zerstreuung des Volkes Israel" von (Pfarrer) Wilhelm Pressel (Heilbronn, Henninger, 1887), von welcher das erste Heft erschienen ist, das „den Charakter dieser Zerstreuung" behandelt. Die vier folgenden Hefte sollen das Factische aus der Geschichte dieser Zerstreuung bringen. Wir hielten es für ungerecht, wenn wir über diese Arbeit, soweit sie uns in der ersten Lieferung vorliegt, absprechend urthcilen wollten, wenn wir auch den Hauptgedanken, wie wir ihn oben auseinandergesetzt, zurückweisen müssen. Der Berf. bringt ein so warmes Herz, eine so aufrichtige Theilnahme an dem Geschicke des jüdischen Stammes uns entgegen, daß wir ihm dafür nur Anerkennung und Dank schulden. Er hat sich von vielen Vorurtheilen frei gemacht und verurtheilt nachdrücklich jede Mißachtung, jede Gehässigkeit, jede Verfolgung und bedauert sie tief, wo sie, wie so häufig, auf den Blättern der Geschichte als dunkle Flecken erscheinen. Er kennt nicht blos diese Geschichte genau, sondern auch die wirlliche Beschaffenheit der gegenwärtigen Juden, die er, wie er sagt, aus eigenem Umgänge kennen und schätzen gelernt. Er verfolgt jene Geschichte, und weist, auf dem Wege, den der sel. Schleiden geebnet hat, gehend, die großen Verdienste nach, welche sich während des Mittelalters die Juden um die mohammedanische und um die christliche Welt erworben haben. Er geht noch weiter und erkennt diese Verdienste nicht blos in der Wissenschaft und im Handelsverkehr an, sondern glaubt auch, daß von den Juden ein sittlicher Einfluß, eine culturelle Wirksamkeit auf die rohen Völker ausging, welche sich auf den Trümmern der antiken Welt niedergelassen hatten. So geht er bis zur Gegenwart vor, widerlegt die Beschuldigungen und Vorwürfe, die man gegen die heutigen Juden ins Feld führt, und meint selbst, daß auch gegenwärtig die Christen von den Juden in sittlichen Beziehungen noch Vieles lernen können und lernen. Ueber alles dieses müssen wir auf die Schrift selbst verweisen, in welcher freilich über das jüdische Ceremvniell mancher kleiner Jrrthum sich eingeschlichen. Sein Hauptzweck ist die krasse Vorstellung von dem göttlichen Fluche, der auf den Juden ruhe, zu beseitigen. Natürlich ist er als strenggläubiger Christ durch das neue Testament selbst genöthigt, an einen Fluch zu glauben, welcher die Zerstreuung des Volkes Israel bewirkte. Aber als ein göttlicher Fluch sei er auch zugleich ein Segen. Es habe die Zerstreuung sowohl den Juden, wie auch den anderen Völkern, ebenso zum Segen gereicht. Der trotz allen Stürmen unangetastete Bestand dieses Volksstammes sei an sich 1) So schon 1847 in unseren Vorlesungen „Ueber die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthume, Christenthume und Islam".