Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1887)
- Date
- 1887-08-04
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Joab 1× ep/1005321
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484 die Rede ist, und wo das Ganze nur als ein Blendwerk jener Zauberin erscheint, ein Blendwerk, das bei der Gemüthsstimmung Sauls ein Leichtes war. Ganz falsch ist ferner, was er von der Bedingung der Erbbegräbnisse sagt. Der Ausdruck „zu seinen Vätern" oder „zu seinen Völkern" (Stämmen, Geschlechtern) versammelt werden, hat mit dem Erb- oder Familienbegräbniß gar nichts zu thun. Dies hätte Herr Stade aus zwei Stellen des Pentateuchs ersehen können: 1. Mos. 15, 15 und 4. Mos. 20, 24. An der ersteren Stelle soll Abraham zu seinen Vätern in Frieden kommen, während er doch in der Höhle Machpelah begraben wird, seine Väter aber viele hundert Meilen entfernt in Haran und Ur beerdigt waren. An der zweiten Stelle wird Aron zu seinen Völkern gesammelt und doch auf der einsamen Spitze des Berges Hör begraben. Beide Stellen erweisen demnach, daß das Sammeln zu den Vätern, wie es im Schrifttext ausdrücklich vom Begrabenwerden unterschieden wird, mit dem Erbbegräbniß in keiner Verbindung steht, sondern das sich Gesellen des abgeschiedenen Geistes zu denen der Väter bedeutet. Nicht minder auffällig ist es, wenn Stade das einfache Wort Jakobs, daß er, durch den Verlust seines Sohnes tief betrübt, in Kummer sterben werde, so auslegt, daß Jakob fürchtete, in der Unterwelt nun für immer in solchem Kummer zu existiren. Ebenso die Anweisung Davids | an Salomo, Joab, auf welchem so arge Blutschuld lastete und der dem Salomo äußerst gefährlich werden konnte, zu bestrafen und aus dem Wege zu räumen, in dem Sinne gemeint sei, daß, wenn Joab an seinen Wunden stürbe, er in der Unterwelt für immer diese schmerzvollen Wunden haben werde! Wir glauben an diesem Beispiele hinreichend gezeigt zu haben, wie willkürlich, ja oft abenteuerlich die Auslegungsweise Stade's ist, und wie unzuverlässig deßhalb seine Darstellung der Einzelheiten. Wie gesagt, um so willkommener war uns seine allgemeine Betrachtung über das Volk Israel. Eine christlich-theologische Ansicht. Es ist nicht unsere Absicht, heute besonders hervorzuheben, daß Judenthum und Juden unter den christlichen Theologen recht viele eifrige Gegner haben, die bei Gelegenheit es sogar als ihres Amtes erachten, sich uns feindlich gesinnt zu zeigen. Die Erfahrungen, die wir während des Aufblühens des Antisemitismus zu machen hatten, gaben uns in Deutschland wie in Ungarn viele recht betrübende Beweise, wie Geistliche, katholische wie protestantische, zu den heftigsten Förderern dieser Hetzereien gehörten. Aber es wäre ungerecht und einseitig, wenn wir nicht auch betonen wollten, daß in den zahlreichen Reihen christlicher Geistlichen sich auch wohlwollende, menschenfreundliche, von echter Liebe und Religiösität beseelte Männer befinden, welche uns, wenn auch keine Vorliebe, doch eine gerechte Würdigung entgegenbringen. Ganz besonders eigenthümlich hat sich aber unter den prvtestantischen Theologen eine kleine Schaar gesammelt, welche als ein besonderes Dogma aufgestellt hat: das Christenthum würde erst dann „erfüllt" werden, wenn das gesummte jüdische Volk sich ihm angeschlossen haben werde. Erst dann sei das Christenthum „erfüllt" und das Reich Gottes beginne. Hieran halten diese Männer mit Entschiedenheit fest. Es ist verständlich, daß von den getauften Juden solche, welche sich mit einer gewiffen Ueberzeugung zu ihrem neuen Glauben bekannt haben, zu einer solchen Meinung gelangten; sie betrachten sich als den eigentlichen Kern der Christenheit und hegen so mit geheuchelter Demuth einen starken geistlichen Hochmuth. Aber es giebt auch, namentlich unter den Lutheranern, Theologen, die dieser Fiction anhängen, und zwar recht gelehrte. Daß diese gegen Judenthum und Juden ein echtes Wohlwollen hegen und gern an ihnen Tugenden und Vorzüge erkennen, ist einsichtlich: sie gelten ihnen noch heute als die auserwählten Werkzeuge Gottes, die für die Zukunft noch unentbehrlich sind. Sie treten deßhalb, wo es nöthig; ist, für die Juden ein, und wir brauchen den hochverdienten Professor der christlichen Theologie nicht erst zu nennen, der sich in den letzten Kämpfen gegen Lüge und Verleumdung so große Verdienste erworben hat. Daß diese Herren mit ihrem Wohlwollen doch die Bekehrungssucht verbinden und das Missionswerk unter den Juden, jedoch in ehrlicher Weise betreiben, liegt im System selbst. Nannte doch auch Delitzsch sein diesem Zwecke und dem oben angeführten Dogma gewidmetes Blatt: „Saat auf Hoffnung". Allerdings werden diese Männer sich gerade so hinsichtlich der Erreichung ihres vorausgesetzten Zieles in Geduld und Zuwarten üben müssen, wie wir Juden es seit so langer Zeit mit der Erscheinung des Messias oder dem Eintritt der messianischen Zeit thun. Denn hier erhebt sich als erste Frage: was und wo ist das Christenthum? Hierüber muß man sich doch klar sein, wenn man dasselbe prüfen, es verwerfen oder annehmen soll. Die Christenheit ist in eine große Zahl größerer oder kleinerer Kirchen oder Secten gespalten; da besteht die so viele Millionen umfassende römisch-katholische und die den ganzen Osten beherrschende griechisch-katholische Kirche, von denen die erstere wohl noch den Boden zu mannigfaltigen Spaltungen abgeben wird, die letztere bereits viele Dutzende von Secten neben sich hat; dann die protestantische Kirche, welche in sehr namhafte, von einander geschiedene Kirchen und Secten zerfallen ist, und Unitarier, Mennoniten, Wiedertäufer u. s. w. auf sich hat. Alle diese Kirchen und Secten haben nicht allein wesentliche Verschiedenheiten, sondern stehen sich feindlich