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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-08-04 · Heft 31 (4.8.1887) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 31 (4.8.1887)
Date
1887-08-04
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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m "der Gesammtauffassung sehr verschieden von ihren Vorgängerinnen ist, zeitweise viel Anerkennung findet, um nach verhältnißmäßig kurzer Zeit wieder vergessen zu werden. Die Frage, woher diese Verschiedenheit, da doch Gegenstand und Material dieselben verbleiben, läßt sich unschwer beantworten. Sie kommt aus der jetzt üblichen Kritik der heiligen Schrift, welche nicht blos die Bücher derselben in der willkürlichsten Weise zerreißt und wieder zusammenschmiedet, sondern auch jedes einzelne Ereigniß anzweifelt, bearbeitet, und in der mannigfaltigsten Weise ausbeutet. Da verfährt dann Jeder, der eine Geschichte des Volkes Israel schreibt, nach sehr abweichenden Grundsätzen und individuellen Meinungen und bringt so ein eigenthümliches Produkt zu Stande. Mit der Zeit fällt natürlich diese Methode in Mißkredit, und die unbefangenen Geister kehren zu den einfachen Berichten der heiligen Schrift wieder zurück und lassen sich hier lieber einige Unzukömmlichkeiten und Widersprüche gefallen, als sich so aus der Geschichte von jedem Autor ein willkürliches Präparat bereiten lassen zu wollen. In jüngster Zeit ist nun das Ende des ersten Theiles von Stade's Geschichte des Volkes Israel mit der 127. Abtheilung des Oncke'schen Werkes den Lesern geliefert worden. Uebersehen wir nun diesen ersten Theil, so bestätigt sich uns das Urtheil, das wir über den Anfang desselben, Jahrg. 1882, S. 36 gegeben haben. Auch in dieser Lieferung, welche die Könige behandelt, ist die willkürlichste Bearbeitung des einzelnen Stoffes, sind die individuellsten Meinungen vorgetragen, so daß wir das ganze Werk, namentlich für das gebildete Publikum, als verfehlt ansehen müssen. Um nicht einseitig zu urtheilen, haben wir uns an den einen und den anderen Geschichtsforscher gewendet, und lediglich eine Bestätigung unserer Meinung erhalten. Aber gerade deßhalb ist uns das allgemeine Urtheil des Verfassers über das Volk Israel von Wichtigkeit, so daß wir es aus den oben erörterten Gründen an dieser Stelle zu reproduziren uns gedrungen fühlen. Würde der Vers, keine solche, oft willkürliche und zerstörende Kritik geübt haben, würde er mit Vorliebe an der biblischen Darstellung und an der herkömmlichen Erklärung sich gehalten haben, so würde seine allgemeine Auffassung uns weniger bedeutsam erschienen sein. Hier haben wir aber ein Ergcbniß aus einer sehr kritischen Behandlung des Stoffes; sie kann also nicht durch Vorurtheil und Vergunst bestimmt sein. Dies wollten wir besonders hervorheben. Der Verfasser sagt: „Israel ist immer ein kleines, geringes Volk gewesen, das auf engem Raume zusammengesessen und für die politische Geschichte des Orients niemals von besonderer Bedeutung gewesen ist. Und dennoch fesselt uns seine Geschichte ganz anders als die jener alten Völker, welche freilich in ihren gewaltigen Reichen eine der großartigsten Ideen der Menschheit, die Idee der Weltherrschaft, des Weltreiches, zu realisiren strebten.' Es hat auf den Verlauf der gesammten Menschheitsgeschichte einen weit größeren Einfluß gewonnen, als Griechen und Römer; es ist für uns in weit mehr Beziehungen vorbildlich geworden als diese. Unser heutiges Denken und Fühlen, sagt Prof. Bernhard Stade, unser Thun und Treiben wird bei Weitem mehr beeinflußt von der Gedanken- und Gefühlswelt, welche Israel erzeugt hat, als von der Roms und Griechenlands. Unsere gesammte heutige Cultur ist tief durchsättigt mit Richtungen und Trieben israelitischer Herkunft. Prof. Bernhard Stade erklärt dies •— wie dies ja auch von keinem Gebildeten mehr bestritten wird — daraus, daß sich in Israel eine Seite menschlichen Wesens zu größter Vollkommenheit entwickelt hat, welche von viel allgemeinerer Bedeutung für die Menschheit ist, als Kunst und Wissenschaft, Rechtsleben und Philosophie. Während in Hellas aus der Mythologie sich die Philosophie und damit mittelbar die Wissenschaft entwickelt, folgt in Israel auf die mythologische Epoche die der Religion. Und zwar ist Israels Religion in weit höherem Maße noch die werdende Religion der Menschheit schlechthin als die Philosophie der Griechen deren werdende Philosophie. Stade meint mit Recht, daß Israel ohne Zweifel auf dem Gebiete der Religion viel epochemachender, einzigartiger, gewaltiger aufgetreten sei als auf dem Gebiete des Staates die Römer, auf dem der Kunst und Philosophie die Griechen. Während die Culturvölker, bei welchen römisches Recht Eingang gefunden, sich in steigendem Maße von dem Banne römisch rechtlicher Gedanken zu befreien streben, während die Reste hellenischer Kunst und Wissenschaft nur eine auserwählte Gemeinde aus diesen Culturvölkern begeistern und die von den Hellenen geschaffene Philosophie von der Religion einerseits und der immer weitere Gebiete erobernden Wissenschaft andererseits in immer engere Grenzen gebannt wir», umfaßt die Religion alle Kreise des Volkes, vom Könige bis zum Bettler, strebt sie in steigendem Maße darnach, alle Völker der Erde zu umfassen. Religion ist auch bei uns noch ein Gegenstand viel allgemeineren Interesses als Kunst und Wissenschaft und alle Einrichtungen des Staates. Die geistigen Züge der heutigen Menschheit europäischer wie mohammedanischer Cultur sind wesentlich ein Produkt der in Israel entstandenen monotheistischen Religion. Man kann, fährt der Verfasser fort, die Einwirkung israelitischer Gedanken auf die heutige Menschheit an keinem Beispiel besser verdeutlichen, als wenn man sich der Bedeutung erinnert, welche die religiösen Gestalten des alten Israel für unser Volk haben. Für die Masse unseres Volkes ist die biblische Geschichte die Geschichte überhaupt. Bon Abraham, Jsaac, Jacob, von Saul, David Salomo, von Samuel und Elias weiß sie mehr als von den Heroen ihrer eigenen Geschichte; empfindet sie ganz im Gegensatz zu deren Nachkommen, welche es nicht mit den

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