Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 30 (28.6.1887)
- Date
- 1887-06-28
- Page
- Seite 478 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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478 zutheilen, da ich sehe, daß Sie auf diesem Felde gut Bescheid wissen." Man kann denken, in welcher freudigen Erregung ich den hochgeehrten Mann verließ, daß er von mir ein Urtheil über eine Abhandlung in den Memoiren der Academie fordere! Ich machte mich eifrig darüber her. Den Gegenstand bildete eine Stelle in den Problemen des Aristoteles, in welcher gesagt wurde, daß es in Pontus ein Metall gebe, „keltisches Zinn" genannt, das so leicht schmelzbar sei, daß es in oben gefrierendes Wasser getaucht, schmelze. Erman meinte nun, daß es von vornherein nicht unmöglich sei, denn da beim Gefrieren latente Wärme frei werde, so könnte ein ganz feines Gemisch wie das Newton'sche oder Rosen'sche immerhin etwas Schmelzung erfahren. Er experimentirte nun längere Zeit, wobei er mancherlei nicht unbedeutende Beobachtungen machte, aber selbst mit den feinsten Instrumenten keine Spur von Schmelzung fand. Nun, die von ihm gemachten Beobachtungen waren die Hauptsache. Doch hatte er die Bemerkung gemacht, daß die Stelle bei Aristoteles die einzige wäre aus dem Alterthum, in welcher dieser Sache Ertvähnung geschehen. Dies fiel mir beim Lesen aus, und ich erinnerte mich bald, doch anderweitig darüber gelesen zu haben. Ich suchte noch und fand zwei Stellen, die eine bei Plutarch „über das erste Kalte", der anderen erinnere ich mich jetzt nicht mehr. Aber noch mehr, aus diesen Stellen ging hervor, daß die Worte bei Aristoteles incorrect seien, und ein „man sagt" an eine falsche Stelle gekommen war, so daß das Ganze als eine Fischersage erschien. Alsbald nahm ich die betr. Bücher unter den Arm, ging zu Professor Erman und zeigte ihm die von mir gefundenen Stellen. Er ward davon sehr erregt und rief seinen Sohn Paul Erman, der damals gerade von seiner bekannten Nordpolfahrt zurückgekommen war, herbei, und sprach: „Siehst Du, wenn man nicht Alles gelesen hat, muß man auch nicht darüber schreiben!" Er dankte mir herzlich, verhieß, die Sache der Academie vorzutragen und mich dabei lobend zu nennen — ob dies wirklich geschehen, weiß ich nicht — und versicherte, daß es ihm Vergnügen machen würde, mir einmal dienen zu können. Dies griff ich sofort auf, und ersuchte ihn um ein Allgemein-Cavet bei der K. Bibliothek. Hier mußte nämlich der Student für jedes einzelne zu entleihende Buch ein von einem Professor unterschriebenes Cavet einliefern. Man pflegte einen gedruckten Bogen mit 12 solcher Cavets zu einem Professor zu tragen, der sie alle einzeln unterschrieb. Dies war eine lästige Procedur und beschränkte die Zahl der Bücher, die man entleihen konnte, da man ja nicht allzu oft einen Doeenten belästigen konnte. Ein Allgemein-Cavet enthob aller dieser Belästigung, und man konnte dann auf seinen eigenen Namen so viele Bücher erhalten, wie man wollte. Prof. Erman nahm mein Gesuch freundlichst auf und stellte mir sogleich eine solche Urkunde aus. Nun, sein Vertrauen wurde in keiner Weise getäuscht, und ich war so glücklich, bisweilen an 50 Bücher aus der Bibliothek in meiner Wohnung zu haben. — Eigenthümlich war es, daß neben einem unbegrenzten Wissensdrang, der mich die heterogensten Studien und Arbeiten vereinigen ließ, frühzeitig ein gewisser practischer Trieb sich bei mir bekundete, ohne daß er, wie natürlich, damals einen Spielraum sich gewinnen konnte. So kam ich auf den Gedanken, eine systematisch geordnete Chrestomatie aus den griechischen Philosophen für die Prinia der Gymnasien zu arbeiten, wie es schon eine solche für Cicero gab. Ich legte den Plan dazu dem damals im Unterrichtsministerium allmächtigen Gcheimrath Johannes Schulz vor. Seinem Aeußeren nach war er ein Mann von Mittelgröße mit einem Gesicht, das ebenso viel Intelligenz wie Energie und Freundlichkeit ausdrückte, aber durch einen starken Kropf entstellt war. Er versprach mir, die Sache in Erwägung zu ziehen, dabei verblieb es. Ein anderes Mal kam ich auf den Gedanken, für das philologische Gebiet, den ich zwanzig Jahre später im „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" — diesen Titel, beiläufig bemerkt, mußten wir wählen, um das Wort „Verein" zu vermeiden, das ihm in der damaligen Reaktionszeit von vornherein mehrere große Staaten verschlossen hätte — zur Ausführung brachte. Es sollten für ein gewisses Abonnementsgeld jährlich den Abonnenten eine Anzahl neuer philologischer Werke geliefert werden. Die gesammte Einnahme, nach Abzug der geringen Verwaltungskosten, sollte auf die Herstellung dieser Werke verwendet werden. Die Wahl der zum Drucke bestimmten Manuscripte hätte ein Comite sachkundiger, namhafter Männer zu bestimmen. Alles war schon vorbereitet, und ein junger, strebsamer Buchhändler war bereit, die Sache zu betreiben und die ersten Auslagen zu bestreiten. Aber das Comite! Berlin besaß Männer genug, welche zu diesem Amte befähigt waren. Einzeln angegangen, zeigten sie sich der Sache günstig. Aber sobald es galt, ein Comits zu bilden, zogen sie sich zurück. So scheiterte dieses Unternehmen. — Jndeß müssen meine freundlichen Leser nicht glauben, daß meine sonst so glücklichen Studienjahre ganz glatt verliefen. Zuerst erkrankte mein talmudischer Mentor. Auf mein Betreiben verbrachte man ihn aus der Spellunke seiner Schlafstelle in das jüdische Krankenhaus. Ich besuchte ihn mehrere Male und brachte ihm einige Erfrischungen. Als ich nach einem längeren Zwischenräume wiederkam, war er entlassen und nicht wieder aufzufinden. Wahrscheinlich war er nach einem kleineren Orte gewandert, wo es ihm besser gehen konnte als in Berlin. Durch einen Bekannten fand ich einen anderen Talmudlehrer, der sich von dem früheren sehr unterschied. Während jener nicht die Ruhe besaß, längere Zeit bei einem Gegenstände zu verweilen und deshalb über Vieles oberflächlich dahinglitt, >var der zweite ein Mikrologe,