Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 30 (28.6.1887)
- Date
- 1887-06-28
- Page
- Seite 479 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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479 der jeden Gegenstand bis zum Aeußersten verfolgte. Es war mir dies ganz recht, da ich bereits eine übersichtliche Kunde erworben hatte, nunmehr ins Detail eingeführt ward und doch selbst die Befähigung besaß, Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Der Mann blieb mir treu, bis ich Berlin verließ und stand noch später mit mir in Correspondenz, da er sich in Berlin einen etwas vortheilhafteren Wirkungskreis verschafft hatte, vielleicht eben wegen seiner Miniaturarbeit. — Dann aber erkrankte ich selbst. Eine hartnäckige Unterleibsschwäche hatte mich betroffen, wie man meinte, von öfteren Nachtarbeiten herrührend. Keine ärztlich Hilfe schlug an. Ich ging in die Ferien zur Mutter, die mich sorgfältig Pflegte, ohne daß das Uebel wich. Ich wurde so schwach, daß ich mich kaum vom Stuhle erheben konnte, und man glaubte, es werde eine Unterleibsschwindsucht sich daraus entwickeln. Dabei war aber mein Geist so frisch und thätig, daß ich, da ich ernste Studien vermeiden wollte, ein Drama zu schreiben unternahm, „Robert Bruer, König von Schottland." Endlich meinte ich: sollst du sterben, so willst du es auf dem Felde der Ehre, d. h. auf der Universität thun, und kehrte nach Berlin zurück. Hier kurirtej mich meine — Wirthin durch Hausmittel. Mit meinem etwas starken Muthe sandte ich das Drama an die königliche Theaterintendantur ein. Der allmächtige Beherrscher des königlichen Schauspielhauses war damals der Hofrath Ernst Raupach, dessen Dramen und Comödien fast allein aufgeführt wurden und jetzt vergessen sind. Ich machte ihm meine Aufwartung. Sein Aeußeres verrieth nichts Außerordentliches. Ein kleiner dürrer Mann mit markirtem Gesicht und stechenden Augen. Er nahm mich höflich, aber sehr kühl auf und wollte mein Manuscript noch gar nicht gelesen haben. Einige Tage darauf erhielt ich ein Schreiben der Intendantur, welche das Manuscript zurückschickte, aber mich ausforderte, das nächste Kind meiner dramatischen Muse wieder einzureichen. Das Neckische hierbei war nun, daß ein viertel Jahr später vom Kgl. Schauspielhause ein Drama des Hofraths Ernst Raupach „Robert Bruer, König von Schottland" aufgeführt ward. Offenbar hatte sich Raupach des Gegenstandes meiner Dichtung bemächtigt und wohl auch in der Behandlung nicht wenig entlehnt. Das Stück fiel aber durch unb wurde nicht wiederholt, und da es auch niemals gedruckt erschien, konnte ich eine Vergleichung nicht anstellen, also auch jenem Herrn wegen Plagiats nicht zu Leibe gehen. So etwas war auch nicht nach meinem Sinn, denn zu einer Polemik fühlte ich mich doch in meiner bescheidenen Stellung nicht geeignet, und außerdem hatte ich derartiges schnell vergessen, nachdem wir im Freundeskreise herzlich darüber gelacht. (Schluß folgt.) Vermischtes. Ein Vorhang aus dem Tempel zu Jerusalem. Pausanias, der berühmte griechische Reisende, beschreibt 5, 12, 8. einen prächtigen Vorhang, verziert mit Phönizischem Purpur, der die Statue des Zeus in Olympia von dem übrigen Tempelraum schied, und, wenn er gesehen werden sollte, in die Höhe gezogen wurde. Dieser Vorhang sei ein Geschenk des syrischen Königs Antiochus IV. gewesen. Der bekannte Palästinaforscher Clermont Ganneau stellte nun die Vermuthung auf (?al68tin6 Exploration Fund, April 1887, S. 79), daß dieser Vorhang von Antiochus nach der Einnahme Jerusalems 168 aus dem Tempel genommen und dem Zeus in Olympia, dessen eifriger Verehrer er war, geschenkt worden sei, und der Vorhang vor dem Allerheiligsten gewesen. An sich steht dieser Vermuthung nichts entgegen, aber ein bestimmter Beweis läßt sich auch nicht führen. Professor Herrmann. Die Wittwe des kürzlich verstorbenen Professors Herrmann, Frau Rosalia Herrmann, veröffentlicht als Antwort auf die zahlreichen Mittheilungen über die geheimnißvolle Herkunft Herrmann's Folgendes: „Mein Mann wurde in Patesen, im damaligen Königreich Hannover, geboren; seine Eltern waren weder Polen noch Russen, sondern aus Altona bei Hamburg. Sein Vater war ebenfalls Prestidigitatenr, sowie der seit vielen Jahren verstorbene ältere Bruder. Der Vorname Compars war sein wirklicher Vorname. Professor Herrmann, dessen Namen ich mit Stolz trage, hat seine erste Reise nach Amerika im Jahre 1858 unternommen, als er schon im größten Theile Europas berühmt war. Im Jahre 1865 ist er österreichischer Staatsbürger geworden; seit dieser Zeit nannte er sich mit Vorliebe einen Wiener, weil er Oesterreich wie ein zweites Vaterland liebte und hier seinen Wohnsitz nahm, da ihm die Stadt besser als jede andere gefiel. In Wien wie überall zählte er in allen Kreisen der Gesellschaft zahlreiche Freunde, die auch mich mit den aufrichtigsten Sympathien beehrten, als ich ihn, den mir der Himmel entrissen hat, beweinte, wie ich es noch heute thue. Was mich betrifft, so bin ich nicht in Gibraltar geboren, sondern in Paris und heiße mit dem Familiennamen Erneste Levi."