Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 30 (28.6.1887)
- Date
- 1887-06-28
- Page
- Seite 476 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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476 neu. Die Alkoholsucher dringen namentlich bei den Ankömmlingen aus Europa in die Häuser und spioniren nach geistigen Getränken, wie ehemals die sog. Kaffeeriecher während der napoleonischen Continentalsperre. Einige jüdische Hitzköpfe haben den Vorschlag gemacht, daß die Juden gegen die ihnen trotz abweichender religiöser Anschauung aufgedrängte strenge Sonntagsruhe gemeinsam protestiren sollten. Dies wäre sehr unklug. Denn helfen würde es garnichts, andererseits aber die Aufmerksamkeit, und zwar keine rvohlwollende, auf die Juden wenden, was auch in diesem Lande nicht ungefährlich ist. Hört man doch, wenn von dieser Ungerechtigkeit gesprochen wird, schon jetzt einwenden: wie? Ihr wollt Gleichheit vor dem Gesetze, und nun verlangt Ihr eine Ausnahme von der Geltung des allgemeinen Gesetzes? Es ist dies ein Sophismus, denn da die Sonntagsruhe eine geistliche Einrichtung ist, so kann das sie betreffende Gesetz nach den Principien der Bundesacte eben nur auf Christen Anwendung finden, abgesehen davon, daß, weil diese Institution eine religiöse ist, sie dem Individuum überlassen sein müßte. Doch so weit gehen eben die Vertheidiger dieser übermäßig strengen Sonntagsruhe nicht und halten sich vielmehr an den eben besprochenen Einwand. — Auch von einer anderen Seite kann ich das Verfahren nicht weniger unserer hiesigen Glaubensgenossen nur mißbilligen, wenn sie sich nämlich und zwar recht laut gegen die Einwanderung polnischer, russischer und rumänischer Juden aussprechen, weil diese in den letzten Jahren etwas stark angeschwollen ist. Abgesehen davon, daß es doch grausam wäre, solchen Einwanderern, wenn sie nicht geradezu auf den Bettel ausgehen, die fast einzige Zufluchtsstätte zu verschließen, so machen doch bei dem jetzt wieder im Steigen begriffenen gewaltigen Strome der allgemeinen Einwanderung einige Tausend Juden mehr oder weniger nichts aus. Die Juden in der Union bilden noch heute nicht viel mehr als ein halbes Procent der Gesammtbevölkerung, und jene russisch-polnischen Einwanderer, die ihren Glaubensgenossen sich bisweilen lästig machen, haben doch in der Union noch nirgends einen wesentlich üblen Eindruck in sittlicher und criminalistischer Beziehung gemacht. Sie liefern nur äußerst selten ein Subject der gerichtlichen Verfolgung dar, während z. B. die irische Einwanderung die Gefängnisse und Zuchthäuser in einem, die andere, besonders amerikanische Bevölkerung, bei Weitem übertreffenden Verhältniß füllen. Vom allgemeinen Gesichtspunkte aus kann es dem amerikanischen Judenthum, das in seiner Reformsucht allzu weit geht, und alles Eigenartige des Judenthums bis zur völligen Unkenntlichkeit abstreift, garnichts schaden, wenn durch jene Einwanderer wieder ein conservatives Element hineinkommt. Entsteht daraus auch Kampf, so ist dies doch nur ein geistiger, der nach den in der alte» Welt gemachten Erfahrungen auf das bürgerliche Leben nur äußerst geringen | Einfluß übt, und ein solcher Kampf ist für das religiöse j Leben förderlich. — Wenn ich Ihnen nach diesen allgemeinen Betrachtungen nicht über thatsächliche Details berichte, so thuc ich dies, weil ich es für gleichgültig halte, ob dieser oder jener Rabbiner von der einen oder von der anderen Gemeinde angestellt worden, ob dieser oder jener Rabbiner eine mehr oder weniger heterodoxe Ansicht über religiöse Dogmen öder gottesdienstliche Einrichtungen ausgesprochen habe und dergl. Das kommt und geht bei unserem schnellen Leben, wird besprochen und vergessen, vielleicht ehe die Mittheilung über den Ozean gefahren. Bonn, 24. Juli. (Notizen.) In Württembergischen Blättern wird mitgetheilt: der in München von der liberalen Partei gewählte Landtagsabgeordnete Karl Maison, Mitbesitzer der gleichnamigen Großhändler-Firma in München, ist hier gebürtig, Sohn des im Jahre 1856 verstorbenen Lehrers Maison - Frankfurter. Karl war beim Tode des Vaters 16 Jahre alt, sein ältester Bruder war bis vor 4 Jahren Lehrer in Lauchheim. Der Gewählte ist seit 1871 Handelsrichter und seit 1875 Mitglied der Handels- und Gewerbekammer für Oberbayern und in derselben Referent in hochwichtigen industriellen Tagesfragen. Mehrere Borträge über volkswirthschaftliche Themata von ihm sind ini Druck erschienen wie: Der Kaufmann im wirthschaftlichen und socialen Leben; Schlechte. Zeiten; Aus dem Berkehrsleben der Neuzeit u. a. m. Derselbe ist auch in das Directorium der nächstjährigen deutsch-nationalen Knnstgewerbe- Ausstellung gewählt. Drei Brüder Frankfurter haben sich rühmlich ausgezeichnet, der obengenannte Maison, der als Lehrer in Oberdorf starb, ein zweiter Bernhard, Lehrer Berthold Auerbachs, der dritte Naphtali, ein Schüler des Ellwanger Gymnasiums, starb als berühmter Kanzelredner tu Hamburg. — Man schreibt aus Paris: Bei dem großen Brande, welchen die Opera eomique zerstörte, zeichneten sich mehrere Personen durch ihren hingebenden Eifer zur Rettung gefährdeter Menschen aus, welchen die Regierung ihre Anerkennung durch Ertheilung von Medaillen ausdrückte. So erhielt auch unser Glaubensgenosse Herr Eduard Philipp die goldene Medaille für seine bei dieser Gelegenheit bewiesene Hingebung. Aus Pest wird uns geschrieben: In Graz wurde Prof. Zuckerkandel zum Dekan der medicinischen Fakultät gewählt. Z. ist der erste Jude, der dieses Amt an der Grazer Universität bekleidet. — Die Kronprinzessin des deutschen Reiches stattete den 8. d. M., begleitet von einer ihrer Töchter, dem Baron Ferdinand von Rothschild in Waddesdon Manor einen Besuch ab und pflanzte zur Erinnerung einen Baum in den Anlagen der Besitzung. — Bei der jüngst stattgesundenen Kronjuwelen-Versteigerung