Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 30 (28.6.1887)
- Date
- 1887-06-28
- Page
- Seite 473 (sequence 9)
- Language
- German
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473 Mark 20,610 gehabt, welche die Ausgaben bis auf den Kassenbestand von Mark 723 verzehrten, so jedoch, daß für 3000 Mark Effecten angekauft worden. Die übrige Summe wurde für Krankenpflege und Armenbestattung ausgegeben. Die Gesellschaft besitzt gegenwärtig ein Vermögen von Mark 75,775. — Der „Israelitische Armen-Hilfs-Verein" verausgabte im Jahre 1886 an ordentlichen und außerordentlichen Unterstützungen Mark 15,414, wovon an arme Durchreisende Mark 1327 fallen. Die Einnahmen, theils aus regelmäßigen Beiträgen, theils aus Geschenken und Legaten, balanciren hiermit. — Die Ritsche - Flatau'sche Waisenerziehungsanstalt für Mädchen hatte eine Einnahme von Mark 3225. Sie erzieht 10 Zöglinge und erkaufte von den Einnahmen für Mark 1800 Posener Pfandbriefe zur Vermehrung ihrer Fonds. Es versteht sich, daß wir in unserer Gemeinde noch eine Reihe wohlthätiger Veranstaltungen und Vereine haben, deren Jahresberichte entweder nicht erschienen oder mir nicht zugekommen sind. München, 16. Juli. Man schreibt der „Frkft. Ztg." von hier: Die neue Synagoge ist so weit vollendet, daß sie Mitte des nächsten Monats feierlich dem Gebrauch übergeben werden wird. Inzwischen ist alltäglich Gelegenheit gegeben, das nach sachverständigem Urtheil sehr gelungene Werk des hiesigen Architecten Albert Schmidt zu besichtigen, und machen alle Kreise der hiesigen Bevölkerung sowohl, wie zahlreiche Fremde von dieser Gelegenheit Gebrauch. So viele Freude und Bewunderung sich dabei über die Synagoge selbst äußert, so viel Kopfschütteln und Aerger macht sich Luft über ihre augenblickliche Umgebung. Wenn man vom Göthemonument zu der prächtigen Fassade des Neubaues hinüberschaut, hat das Auge zuerst allerlei Scheußlichkeiten zu überwinden, die noch dazu einen Theil der Fassade ganz verdecken. Da ist zunächst ein altes Gebäude, das, wenn ich recht unterrichtet bin, vor Zeiten als Spritzenhaus diente, welche Bestimmung es heute hat, weiß ich nicht, doch genügt sein einstiger Beruf vollkommen, um Jedermann von dieser „Zier" der Stadt ein Bild zu geben; daneben streckt sich eine alte hölzerne Planke, die mit Singernähmaschinen und ähnlichen geschmackvollen Reklamen geziert ist. Dahinter windet sich ein Bach, der beiderseits die Ufer in der primitivsten Gestaltung mit zerbrochenen Töpfen und ähnlichem überflüssig gewordenen Hausrath zeigt und dicht vor der Synagoge erheben sich die Trümmer der ehemaligen Herberge der Künstlergesellschaft „Allotria". Erheben sich thatsächlich, denn in irgend welcher weisen Fürsorge' hat man eine etwa 6 Fuß hohe Wand stehen und verschiedene Mauersteine rc. liegen lassen. In der That eine eines Gotteshauses, wie eines monumentalen Bauwerkes in der Stadt der Frömmigkeit und des guten Kunstgeschmackes so würdige Umgebung, daß man alle Veranlassung hat, sie so lange wie möglich zu konserviren, wozu nach den bisherigen Erfahrungen die beste Aussicht vorhanden zu sein scheint. Kaiserslautern, 19. Juli. Man schreibt von hier: Die nächste Schwurgerichtssitzung der Pfalz in Zweibrücken wird auf ihrem Repertoire allein drei Preßvergehen aus hiesiger Stadt aufzuweisen haben. Nachdem vor einigen Wochen Buchhändler Gotthold wegen Verbreitung antisemitischer Pamphlete durch die Staatsanwalt dem Schwurgericht überwiesen wurde, sind gestern der Verleger Michael Blenk nnd der Redacteur Ferdinand Worthoff des „Pfälzer Volksblattes", Organs der Centrumspartei, wegen Beleidigung der Gendarmerie in St. Ingbert vor die Assisen verwiesen worden. Aschaffenburg, 20. Juli. (Privatmitth.) Der von hier gebürtige, in Paris verstorbene, Herr D. Dilsheimer hat außer verschiedenen Legaten an Verwandte, Freunde und Dienerschaft der hiesigen Cultusgemeinde 10,000 Frcs. für wohlthätige Zwecke vermacht und der Stadtgemeinde 100,000 Frcs. gestiftet. Von den Zinsen dieser 100,000 Frcs. sollen jährlich 500 Frcs. der Erziehung eines armen Knaben ohne Unterschied der Confession gewidmet sein, 500Frcs. zur Versammlung eines Unterstützungssonds für bedürftige Verwandte des Erblassers verwendet werden, während der Rest der Zinsen für die Ausstattung eines armen Mädchens bestimmt ist. Ein Jahr soll ein jüdisches Mädchen und ein Jahr ein christliches Mädchen bedacht werden. Meldet sich kein städtisches Mädchen, so ist ein Mädchen der Amtsbezirke Aschaffenburg, Alzenau und Obernburg zu wählen. Die Vertheilung soll öffentlich und feierlich als Belohnung für ein tugendhaftes Leben und kindliche Ergebenheit an einem Sonntag im Mai stattfinden, gleichsam um einen Wetteifer hervorzurufen. Was sagen die Antisemiten zu einer solchen Bethätigung wahrer nnd echter Humanität? Werden sie diesem löblichen Beispiele folgen oder in ihrer Verbissenheit verharren? Oesterreich-Ungarn. Linz, 14. Juli. Nach einer Mittheilung des clericalen „Linzer Volksblatt" haben sich die Herren oberösterreichischen Advocaturs-Candidaten an die Advocaten-Kammer in Linz mit einer Eingabe gewendet, deren Schlußbitte dahin geht, „die Advocaten-Kammer möge das Ansehen des Standes wahren und die geeigneten Schritte unternehmen, daß der Stand nicht verjudet". Hierzu macht die Redaction die Bemerkung, daß nur eine verschwindend kleine Anzahl von Concipienten die Eingabe nicht unterschrieben hätte. Wir sind gespannt, welchen Bescheid die Herren Petenten erhalten werden, und es wäre erwünscht, daß der Ausschuß der oberösterreichischen Advocaten-Kammer die diesbezügliche Erledigung nicht im Archive verschwinden lassen möge. so